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Berliner Zeitung | Gentrifizierung: Ein Kampf um Hamburg
15. May 2012
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Gentrifizierung: Ein Kampf um Hamburg

Das war vor Jahren: erfolgreicher Gentrifizierungswiderstand in der Hafenstraße, 1987.

Das war vor Jahren: erfolgreicher Gentrifizierungswiderstand in der Hafenstraße, 1987.

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imago/Sven Simon

Fünf Euro warm pro Quadratmeter? Das finde ich in der Stadt sonst nirgendwo.“ Tobias Trapp, schlaksig, über zwei Meter lang, genannt Tobi, sitzt im Büro der „Motorrad Selbsthilfe Altona“ auf dem ehemaligen Werksgelände der Firma Kolbenschmidt in Hamburg-Bahrenfeld, Bezirk Altona. Alle zwei Minuten kommt ein lederbehoster Kunde und verlangt nach einem Radlager oder einer Batterie. Zehn Euro pro Stunde kostet es hier, wenn man selbst Hand anlegen möchte. Wenn Tobi und seine Crew übernehmen, berechnen sie 59,50 Euro pro Stunde. Man ist nämlich ein Meisterbetrieb. An der Wand hängt ein Plakat, auf dem steht „Museum der Arbeit“. „Museum der“ ist durchgestrichen. „Arbeit“, darum geht es hier.

Arbeit, mitten in der Stadt? Bis Ende 2009 stellten hier 180 Arbeiterinnen und Arbeiter PKW-Kolben her, einer der letzten Industriebetriebe im Bezirk. Am 2. November standen sie vor einem Bauzaun und Security-Leuten, die ihnen mitteilten: „Ihr könnt nach Hause gehen.“ Der Autozuliefererbetrieb, der zum Rüstungskonzern Rheinmetall gehört, schloss den Standort Hamburg. Die Maschinen kamen nach Frankreich oder Tschechien. Von den zirka 80 Schlossern, Elektrikern, Ingenieuren und Angestellten mussten die meisten mit Zeitarbeits-Jobs vorlieb nehmen. Die etwa 100 ungelernten Arbeiterinnen und Arbeiter dürfen sich heute hingegen als Taxifahrer oder Hartz-IV-Empfänger durchschlagen.

Übrig blieben ein paar Werkshallen und Verwaltungsgebäude in bester Lage. Man wolle das Gelände „einer anderen städtebaulichen Nutzung zuführen“, steht in dem befristeten Mietvertrag, den Tobi Trapp für seine Selbsthilfewerkstatt unterschrieben hat. Ein paar hundert Meter südöstlich liegt Ottensen, einst Alternativ-Viertel, heute eines der teuersten Pflaster Hamburgs. „Die wollen hier Wohnungsbau machen, das ist doch klar“, sagt Trapp.

Wohnungsbau ist das Ding in Hamburg. Die Angebotsmieten – objektiver Indikator der Wohnungsknappheit – sind in Hamburg in den letzten fünf Jahren um 28 Prozent gestiegen – satte 17 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt. Die SPD hat mit dem Thema 2011 Wahlkampf gemacht und die absolute Mehrheit gewonnen. 6000 neue Wohnungen pro Jahr versprachen die Sozialdemokraten. Daran halten sie fest – und dafür räumen sie derzeit alle möglichen behördlichen Hindernissen weg. So will man etwa laut einer frischen Senatsdrucksache die Macht des Oberbaudirektors beschneiden, der traditionell über das Stadtbild wacht: Der soll im Regelfall kein Vetorecht mehr haben, wenn die Bauherren höher oder dichter bauen wollen als erlaubt. Von mutmaßlichen Wutbürgern will sich die SPD ihr Programm schon gar nicht verhageln lassen: Im März kassierte der Senat ein erfolgreiches Bürgerbegehren, in dem die Wähler im Stadtteil Langenhorn sich zu 70 Prozent gegen den Abriss einer Siedlung aus den Vierzigerjahren aussprachen, die einer dichteren Bebauung weichen sollte.

