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Filmkritik "The Revenant": Tödliche Wasserfälle, wilde Tiere und mordlustige Weiße

Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) ist einfach nicht tot zu kriegen.

Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) ist einfach nicht tot zu kriegen.

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fox

Völlig unerwartet greifen die Indianer das Lager der Jäger und Fallensteller an. Pfeile bohren sich in Hälse, Tomahawks spalten Schädel, Kugeln zerfleddern Menschenfleisch. Einem Teil der Trapper gelingt die Flucht auf einem Boot – im Auftrag der Rocky Mountain Fur Company waren sie in die Great Plains gekommen, um Felle zu erbeuten.

Unter den Männern befindet sich Hugh Glass, der mit seinen Abenteuern in den 1820er-Jahren zur uramerikanischen Legende wurde. Es ranken sich vielfache Mythen um ihn, die literarisch wie filmisch gewürdigt wurden.

Denn dieser etwa 1780 geborene Mountain Man und Entdecker hat nicht nur Attacken von Indianern überlebt, sondern auch den Angriff einer Grizzlybärin – schwer verletzt und den Unbilden einer feindlichen Natur ausgesetzt.

Solche Geschichten hat das Kino immer wieder erzählt: Ein Mann macht sich auf, um nach Westen zu ziehen und neue Gegenden und Ressourcen zu erobern. Dass Hugh Glass aber auch seinem schlimmsten Widersacher getrotzt hat, macht sein Schicksal für Alejandro Gonzalez Iñárritu noch interessanter.

Der mexikanische Regisseur wurde zuletzt für „Birdman“ gefeiert. In seinem neuen Film, der zu Teilen auf dem Roman „The Revenant“ von Michael Punke beruht und ebenso heißt wie dieser, wertet er die wahre Überlebensgeschichte des Hugh Glass zu einer Rachegeschichte um.

Auf dem Pfad der Rache

Doch zunächst muss es einen Grund geben für Rache, und der wurde von Iñárritu hinzuerfunden: Der nach dem Bärenangriff bewegungsunfähige Glass muss nämlich hilflos mit ansehen, wie sein Sohn ermordet wird von John Fitzgerald, einem Gefährten quasi aus der Hölle. „Wenn Gott ein Eichhörnchen wäre, würde ich es töten und aufessen“, sagt dieser John einmal, der Hugh Glass hasst, aber Indianer hasst er fast noch mehr.

Hier muss man wissen, dass Glass nach dem Willen von Iñárritu einst mit einer Pawnee-Indianerin zusammenlebte und Kinder mit ihr hatte. Die Frau wurde von Weißen getötet – in weichen Rückblenden erfährt der Zuschauer all dies und auch, dass Glass seinen halbindianischen Sohn sehr liebt. Der Trapper und Mountain Man ist also ein zugewandter Familienmensch gewesen, bis man ihm seine Angehörigen nahm in einer Zeit, die nicht nur hart war, sondern gnadenlos.

Das ist wichtig, denn es vergällt einem diesen Film über den sagenhaften Mythenträger ein wenig. Schließlich brauchte der Wilde Westen durchaus keine sentimentalen Gründe, um Mythen zu produzieren – Gefühligkeit trug kaum bei zum Nation Building der Vereinigten Staaten von Amerika. Überhaupt ist man immer wieder hin- und hergerissen angesichts der neuen Regiearbeit von Alejandro Gonzalez Iñárritu. Einerseits baut der Film die These, dass im Wilden Westen jeder Mensch zum Barbaren wurde, auf verschiedenen Bezugsebenen schlüssig in die Handlung ein.

Außerdem brilliert „The Revenant“ mit großartigen Kinobildern, in denen meisterhaft etwa die Stofflichkeit der Elemente – vor allem Wasser und Luft – untersucht, aber auch fast schon angestrengt eine Spiritualität á Terrence Malick beschworen wird.

Der Regisseur wechselt überdies immer wieder die Perspektive (Kamera: Emmanuel Lubezki) auf der Suche nach dem großen Panorama, welches die Gesellschaft abbildet und gleichzeitig eine Transzendenz dieser Abbildung vermittelt.

Zwischen Horror und Groteske

Andererseits ist das Ungemach, das Hugh Glass trifft, in seiner außerordentlicher Fülle und Fiesheit kaum noch glaubhaft. Man kann auch sagen: Für den guten Hugh kommt es extra-dicke! Allein schon die Szene zu Anfang, in welcher der Trapper von der Bärin angegriffen wird, changiert bedenklich zwischen Horror und Groteske.

Das Raubtier glaubt seinen Wurf bedroht; um die kleinen Bären zu schützen, springt es wütend mit ausgefahrenen Riesenkrallen auf Glass herum, und zwar immer wieder – so, als wäre der Mann ein Trampolin, was etwas Komisches hat. Dass sich dabei dennoch die Gewalt der Natur vermittelt, spricht dann doch für den Horror.

Vom miesen John (Tom Hardy) fast lebendig begraben, kämpft sich Hugh Glass nun über Monate hinweg nicht nur ins Leben, sondern auch – aus der Wildnis von Montana über 300 Kilometer – in die Zivilisation zurück. Wobei mannigfaltige Hindernisse auftreten: Tödliche Wasserfälle; weitere wilde Tiere; mordlustige Weiße der verschiedenen, in die Neue Welt ausgewanderten Nationen; wehrhafte Indianer, die ihr Land zu verteidigen suchen, sich aber auch gegenseitig töten – Stamm gegen Stamm.

Menschen in Extremsituationen

Das alles übersteht Hugh Glass, und fast ist es überflüssig zu erwähnen, dass der Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio mit seinem Spiel Oscar-Material vorlegt. „The Revenant“ ist ein Film über die Bestie an sich, im Menschen und in der Natur. Um Menschen in Extremsituationen, physischen wie psychischen, geht es in den Filmen von Alejandro Gonzalez Iñárritu seit dessen Debüt „Amores perros“ vor 15 Jahren.

In „The Revenant“ schwelgt er nun geradezu in der Überfülle solcher Extremsituationen – und findet dennoch einen Höhepunkt in jener Szene, da Hugh Grant sein totes Pferd ausweidet, um sich dann nackt in dessen hohlem, blutigem Leib zu verkriechen vor dem Frost. Am Ende erlebt man die Geburt der Zivilisation aus dem Geist des Tötens und ein eindringliches Kinoerlebnis.