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Freie Kulturszene Berlin: Ruhm zum Dumpingpreis

Die Eröffnungsaktion der Kampagne der Koalition der Freien Szene vor der Berliner Philharmonie am 23. August 2013

Die Eröffnungsaktion der Kampagne der Koalition der Freien Szene vor der Berliner Philharmonie am 23. August 2013

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Notker Schweikhardt

André Schmitz sitzt im Museums-Café des Martin-Gropius-Baus. Er trifft hier Journalisten zum Gespräch, bis mittags gegenüber im Abgeordnetenhaus die Geschäfte beginnen. Es ist zehn Uhr morgens, er ist wach, interessiert, aber auch reichlich gemütlich. Obwohl es um ein Thema geht, das ihm in den vergangenen drei Wochen eine Menge Ärger bereitet hat. Seit drei Wochen – seit die Haushaltspläne bekannt geworden sind, die Schmitz und sein Chef, Kultursenator Klaus Wowereit, geschmiedet haben – befindet sich die freie Szene Berlins auf den Barrikaden. Kein Cent mehr ist im Kulturhaushalt für die freie Kunst in der Stadt vorgesehen. Und das nach einem Jahr, in dem so viel wie nie zuvor über die künstlerische wie wirtschaftliche Bedeutung diskutiert wurde, die die freie Kunst für Berlin hat.

Die Industrie- und Handelskammer, das Tourismusmarketing, viele Wirtschaftspolitiker: Sie alle hatten deutlich gemacht, dass sie die Koalition, zu der sich die freie Szene zusammen geschlossen hat, unterstützen. Regelmäßig ist dabei von der „freien Szene als einem Markenkern“ der Stadt die Rede.

André Schmitz selbst hat die Lage oft nüchtern als eine klare Unterfinanzierung beschrieben. Aber, so sagt er jetzt: „Ich habe keine falschen Hoffnungen geweckt. Ich habe immer gesagt, beim nächsten Haushalt steht die Konsolidierung der Institutionen, die Bewältigung der anstehenden Tarifsteigerungen im Vordergrund.“ Dass dafür in den kommenden zwei Jahren fast 30 Millionen Euro mehr in den Kulturhaushalt fließen, war beim Ringen um Gelder ein Sieg für die Kultur. Und dass ihm dieser Erfolg durch den wütenden Aufschrei der freien Szene vermasselt wurde, hat den Kulturstaatssekretär reichlich verärgert.

Die Arbeitsbedingungen für junge Künstler in Berlin könnten so schlecht nicht sein, sie würden sonst wohl nicht in die Stadt kommen, gab er gegenüber einem Boulevardblatt zu Protokoll. Ganz zurück ziehen möchte Schmitz diese Aussage nicht. Aber dass sie angesichts der prekären Lage der Künstler zynisch klingt (er sagt: „das war etwas provokant“), ist ihm selbst klar.

Frisches Geld durch City Tax

Wenige Tage zuvor sitzt Christophe Knoch in einem anderen Café in Kreuzberg. Knoch ist derjenige, der André Schmitz den Erfolg verdorben hat. Der studierte Jurist ist der manische Kopf und unablässige Motor der freien Szene-Koalition. Sicher, die freien Künstler – und auch der Kulturstaatssekretär – hatten auf eine Einführung der City Tax schon im Jahr 2013 gehofft. Frisches Geld, mit dem man die Etat-Töpfe der freien Szene hätte aufstocken können, ohne dabei den Institutionen ins Gehege zu kommen. Auf keinen Fall, so macht Knoch deutlich, wolle man eine Konkurrenz zwischen freien Künstlern und Kulturinstitutionen aufbauen. Aber Knoch bringt Zahlen mit, die deutlich machen, dass es nicht nur um den aktuellen Kulturhaushalt geht.

Es sind Zahlen, die weit über die Amtszeit von Schmitz hinaus reichen. Es geht um die Förderung der freien darstellenden Künste und freien Privattheater in Berlin seit 1999. Damals betrug der Etat für Konzeptförderung und Projektförderung für die freie darstellende Kunst über 11 Millionen Euro. 14 Jahre später sind es gerade mal 10 Millionen Euro. Rechnet man Inflation und Kostensteigerung dazu, ist das eine drastische Absenkung. Die Bewegungen, die zu dieser Absenkung geführt haben, sind kompliziert. Da ist etwa das Renaissance Theater, das einen festen Haushaltstitel erhielt und dafür die gesamten 2,1 Millionen Euro aus dem Topf der Konzept-Förderung mitnahm. Oder die Streichung der Förderung von Hansa-Theater und Schlosspark Theater, die für die Haushaltskonsolidierung einkassiert wurden. Es hat im vergangenen Jahr eine Erhöhung für die freien darstellenden Künste von fast einer Million Euro gegeben. Darauf beruft sich jetzt André Schmitz. Tatsächlich aber hat er es in den vergangenen sieben Jahren seiner Amtszeit unterlassen, eine dringend notwendige Kurskorrektur vorzunehmen.

Denn während die Förderung für die freie Kunst real abgesenkt wurde, hat die freie Kunstproduktion Berlins international eine immer größere Bedeutung bekommen und ist Berlin zur Boomtown für freie Künstler geworden. Das klingt paradox. Möglich war und ist das, weil die in Berlin lebenden und arbeitenden freien Künstler international so erfolgreich sind, dass sie viele Koproduzenten im In- und Ausland gewinnen.

Die Stadt hat davon profitiert. Und die Berliner Kulturpolitik hat es sich damit gemütlich gemacht, hat sich um die großen und repräsentativen Einrichtungen gekümmert und die Klagen der Freien mit freundlichen Worten und wenigen Taten abgespeist.

Aber, so sagt Christophe Knoch, es ist hier ein Ende erreicht. So habe etwa mit Pro Helvetia ein erster wichtiger Partner mit der Begründung, nicht die Berliner Künstler finanzieren zu wollen, die Kooperation aufgekündigt. Dramatisch ist die Lage für Häuser wie die Sophiensäle, die keine Koproduzenten gewinnen können, schlicht weil sie keinen eigenen Produktionsetat haben.

„Freie Szene“, das ist ein eigentlich unglücklicher Begriff. Denn es geht nicht um eine Unterscheidung in „große“ und „weniger große“ Kunst. Es geht um unterschiedliche Arbeits- und Produktionsweisen, um Beweglichkeit und Erfindungsgeist, um vieles, was den freien Raum jenseits der Institutionen braucht. Die Kulturpolitik hat ihre Verantwortung für diesen Bereich vernachlässigt. Mit Ignoranz – und reichlich rückständigen Kunstvorstellungen.