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Berliner Zeitung | Filmkritik "The Descendants": George Clooney in einer oscarreifen Geschichte
25. January 2012
http://www.berliner-zeitung.de/10774384
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Filmkritik "The Descendants": George Clooney in einer oscarreifen Geschichte

In "The Decendants" spielt Clooney einen (fast) überforderten Familienvater.

In "The Decendants" spielt Clooney einen (fast) überforderten Familienvater.

Foto:

dapd

Mit George Clooney verhält es sich wie mit langjährigen Freunden – man sieht ihn doch immer wieder gern, und je älter er wird, desto lieber. Früher war der Mann einem vielleicht zu glatt und schön, um wirklich interessant zu sein. Man wusste nie recht, ob er nun gut spielt oder einfach nur wieder mal gut aussieht. Jetzt sieht Clooney zwar immer noch gut aus, aber man hat sich inzwischen daran gewöhnt – ja, man übersieht es sogar fast, wenn er wie jetzt in Alexander Paynes neuem Film „The Descendants“ in Shorts und fragwürdigen Hemden daherschlufft.

Clooneys Schönheit lenkt nicht mehr ab, und so kann etwas für den Zuschauer sehr Tröstliches zutage treten: seine Normalität. Oder, wenn man so will, seine Durchschnittlichkeit.

Maximale Geltung darf Clooney derselben nun als Vater zweier Töchter verschaffen, der nach einem Bootsunfall der Ehefrau in eine tiefe Krise gerät. Als seine Gattin im Koma liegt, erfährt Matt King nämlich, dass sie ihn betrogen hat mit irgendeinem Kerl, der in Immobilien macht. Auch Matt hat gerade mit Immobilien zu tun: Ein Filetstück am Meer, das der Großfamilie gehört, soll verkauft werden, 25.000 Morgen Land; fast alle freuen sich schon auf ihren Anteil; so mancher Cousin benötigt ihn dringend.

Es handelt sich indes um das letzte unberührte Stück Land auf Hawaii – erwähnten wir schon, dass der Film hier angesiedelt und, auch musikalisch, entsprechend ausgestattet ist?

Ärger im Paradies

Es ist durchaus eine riskante Idee, die Alexander Payne, hochgelobter Regisseur von „Sideways“ oder auch „About Schmidt“, hier umgesetzt hat: die Idee der Krise im Paradies, als das Hawaii, diese Ansammlung von Inseln, unter Touristen wohl gilt. Für Matts Familie ist Hawaii indes nichts anderes – und nicht weniger – als Heimat, Wohnort, Arbeitsstätte. Und nun eben der Austragungsort existenzieller Konflikte, bebender Boden gewissermaßen, in dem sich die eigenen Wurzeln gefährlich zu lockern drohen.

Denn da ist nicht nur die untreue Ehefrau, die nie mehr aus dem Koma erwachen wird. Und es ist nicht nur so, dass Matt nun quasi alleinerziehend ist – auch die beiden Töchter bereiten Probleme. Die ältere lernt in einem Sonderinternat für schwierige Fälle, und die jüngere wirft schon mal Möbel in den Pool, wenn sie nicht gerade ihre Mitschülerinnen derartig verstört, dass Matt Abbitte leisten muss bei den Eltern.

George Clooney spielt diesen Vater, auf dessen Schultern sich unversehens die Last vervielfacht, als einen Menschen, der das Zusammenbrechen seiner alten Welt nahezu ungläubig bezeugt, aber zu handeln gezwungen ist. Schon weil juristische Entscheidungen zu fällen sind und er für die Töchter sorgen muss.

Im Laufe der Zeit lernen sich die drei sogar im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu verstehen: der überforderte Vater, der sarkastische Teenager und die einsame Elfjährige. Nachdem Matt es sich in den Kopf gesetzt hat, den Liebhaber der Frau gewissermaßen zu stellen – er hat sogar einen vernünftigen Vorwand! –, tritt die Restfamilie gemeinsam mit dem Freund der älteren Tochter eine Reise an. Sie führt die Figuren zu neuen Ufern und den Zuschauer durch den Film.

Mann im Mittelpunkt

Alexander Payne inszeniert nicht allzu viele Filme, alle paar Jahre einen, aber jeder einzelne ist es wert, gesehen zu werden. Paynes Stärke ist die Comedie humaine: die leise, unspektakuläre, aber umso präzisere Skizzierung menschlicher Schwächen und Sehnsüchte in Umbruchsituationen, was bei allem Schmerz nicht selten urkomisch wirkt.

Gewiss steht auch hier, wie in anderen Payne-Arbeiten, ein Mann in den sogenannten besten Jahren im Mittelpunkt, aber dessen Blick auf die Kinder und Großfamilie verleiht dem Film fast unmerklich etwas Grundsätzliches. Denn hier muss Leben geschützt und gelenkt werden, dessen Wurzeln nun umso mehr bedroht sind.

Mit größter Sensibilität erzählt Payne davon, was Tradition, Familie und Heimat bedeuten. Was es heißt, Abschied nehmen zu müssen. Seine Verfilmung eines Romans von Kaui Hart Hemming ist zu Recht für den Oscar nominiert. George Clooney auch.

The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten (The Descendants) USA 2011. Regie: Alexander Payne, Kamera: Phedon Papamichael, Darsteller: George Clooney, Shailene Woodley, Beau Bridges, Robert Forster u.a.; 118 Minuten, Farbe. FBW: Besonders wertvoll.

Ab Donnerstag im Kino.