blz_logo12,9

Filmkritik "The Deep": Sechs Stunden im Atlantik

Angst vorm Ertrinken hat er nicht: Gulli (Ólafur Darri Ólafsson).

Angst vorm Ertrinken hat er nicht: Gulli (Ólafur Darri Ólafsson).

Foto:

mfa

Gulli ist unser Held, bevor er tatsächlich einer wird. Die Art, wie er seinen Seesack hält, das Schiff besteigt, seine Ruhe auf die anderen überträgt – das hat einfach Klasse. Die Fischer in diesem Film haben ein gefährliches Abenteuer vor sich, das doch nichts weiter ist als ihr Alltag. Dazu braucht man Kerle wie Gulli, hier wuchtig verkörpert von Ólafur Darri Ólafsson. Doch so stark und selbstgewiss wie dieser Mann ist auch der Schnitt von „The Deep“, und die Regie steht ihm nicht nach: Das Aufladen, Ablegen und Losfahren muss schnell gehen, in aller Ruhe unter höchster Konzentration.

Die ersten, sagenhaften Minuten dieses Films leben ganz von diesem Rhythmus selbstbestimmter Arbeit, der keinen Verzug verträgt und auch kein Wort zuviel. Genauso wurde schon der Abend davor gefilmt: In der Kneipe gab es Liebeleien und eine Schlägerei unter Besoffenen, bei der Gulli als Einziger gerade stand. Hier haben die Fischer die Ausfahrt beschlossen, in einer scheinbar ewigen isländischen Nacht und unter Wetterbedingungen, bei denen unsereins nicht aus dem Haus geht. Doch die See wartet nicht.

„The Deep“ ist den isländischen Fischern gewidmet und erzählt eine wahre Geschichte: Im Jahr 1984 gerieten Fischer der Westmännerinseln, die schon eine Urkatastrophe hinter sich hatten, einen Vulkanausbruch wenige Jahre zuvor, in einen teuflischen Sturm. Ihr Schiff kenterte, weil sie sich nicht entschließen konnten, die neuen Netze zu kappen. Nur einer überlebte, und man darf raten, wer das wohl war. Doch in dem Moment, da Gulli ein Held ist, fällt alles Heroische von ihm ab. Das Leben als Überlebender ist zum Verzweifeln, eine einzige Qual. Mehr noch, im Krankenhaus muss sich Gulli skurrilen Tests unterziehen. Die Ärzte finden keine wissenschaftliche Erklärung für einen, der sechs Stunden im eisigen Wasser aushielt, wo andere nach zwanzig Minuten den Geist aufgeben. Gulli wird sagen, er hatte einfach Angst vor dem Ertrinken.

Dass der Film seinen Höhepunkt so früh hergibt, mag frustrieren, aber es hat nichts mit Angst zu tun. Es ist vielmehr die notwendige Konsequenz eines postheroischen Erzählens, das sich hier mit einem beruflichen Ethos verbindet: Wer den Fisch fängt, muss danach immer noch nach Hause fahren; und ein Schiffbruch ist keine Heldentat, sondern ein Störfall, den es zu vergessen gilt.

Der Regisseur Baltasar Kormá-kur, der als Schauspieler beim großen Fridrik Thor Fridriksson begann und seit seinem Debüterfolg „101 Reykjavik“ auch in Hollywood filmt, löst seine Aufgabe glänzend. Weil er kein Geld für Wassertanks hatte und ihm das in Island ohnehin kein Mensch glauben würde, drehte er sein fantastisches Untergangsszenario gleich im Atlantik. Aber es sind viele Gründe, weshalb man diesen isländischen Oscar-Beitrag weniger mit Wolfgang Petersens „Perfect Storm“ vergleichen möchte als mit Robert J. Flahertys klassischer irischer Fischerfabel „Die Männer von Aran“ aus dem Jahr 1934. Wie beim amerikanischen Dokumentaristen ist der „dokumentarische Blick“ bei Baltasar Kormákur in Wahrheit das Ergebnis vollendeter Filmkunst, ist die Leidenschaft für eine Sache Verpflichtung zur Präzision. Jeder Handgriff muss sitzen. Was im Sturm zählt, ist die richtige Haltung. Irgendwie ist auch Baltasar Kormákur gerade unser Held.

The Deep (Diúpid) Island 2012. Regie: Baltasar Kormákur, Drehbuch: Jón Atli Jónasson, Baltasar Kormákur, Kamera: Bergsteinn Björgúlfsson, Darsteller: Ólafur Darri Ólafsson, Jóhann G. Jóhansson u. a.; 96 Minuten, Farbe. FSK ab 12.



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?