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Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Gastbeitrag von Wolfgang Kohlhaase: Wenn etwas gewonnen wird, wird etwas verloren

Wolfgang Kohlhaase.

Wolfgang Kohlhaase.

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Markus Wächter

Gedenktage mögen von stiller oder lauter Art sein, sie sind ein Angebot zu öffentlicher Übereinstimmung, die es alltäglich nicht gibt. Die DDR, weil sie so neu war und nicht sehr sicher, hatte ein Bedürfnis nach Geschichte als Dauer. Wenn etwas zum zweiten Mal stattfand, hieß es oft: Es ist nun schon eine schöne Tradition. Die DDR, das war eine andere Geschwindigkeit.

Am 9. November ’89 bin ich zum Brandenburger Tor gegangen, es sah dort aus wie vorher. Man musste zur Kochstraße gehen oder zur Bernauer, um in die Menschenströme zu geraten, die in einer Art von ungläubigem Glück die Grenze passierten, die die Unterproduktion von der Überproduktion getrennt hatte. Menschen sahen sich wieder und andere sahen sich zum ersten Mal. Ich war anders dran, was das betraf: Ich machte Filme, und die liefen auf Festivals und Filmwochen und manchmal auch im Kino, ich kannte im Westen Kollegen und Kneipen, aber ich kannte auch die neurotisierte Sehnsucht so vieler, die nicht raus durften. Lebenslanger Berliner, und zwar aus Adlershof, hatte ich auch keine Verwandten im westlichen Teil der Stadt bis auf eine Tante am Bahnhof Gesundbrunnen, die man wohl im April ’45 in ein namenloses Grab gelegt hat, wir haben sie nicht wiedergefunden.

Bunt, aber ungerecht

Das hatten wir ja noch gemeinsam in Ost und West, den Krieg und sein Ende und das Jahrzehnt danach und seine immer tieferen Trennungen, von denen niemand sich vorstellen konnte, wie lange sie dauern und wie sie jemals enden würden. Rückblicke sind offensichtlich leichter zu haben als Voraussicht.

Die Welt ist bunt, aber ungerecht. Ihr Gleichgewicht ist eine Balance der Widersprüche. Wenn etwas gewonnen wird, wird etwas verloren. Verloren ist ein Gesellschaftsentwurf, der, einfach gesagt, mehr Gerechtigkeit wollte. Er ist gescheitert aus Gründen, über die sich lange streiten lässt.

Es bleibt, er ist gescheitert.

Aber die Gründe dafür, dass er auf die Welt kam, sind unübersehbar. In den ersten Jahren nach dem Datum, das jetzt gefeiert wird, war es bei aller Vielstimmigkeit der Medien nicht mehr üblich, das Wort Kapitalismus zu gebrauchen. Man konnte glauben, er sei durch reine Nichterwähnung verschwunden. Nun redet man darüber, dass er noch da ist, aber sich selbst ein Rätsel. Die Politik bittet das Geld um mildernde Umstände.

Kein Ort ist mir näher als Berlin

Wir leben vorerst angenehm. Die Erde kann besichtigt werden, mit der Einschränkung, dass man nicht alles versteht, was man fotografiert. Wenn die Demokratie verteidigt wird, auch dort, wo es sie gar nicht geben kann, brennen oft die Häuser armer Leute.

Ein Gedenktag hat Sinn, wenn er das tägliche Denken ermutigt.

Das Persönliche ist leicht hinzugefügt. Im Jahr 1989 hatte ich mehr Lebenszeit hinter mir als vor mir. Mehr Leben hatte mich betroffen, als mir noch bevorsteht. Ich habe Drehbücher geschrieben und an Zuschauer gedacht, die ich kannte. Das größere deutsche Publikum hatte andere Erfahrungen und eine andere filmische Kinderstube, dazu gehört das amerikanische Kino. Welche Geschichten konnte ich wem warum erzählen? Ich war in Amerika, aber erst mit sechzig sah ich zum ersten Mal die Alpen oder die Nordsee. Kein Ort ist mir näher als Berlin. Ich kann meine Stimme nicht verstellen. Ich sehe mich in der Arbeit nach Freunden um, sie kommen von hier und von dort und sind jünger. Die meisten Fragen, das ist tröstlich, stellen sich immer wieder neu.