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Gehörlosenchor singt Bach: Die fremde Essenz der Musik

„Tauber Bach“, ein Gehörlosen-Chor singt Bach.

„Tauber Bach“, ein Gehörlosen-Chor singt Bach.

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dpa

Einen Moment ist Schweigen am anderen Ende der Telefonleitung. „Traurig?“, fragt dann Alain Platel irritiert. Nein, traurig finde er selbst seine Stücke nicht. Dabei ist der belgische Choreograf schon seit über zwanzig Jahren ein Meister der Traurigkeit, spätestens seit er 1995 mit „La Tristezza Complice“ erstmals international auf sich aufmerksam gemacht hat. Und erst recht seit „Iets op Bach“, der Folgearbeit, dem ersten seiner Stücke, das auch in Berlin zu sehen war. Eine Arbeit, in der Menschen zwischen Fernsehantennen, Schornsteinen und Luftschächten hausten, die Bühne im Chaos versank, die Figuren sich in kleinlichem Gezänk, in lächerliche Angeberei und peinliche Selbstentblößungen verstrickten − und ein Barock-Ensemble dazu Bach-Kantaten und -Choräle sang.

Er kann nicht anders

Das Stück ist Legende. Bei der Berlin-Premiere im ausverkauften Hebbel-Theater erhoben sich binnen einer Sekunde die Menschen geschlossen zu einer stehenden Ovation. In dem merkwürdigen Zusammenspiel zwischen irdischem Elend und überirdisch schöner Musik hatten Bachs Choräle einen kaum fassbaren Trost entfaltet.

Alain Platel hat seitdem viele Stücke heraus gebracht, in denen die Musik großer Komponisten im Zentrum steht. Arbeiten wie „Wolf. Oder wie Mozart auf den Hund kam“, „VSPR“ zu Monteverdis „Matthäuspassion“ oder 2012 „C(h)œurs“ zu Musik von Wagner und Verdi. Immer ist bei Platel die Musik dabei Mitakteur, wird durch das Bühnengeschehen die Frage verhandelt, was eben diese Musik für unsere Gesellschaft bedeutet. Platel kann nicht anders. Aber bei keinem anderen Komponisten stellt sich der belgische Choreograf die Frage so radikal wie bei Bach. Zur Musik keines anderen Komponisten, so Platel selbst, habe er eine so tiefe Beziehung.

„Tauberbach“ heißt nun sein neuestes, vor kurzem in den Münchner Kammerspielen uraufgeführtes Stück, das zum Theatertreffen eingeladen und schon jetzt als Gastspiel im HAU 1 zu sehen ist, und in dem die Musik Bachs wieder im Zentrum steht. „Tauberbach“, der Titel ist einer CD entlehnt: „Tauber Bach“, ein Gehörlosen-Chor singt Bach. „Mir ist klar“, sagt Alain Platel, „dass dieser Gesang Menschen, die so etwas nicht gewohnt sind, nicht so einfach zugänglich ist.“ Es klingt dissonant, nach Kakophonie. „Für mich“, so Platel, „klingt dieser Gesang ungeheuer schön, es ist für mich darin die tiefste Essenz der Bach’schen Musik enthalten.“ „Tauberbach“ ist in gewisser ein Stück, das einen Weg sucht, die Schönheit dieses Chors sicht- und hörbar zu machen. Es ist ein Stück, in dem vieles zusammenkommt, was Platel schon lang beschäftigt.

Gespaltenes Leben

Ende der 1990er Jahre brachte Alain Platel 16 verschiedene Londoner Laienchöre zu einer großen Aufführung zusammen, darunter auch einen Gehörlosen-Chor (die Regisseurin Sophie Fiennes hat mit „Because I Sing“ darüber einen wunderbaren Film gedreht). Danach begann Platel die Taubstummensprache zu erlernen, er integrierte sie in sein Stück „Wolf“ und hörte nicht mehr auf, in der Musik immer wieder nach ihrem Anderen, dem Hören durch Nicht-Hören zu suchen. Dieses Zusammenbringen von dem, was an zwei entgegen gesetzten Polen liegt, ist etwas, was Platel umtreibt von Anfang an. In „Iets op Bach“ bestand der Brückenschlag darin, zwei Extreme gemeinsam auf die Bühne zu bringen. Davor, in den frühen 1990ern ließ Platel für „La Tristezza Complice“ die Musik von Henry Purcell für ein Akkordeon-Orchester umarbeiten. Musik der Hochkultur gespielt auf Arme-Leute-Instrumenten.

Alain Platel ist so etwas wie ein gütiger Mensch, mit grau gelocktem Haar, leuchtend blauen Augen und warmer Stimme. 1959 wurde er in Gent geboren. Bis er 17 Jahre alt war, verlief sein Leben sehr glücklich, friedlich und gutbürgerlich. Er wuchs in einer großen Familie auf, mit vier Geschwistern, der Vater ein erfolgreicher Architekt, die Mutter Lehrerin. 1974 ging er im Rahmen eines Austauschprogramms in die USA, nach Oklahoma, in den Mittelwesten. Die Atmosphäre dort war bedrückend spießig. Die Gastfamilie befand sich in finanziellen Schwierigkeiten. Alain musste selbst etwas hinzu verdienen und assistierte einer Lehrerin, die mit verhaltensgestörten und behinderten Kindern arbeitete. Unter anderem lernte er einen vierzehnjährigen Jungen kennen, der lange Zeit von seinen Eltern sexuell missbraucht und gegen Geld an Bekannte weiter gereicht worden war. Mit diesem Jungen freundete sich Alain Platel an, und er hielt diesen Kontakt noch über viele Jahre.

„Mein Leben wurde gespalten in die Zeit vor und nach dem Jahr in Amerika. Danach ging es darum, herauszufinden, wie ich mit dieser Erfahrung umgehe, wie ich danach mein Leben leben möchte,“ hat Platel einmal diese Erfahrung kommentiert. Zurückgekehrt nach Gent, begann Platel Brücken über diese gespaltene Welt zu bauen. Er arbeitete mit schwerst behinderten Kindern und spielte nebenbei gemeinsam mit Freunden Theater. Die Stücke entstanden im WG-Wohnzimmer.

Er sucht die Nähe

Eine erste Begegnung mit der Arbeit von Pina Bausch wurde zum künstlerischen Erweckungserlebnis. Platel ist so etwas wie Pina Bauschs legitimer Erbe. Kein Epigone, sondern einer, der wie sie, „Menschentheater“ macht. Theater das berührt, das Mitgefühl weckt, kein herablassendes, sondern eines, das aus der Würde entsteht, die Platels Darsteller auf der Bühne noch den verzerrtesten hilflosesten Bewegungen und Tönen zu geben vermögen. Möglich ist das, weil Platel so nah heran geht an die Dinge und sie auf sehr eigene Weise durchdringt.

Ausgangspunkt für „Tauberbach“ war neben dem Gehörlosen-Chor der Dokumentarfilm „Estamira“ von Marcos Prado. Der Film handelt von einer an Schizophrenie erkrankten Frau, die seit zwanzig Jahren ihren Lebensunterhalt auf einer Müllkippe Brasiliens verdient. Er wisse nicht, ob es um das Traurige gehe, sagt Alain Platel zögerlich. „Vielleicht geht es um Klarheit.“