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Berliner Zeitung | Filmkritik: Abschied von Frank
15. November 2011
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Filmkritik: Abschied von Frank

 Letzte Zärtlichkeit: Simone (Steffi Kühnert) teilt sich eine Zigarette mit Frank (Milan Peschel).

Letzte Zärtlichkeit: Simone (Steffi Kühnert) teilt sich eine Zigarette mit Frank (Milan Peschel).

Foto:

Rommel Film / Foto Andreas Drese

Das Reihenhäuschen am Stadtrand haben sie erst vor kurzem bezogen, aber alles hat schon seinen Platz. Das gemütliche Durcheinander, das entsteht, wenn eine vierköpfige Familie Räume und Gegenstände schon länger in Gebrauch hat, konnte sich noch nicht ausbreiten. Frank und Simone haben sich einen Traum erfüllt. Nun sitzen sie im Sprechzimmer eines Arztes. Der sagt ihnen nur das, wonach sie konkret fragen. Ja, es ist ernst. Nein, operabel ist der Hirntumor nicht, an dem Frank erkrankt ist. Und leider könne er auch nicht sagen, wie viel Zeit der Mittvierziger noch habe. Das sei von Patient zu Patient verschieden. Simone beginnt zu weinen. Der Arzt bleibt sachlich. Zwischendurch klingelt sein Telefon, Kollegen haben eine Frage. Dann wendet sich der Neurologe wieder Frank und Simone zu.

Die Anfangsszene von Andreas Dresens neuem Film „Halt auf freier Strecke“ stand so nicht im Drehbuch. Weil es keins gab, jedenfalls nicht im üblichen Sinn. Der Arzt, der hier auftritt, ist ein echter Neurochirurg; er arbeitet als Chefarzt in einer Potsdamer Klinik. Weder war der Anruf inszeniert noch die Art, in der dieser Mediziner seinen Patienten Auskunft gibt. Alles will hier real sein; so oder so ähnlich geht es im Leben zu, wenn die schlechte Nachricht heraus ist. Andreas Dresen stellt sich mit seinem neuen Film nicht nur einem Tabu, dem Sterben und dem Tod – er will dabei auch so nah an der Wirklichkeit bleiben wie im Kino nur irgend möglich. Die Realität soll die Fiktion anleiten wie ein Dirigent das Orchester.

Der Tod als unvermeidbarer Gast

Dass in diesem Film Frank unheilbar erkrankt und nicht Simone, hat einen guten Grund. Es wird ja meist sentimental, wenn auf der Leinwand eine Mutter stirbt, bevor deren Kinder selbst für sich sorgen können. Da wollte Dresen aber nicht hin – so wie er auch nicht wollte, dass der Tod wieder nur eine miese Pointe, eine raffinierte dramaturgische Konstruktion ist in einer der üblichen Kinogeschichten, benutzbar zu anderen, weniger verstörenden Zwecken. Nein, der Tod wird bei Dresen eingelassen wie ein unerwünschter, aber unvermeidbarer Gast. Dieser Film holt ihn herein in die Familie von Frank und Simone. Sie will die Konfrontation mit dem Sterben nicht, aber sie hat keine Wahl. Das zu leugnen wäre ebenso nutz- wie würdelos.

Halt auf freier Strecke heißt es also für Frank, der am Abendbrottisch zusammenbricht. Warum ich und warum jetzt – das sind dann so die Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Soll man es den Kindern sagen? Aber wie sagt man es ihnen? Alle sind überfordert. Alles ist auch so ungeheuer banal. Was soll man überhaupt sagen in einem solchen Fall wie dem von Frank? Und was soll man schreiben über einen so furchtlosen, verstörenden Film, in dem alles gesagt wird, ohne dass es viele Worte braucht.

Andreas Dresen begleitet seine Filmfamilie mit größter Zärtlichkeit. Und das nicht nur ohne zu beschönigen, auch ohne zu urteilen, etwa wenn Frank und Simone Hoffnung bei esoterischen Schwätzern suchen. Da sitzt dann der Arbeiter mit seiner Frau, der Straßenbahnfahrerin, und kein Märchen geschieht. Dass Frank immer weniger funktioniert, ist ein unlösbares Problem für seine Angehörigen. Der Film zeigt, wie aggressiv es sie macht, wenn er nicht mal mehr in der Lage ist, ein Kinderbett zusammenzubauen. Ein Familienausflug muss abgebrochen werden, als Franks Kopf und Körper nicht mehr machen, was sie sollten. Die Kinder sind beleidigt deswegen. Der Zorn der vierzehnjährigen Lili kennt kaum Grenzen, als der Vater in ihr Zimmer pinkelt. Simone weiß natürlich, dass es der Tumor in Franks Kopf ist, und trotzdem verletzt es sie zutiefst, wenn ihr Mann sie beleidigt und Gegenstände nach ihr wirft. „Wenn du tot bist, kann ich dann dein iPhone haben?“ fragt der kleine Sohn Mika.

Videotagebuch des ausgehenden Lebens

Die so ganz gefühligkeitsfreie Art, in der hier immer wieder auch die Frage nach der Brauchbarkeit des Menschen gestellt wird, trifft einen ins Mark. Den physischen Verfall seines Protagonisten dokumentiert Dresen indes ebenso filterfrei wie die Prozeduren der häuslichen Pflege: den kranken, zunehmend hilflosen Menschen waschen, windeln, ihn füttern und ihm die Zähne putzen. Ja, es ist schon lustig, wenn Franks Tumor – in Gestalt eines Mannes – bei Harald Schmidt zu Gast ist, aber es ändert doch nichts an der Situation. So lange das noch geht, führt Frank mit seiner Handy-Kamera ein Videotagebuch seines ausgehenden Lebens, und es wirkt zunehmend, als täte er das, eben weil er es noch kann.

Bei einem Film wie diesem hängt, wie in der Wirklichkeit, alles von der Haltung der Mitwirkenden ab. Milan Peschel spielt Frank, Steffi Kühnert die Simone. Weiß die Welt eigentlich inzwischen, was das für Ausnahmeschauspieler sind?! Man möchte stumm niederknien vor ihnen. Gemeinsam mit seinen Darstellern hat Andreas Dresen diesen Film entwickelt, der im Abschiednehmen die Idee eines verantwortlichen Lebens feiert. Das darf normal sein, unvollkommen, nur eben nicht feige. „Sterben ist eine letzte Arbeit“ schreibt Wolfgang Kohlhaase in einem Geleitwort zu den Filmmaterialien: „Nicht allein sein, während man allein bleibt, das ist vielleicht gut.“

Halt auf freier Strecke Dtl. 2011. Regie: Andreas Dresen, Drehbuch: Andreas Dresen, Cooky Ziesche, Kamera: Michael Hammon, Darsteller: Milan Peschel, Steffi Kühnert, Talisa Lilli Lemke, Mika Seidel, Ursula Werner, Otto Mellies, Christine Schorn u.a.; 110 Minuten, Farbe. FSK ab 6 Jahre. Ab Donnerstag im Kino.

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