„Bezahlbare Wohnungen sind eine herausragende öffentliche Angelegenheit“, heißt es im Regierungsprogramm von Bürgermeister Olaf Scholz. Doch die entstehen nur in Ausnahmefällen. Die Bauvorhaben, an denen das von der regierenden SPD geforderte Drittel an sozialem Wohnungsbau umgesetzt werden soll, lassen sich an einer Hand abzählen. In Langenhorn kämpften die Bewohner nicht zuletzt für den Erhalt ihrer kleinen und unzeitgemäß günstigen Wohnungen. Selbst hier, fernab vom Stadtzentrum, sind Preise von 12 Euro pro Quadratmeter kalt keine Seltenheit mehr. 14 Euro den Quadratmeter kalt kostet die Neubauwohnung in den „Neuen Höfen Bahrenfeld“, 500 Meter Luftlinie von der Werkstatt der Motorrad Selbsthilfe Altona entfernt.

Derzeit scheint die Basta-Wohnungsbaupolitik der Hamburger SPD eher die lokale Begleitpropaganda zu einem grassierenden Immobilienboom im hochpreisigen Segment zu sein. Auf den rund zwei Dutzend Baustellen im Bezirk Altona werden vor allem Eigentumswohnungen errichtet, zu Mondpreisen zwischen vier- und fünfeinhalb Tausend Euro pro Quadratmeter. „Sozialwohnungen werden die hier bestimmt nicht bauen“, sagt Tobi Trapp und schaut über das riesige Areal mit seinen Backsteinhallen.

Mit der Immobilienhausse steigen nicht nur die Mieten in ehemaligen Arbeiter-, Kleinbürger- oder Szene-Stadtteilen wie Ottensen, Schanzenviertel, St. Georg und neuerdings St. Pauli und Altona. Auch kleinere Betriebe und Nischenökonomien sind Opfer der Gentrifizierung. Bodenwertsteigerungen durch die Umwandlung von Gewerbehöfen oder Produktionsanlagen in Wohngebieten versprechen Traumrenditen. Die so gewonnenen Premium-Neubaugebiete tragen die Erinnerung an den Werkhof zwar noch im Namen: „Neue-Höfe“, „Phoenix-Höfe“, „Kühne-Höfe“ oder „Quartier 21“ heißen sie. Die Arbeit aber ist aus ihnen verschwunden – jedenfalls die schmutzigen, lärmintensiven Tätigkeiten, die im Stadtplanerdeutsch „störendes Gewerbe“ heißen. Und nicht nur die. Der Teppichhändler, das Gebrauchtmöbellager, der Auto- oder Fahrradschrauber – aus den innenstadtnahen Gebieten verschwinden all jene Betriebe, die auf preiswerte Gewerbemieten angewiesen sind, um mithalten zu können. Statt ihrer kommen Wohnanlagen für den gehobenen Mittelstand. Und vielleicht noch ein Hotel im „Factory Style“, ein exklusives Restaurant und ein Showroom für internationales Küchendesign.

Auf dem ehemaligen Kolbenschmidt-Gelände laufen die Mietverträge Ende 2013 aus. Dann muss Tobi Trapp mal wieder umziehen. „Das alte Spiel“ sagt er. Auch um seine vorherige Werkstatt, ein paar Hundert Meter entfernt, schlichen irgendwann Anzugträger mit Klemmordnern und prüfendem Blick. Der Eigentümer hatte einen Investor gefunden, der auf dem Areal der ehemaligen Schiffsmotorenfabrik Wohnungen und Büros bauen will. Ende 2010 kam die Kündigung.

