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Berliner Zeitung | Gedicht von Li Bai: Der Mond als Saufkumpan
30. December 2014
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Gedicht von Li Bai: Der Mond als Saufkumpan

Alleine trinken macht traurig. Aber ob der Schatten der richtige Kumpan ist?

Alleine trinken macht traurig. Aber ob der Schatten der richtige Kumpan ist?

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imago stock&people

Speisekarten sind eigentlich nicht dazu da, einen melancholisch zu stimmen. Doch gibt es eine, die eben das tut. Es ist die Karte eines von außen recht unscheinbaren chinesischen Restaurants an der Goebenstraße in Schöneberg nicht weit von den Yorck-Brücken. Ein Freund hatte dorthin zu einem Geburtstagsbankett geladen. Das Lokal hat sich auf die Dongbei-Küche aus dem Nordosten Chinas spezialisiert, die auch russisch beeinflusst ist. Als besonders eindrucksvoll erwiesen sich später die karamellisierten Süßkartoffeln, deren heißen, noch flüssigen Zuckerüberzug man mit Hilfe eines Schüsselchen kalten Wassers essbar machte.

Allein bei einem Krug Wein

Auf das, was in der Speisekarte auf einen wartet, bereitet einen nichts vor. Sie hat einen braunen Plastiküberzug, wie er vielerorts üblich ist. Schlägt man sie auf, findet man jedoch noch vor den Kalten Speisen ein Gedicht des berühmten chinesischen Dichters Li Bai aus dem 8. Jahrhundert, der Tang-Zeit, wie einen Wikipedia tags darauf belehrt.

„Einsamer Trunk unter dem Mond“ ist das Gedicht überschrieben, und es handelt von einem Mann, der ganz allein bei einem Krug Wein sitzt. Kein Freund, der ihm Gesellschaft leistet. So kommt er auf den Gedanken, sich den Mond dazuzuladen. Und Dritter im Bund wird schließlich sein eigener Schatten. „Der Mond weiß nichts vom Wein und seinen Freuden/Blind folgt der Schatten mir in Freud und Leid“ , schreibt Li Bai. Doch er stört sich nicht an der Seelenlosigkeit seiner Saufkumpane. Er trinkt und tanzt gerne mit den beiden. Mit folgenden herzzerreißenden Zeilen endet Li Bais Gedicht: „Ich liebe euch, ihr Freunde ohne Herzen/So lebt denn wohl! Bald treffen wir uns wieder auf irgendeinem Stern am Firmament.“

Glückskekse und Pflaumenwein

Sein Freund der Mond wurde Li Bai schließlich zum Schicksal, wenigstens einer Legende zufolge. Sie besagt, dass der Dichter eines abends am Ufer des Flusses Yangtze saß, wo er wieder einmal den ein oder anderen Schluck zu sich nahm. Als er die Wiederspiegelung des Mondes im Wasser erblickte, dachte Li Bai, sein Gefährte sei ins Wasser gefallen. Er sprang hinein, um ihn zu retten und kam dabei selbst ums Leben.

Nachdem die Rechnung bezahlt war, servierten die Kellner uns Glückskekse und süßen Pflaumenwein. Wir bekamen auch jeder einen Kalender für das neue Jahr geschenkt. Auf ihm sind zwei süße Hündchen aneinandergekuschelt in einem Körbchen zu sehen. Sie werden umrahmt von einer Lichterkette in Herzform. „Friendship will never end“, heißt es dazu auf rosafarbenem Hintergrund: Freundschaft endet nie.