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Georges Moustaki ist tot: Der Poet von der Seine-Insel

Der junge Georges Moustaki.

Der junge Georges Moustaki.

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AFP

Georges Moustaki war „Le Métèque“. 1969 erschien dieses Lied, das einer kurz gefassten Autobiografie des gestern 79-jährig verstorbenen Chansonniers so nahe kam, in Frankreich auf Schallplatte. Und schwang sich dort für neun Wochen zum Nummer-Eins-Hit auf. Auf italienisch hieß es „Lo straniero“, auf Spanisch „El extranjero“, Lied und Lebensgefühl gingen um die Welt.

Der Titel „Métèque“ ist schwer ins Deutsche zu übersetzen, denn in ihm klingt einiges mit. „Ausländer“ wäre zu neutral, „Kanake“ zu brutal, das englische „Outcast“ trifft es vielleicht ganz gut. Einer, der nicht von hier ist, geheimnisumwittert, argwöhnisch beäugt und abgelehnt. „Avec ma gueule de métèque, de Juif errant, de pâtre grec“ – „Mit der Fresse eines Ausländers, eines umherirrenden Juden, eines griechischen Viehhirten“, so beginnt das Lied, das Moustaki als Sänger berühmt machte.

Der Weg zu „Milord“

Das Wort „Métèque“ hat seine Wurzeln im antik-griechischen: „Métoikos“ ist der „Ansiedler“, der kein Bürgerrecht besaß. Griechische Wurzeln hatte auch Georges Moustaki: Geboren wurde er 1934 als Youssef Mustacchi im ägyptischen Alexandria, seine Eltern waren jüdische Griechen. Seinen Künstler-Vornamen borgte er sich von dem berühmten Barden Georges Brassens aus, der ihn unterstützte und förderte, nachdem Moustaki 1951 in Paris eintraf.

Zunächst arbeitete er dort als Journalist und Straßenmusiker, schrieb aber schon bald Texte und Lieder für all die Chanson-Größen von Édith Piaf über Dalida bis Yves Montand und Juliette Gréco. Als Gitarrist begleitete er die Piaf auf ihren großen Tourneen, die 20 Jahre ältere und bereits krebskranke Sängerin und er wurden kurz ein Liebespaar.

Das Chanson „Milord“, das Georges Moustaki 1959 für Édith Piaf verfasste, sorgte für seinen Durchbruch im Chanson-Gewerbe. In Moustakis mehr als 300 Liedern geht es oft um unglückliche Liebesaffären, um düstere Beziehungen, um Melancholie und Einsamkeit – das portugiesische Weltschmerzgefühl „Saudade“ trifft seinen Ton am besten. Musikalisch spielte der polyglotte Franzose (der erst 1985 die französische Staatsbürgerschaft angenommen hat) mit Walzer-, Foxtrott- und Charleston-Rhythmen, die er mit griechischer Volksmusik fusionierte; ab den siebziger Jahren konnte man auch verstärkt lateinamerikanische Elemente hören. Denn Georges Moustaki besuchte regelmäßig Brasilien und die dortigen Musiker, darunter Elis Regina, Chico Buarque, Gilberto Gil und Paula Morelenbaum. Stilistisch hat sich Georges Moustaki seitdem kaum mehr verändert: er war auch mit seinem letzten, 2008 veröffentlichen Album „Solitaire“ dem lyrisch-poetischen Moustaki-Ton mit seinem Bett aus sanften Bouzouki- und Flötenklängen mit französisch und lateinamerikanisch sprechenden Gitarrenlinien treu geblieben. Was manche Kritiker auf den Plan rief, die dem weißbärtigen Weltmusiker mangelnde Entwicklungsfähigkeit nachsagten.

Der Vorzeige-Fremde

Georges Moustaki war der Vorzeige-Fremde, auf den das sozial gespaltene Frankreich mit seinen Problemvorstädten gerne als Musterbeispiel zeigte. Mittellos und unbekannt kam er in das Land, in dem er schnell Karriere machte, ohne seine Wurzeln verleugnen zu müssen. Bis vor kurzem lebte er auf der ebenso noblen wie idyllischen Seine-Insel Saint-Louis im Zentrum von Paris. Wegen zunehmender Atemprobleme, die ihm auch seit 2011 das Singen unmöglich machten, war er ins klimatisch angenehmere Nizza gezogen, wo er jetzt auch starb. Sein Leichnam, heißt es, soll nun aber nach Paris überführt werden.

„Seit meinem zwanzigsten Lebensjahr lebe ich meine Wünsche aus. Das ist zu einer Regel geworden“, sagte der als temperamentvoller Lebemann bekannte Moustaki vor einigen Jahren in einem Interview. Doch kürzlich bekannte er auch: „Meine Exzesse haben mich erschöpft.“