21.12.2011

Geschichte: Tod im Asyl

Von Karsten Krampitz
        

Die „Schiffbrüchigen des Schicksals“ nannte sie der Berliner Lokalanzeiger: Obdachlose in der „Palme“, um 1930.
Die „Schiffbrüchigen des Schicksals“ nannte sie der Berliner Lokalanzeiger: Obdachlose in der „Palme“, um 1930.
Foto: bpk

Vor hundert Jahren starben in Berlin siebzig Obdachlose an einer mysteriösen Massenvergiftung.

Unsere Reichshauptstadt ist in ihrer Feiertagsstimmung grausam gestört worden“, schrieb Rosa Luxemburg in der „Gleichheit“, der von Clara Zetkin redigierten Frauenzeitschrift. Eben noch hätten fromme Gemüter das „O du fröhliche“ angestimmt, „oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!“, als sich die Nachricht verbreitete, im städtischen Asyl für Obdachlose sei eine Massenvergiftung vorgekommen. Alte und Junge seien ihr zum Opfer gefallen: der Handlungsgehilfe Joseph Geihe, 21 Jahre alt; der Arbeiter Karl Melchior, 47 Jahre alt; Lucian Szcyptierowski, 65 Jahre alt… und so fort – jeden Tag kämen neue Listen der vergifteten Obdachlosen. „Bevor das neue Jahr mit Glockengeläute eingezogen war, wanden sich anderthalbhundert Obdachlose in Todesschmerzen, hatten siebzig das Zeitliche gesegnet.“

Mit wohligem Schauer berichtete der „Berliner Lokal-Anzeiger“ seiner Leserschaft vom Massensterben in den letzten Dezembertagen des Jahres 1911. Eine Zahl von Obdachlosen, hieß es, die im Asyl „Palme“ Zuflucht gesucht hatte, sei unter schlimmsten Vergiftungserscheinungen gestorben. Der Gazette zufolge begann das Drama in den frühen Morgenstunden des 27. Dezembers.

Ein Ort des Elends

Die Palme hieß das Obdachlosenheim in der Fröbelstraße 15 im Berliner Volksmund wegen einer Topfpflanze im Vorraum. Die Notaufnahme wurde 1885 gegründet. Bis zu 5.000 Menschen kamen in 40 Sälen unter. Heute sitzen hier Teile des Klinikums Prenzlauer Berg.
Am Morgen des 27. Dezember 1911 wanden sich die ersten Insassen in der „Palme“ in Krämpfen. In rascher Folge starben 70 Männer. Bald wurde klar, dass es keine ansteckende Seuche war. Die Ursache der Vergiftung wurde nie richtig aufgeklärt.
Heute Abend stellen Karsten Krampitz und der Publizist Klaus Trappmann zeitgenössische Filme und Texte zur „Palme“ vor. Um 19 Uhr in der Schankwirtschaft Baiz, Christinenstraße 1, unweit des U-Bahnhofs Rosa-Luxemburg-Platz.

Gegen 2 Uhr hätten „die in den Gängen patrouillierenden Wärter“, aus verschiedenen Schlafsälen lautes Stöhnen gehört. „Man öffnete die Saaltüren und fand im Ganzen einige 20 Männer, die sich in Krämpfen wanden.“ Ein Polizei-Oberinspektor sei geweckt worden, der wiederum den Anstaltsarzt benachrichtigte. „Die meisten der Erkrankten litten unsäglich; man gab ihnen Gegenmittel, in der Hauptsache Milch.“ Die Milch aber kam offensichtlich zu spät, „sie starben unter den Händen des Arztes und der Angestellten.“

Den Beinamen „Palme“ trug das Städtische Obdach, so die offizielle Bezeichnung, vermutlich einer größeren Topfpflanze wegen, die in den ersten Jahren im Vorraum gestanden haben soll. Seit seiner Eröffnung 1895 nahm das Haus in der Fröbelstraße täglich bis zu 5.000 Menschen auf; von 16 Uhr am Nachmittag bis 2 Uhr in der Nacht. Die Entlassung erfolgte um 6 Uhr am Morgen.

Jene „Schiffbrüchigen des Schicksals“ aber, so der Berliner Lokal-Anzeiger, die das Backsteinhaus im Nordosten Berlins öfter als fünfmal hintereinander aufsuchten, mussten damit rechnen, der im Haus stationierten Polizei vorgeführt zu werden, um dann ins berüchtigte Rummelsburger Arbeitshaus verbracht zu werden. Daran jedoch war an jenem Morgen nicht zu denken.

Wie der kaisertreue Lokalanzeiger schreibt, habe sich von Stunde zu Stunde eine immer größere Unruhe der Asylisten bemächtigt, „als sie sahen, dass fortgesetzt bald in diesem, bald in jenem Saal Neuerkrankte zusammenbrachen und fortgeschafft wurden.“ Viele hätten das Gebäude noch in der Nacht verlassen wollen. „Eine Bitte, die ja schon aus sanitären Gründen nicht erfüllt werden konnte.“

Wegen der vermuteten Seuchengefahr wurden wahrscheinlich einige Tausend Obdachlose den folgenden Tag über in dem Gebäude festgehalten, derweil sich draußen das bürgerliche Publikum einfand. Doch: „Eine Anzahl Schutzleute patrouillierte die Straße auf und ab und sorgte dafür, dass keine Ansammlungen stattfanden. Die Menge besprach im Flüsterton die geheimnisvollen Erkrankungen.“ Ein Krankenwagen sei vor das Portal gerollt, „rasch öffnete sich die schwere Tür, heraus traten in weiße Kittel gekleidete Männer, die einen schweren in Tücher gehüllten Gegenstand trugen, ihn in den Wagen betteten, der dann rasch davon fuhr.“ Dies habe sich mehrere Male wiederholt und die Menge habe gewusst: Wieder sei ein Kranker oder Toter davongefahren worden.

Dafür dass es sich beim Sterben der Obdachlosen um keine Seuche oder ansteckende Krankheit handelte, sprach der Umstand, dass weder Wärter noch Polizisten erkrankten, genauso wenig die obdachlosen Frauen und Kinder, die in anderen Sälen untergebracht waren. Die Obduktion der Leichen ließ keine hundertprozentigen Schlüsse zu.

Die Polizei nahm Ermittlungen auf, die sich bald schon auf einen gewissen Max Voigt konzentrierten. Dieser, der zuerst verstorbene „Asylist“, sei in der Zentralmarkthalle am Alexanderplatz eine wohlbekannte Person gewesen – unter dem Spitznamen „Major Artur“. Als „Platzmajor“ habe er sich einige Groschen verdient (von Lebensunterhalt konnte keine Rede sein), indem er den Händlern, die mit ihren Fuhrwerken vor der Markthalle hielten, die Pferde beaufsichtigte.

Die Polizei wollte nun ermittelt haben, dass Voigt von dem Trinkgeld billige Räucherfische erstanden hatte, die er dann an andere Obdachlose weiterverkauft haben soll; möglicherweise hätten die verkauften Bücklinge aber auch aus dem Abfall gestammt. Das sei nun völlig ausgeschlossen, so der Direktor der Zentralmarkthalle in einer offiziellen Erklärung, schließlich habe man einer Mästereigesellschaft gestattet, den Kehricht für die Schweinemast zu nutzen. Deren Arbeiter hätten mit Sicherheit keinerlei Fische liegen lassen.

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