Damit ihm das nicht wieder passiert, hat Trapp mit den anderen Zwischenmietern auf dem Kolbenschmidt-Gelände – 22 Kleinbetriebe mit etwa 60 Mitarbeitern – einen Verein gegründet, den „Kolbenhof e.V.“ Schließlich beheimatet Hamburg auch Deutschlands streitlustigste Antigentrifizierungs-Bewegung. Immer mal wieder zwingen Initiativen aus dem Hamburger Netzwerk „Recht auf Stadt“ die Politik zum Einlenken. Die Besetzer des Gängeviertels etwa schafften es, die Stadt zum Rückkauf der historischen Gebäude zu bewegen. Auf St. Pauli kämpft derzeit die „Initiative Essohäuser“ für den Erhalt der Mietwohnungen und Kneipen rund um die legendäre Kiez-Tankstelle an der Reeperbahn – und konnte bislang immerhin verhindern, dass der Bezirk den Investoren eine Abrissgenehmigung erteilt. (Am 1. Mai verkündete ein Sprecher der Initiative, man habe im Hinterzimmer des Sexshops „Heaven Sent“ eine weinende Marienstatue gefunden: „Jetzt ist das Thema mit dem Abriss durch. Die Essohäuser werden ein Wallfahrtsort! Halleluja!“)

Zwar hängt im Büro der Motorrad Selbsthilfe in Bahrenfeld auch ein Plakat der autonomen „Roten Flora“. Doch die Ziele des „Kolbenhof e.V“ lesen sich eher mild-linksbürgerlich: Man wolle ein „Gegenpol zur Monokultur von Deichmann, McDonald’s, Mediamarkt, Balzac, Praktiker, KiK, Auto Unger & Co.“ sein und „Freiräume“ schaffen. „Die Bezirkspolitik hat es in den letzten Jahren versäumt, im Baurecht nicht nur auf die Bedürfnisse der Investoren, sondern auch auf die der Bevölkerung zu achten“, heißt es da, und dass zur „Lebensqualität eines Stadtteils“ eben auch das Kleingewerbe gehöre.

Tatsächlich gibt es gegen das Verschwinden lokaler Produktions- und Handwerksbetriebe aus den großen Metropolen keinerlei Konzepte. Dass, wie etwa die Soziologin Saskia Sassen argumentiert, die lokale Ökonomie eine der zentralen Zukunftsaufgaben der Städte ist, findet in den Rathäusern deutscher Metropolen keinen Niederschlag.

Allenfalls hat man sich ein paar Merksprüche des Creative-Class-Propheten Richard Florida eingebläut. Alles, was nach „kreativer Nutzung“ aussieht, gilt demnach als gut und förderungswürdig. Hamburg gründete – noch unter dem schwarzgrünen Senat – eine „Kreativgesellschaft“ zur Förderung der „elf Teilbranchen der Kreativwirtschaft“. Deren Vertreter sitzen nun immer mit am Tisch, wenn über die Zwischennutzung städtischer, aber auch privater Gewerbeimmobilien verhandelt wird.

De facto aber ist „Kreativwirtschaft“ ein krudes Konstrukt, das vom bildenden Künstler über die Medien- bis zur Werbewirtschaft alles Mögliche in einen Topf wirft und dabei eher eine Entwicklung hin zu einer Stadt befördert, in der nur noch white collar work stattfindet.

Die Realität urbaner Zwischennutzungen ist eine andere, wie sich auch auf dem Kolbenschmidt-Gelände zeigt: Da gibt es das Tonstudio, das Künstleratelier, das Plattenlabel und das Grafik-Design-Büro – also sogenannte „Kreative“ – genauso wie das Busreiseunternehmen, den Autoschrauber, die Tischlerei und den Getränkehändler. Kreativ und nicht-kreativ? Was die Gewerke auf dem ehemaligen Industrieareal vereint, ist eher der prekäre Status und die Bereitschaft dazu, die Räume selbst herzurichten, findet Tobi Trapp: „Wir sind ja immer Leute gewesen, die alles selbst gemacht haben. Das ist auch in Ordnung, wenn der Preis stimmt.“

Der Vermieter und Grundeigentümer Rheinmetall reagierte auf das Gründungsfest des Vereins rüde: Man werde ihnen Ende 2013 „den Stecker ziehen“, erklärte ein Unternehmensvertreter dem Vereinsvorstand.

Christoph Twickel lebt und arbeitet als Autor und Journalist in Hamburg. Von ihm erschien unter anderem das Buch: „Gentrifidingsbums oder Eine Stadt für alle“. Edition Nautilus, Hamburg 2010. 128 S., 9,90 Euro.