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Goldene Palme-Gewinner: Haneke über Liebe und Angst beim Filmemachen

Der österreichische Regisseur Michael Haneke mit der Goldenen Palme für seinen Film «Liebe» beim 65. Cannes Film Festival, in Cannes.

Der österreichische Regisseur Michael Haneke mit der Goldenen Palme für seinen Film «Liebe» beim 65. Cannes Film Festival, in Cannes.

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dpa

Sie haben zum zweiten Mal die Goldene Palme gewonnen. Was bedeuten Ihnen Preise überhaupt?

Bessere Arbeitsbedingungen für den nächsten Film.

Als Sie jetzt die Goldene Palme entgegen genommen haben, sahen Sie sehr ergriffen aus und haben die Auszeichnung Ihrer Frau gewidmet.

So habe ich es nicht gemeint. Der Film ist eine Art Versprechen, einander nicht zu verlassen, wenn einer von uns schwer krank werden sollte, wie wir es im Film sehen.

Kritiker halten „Amour“ für Ihren bisher zärtlichsten Film.

Mir ist jede Beurteilung recht. Ich kann und will meine Arbeit nicht selber beurteilen.

Andere Regisseure interpretieren ihre Filme. Warum lehnen Sie es ab?

Weil ich damit die Interpretationsmöglichkeiten des Zuschauers einschränke. Der Film ist ein Angebot, und der Zuschauer kann etwas damit machen. Ich finde es sehr lustig, dass es inzwischen fünfzig Dissertationen und andere Arbeiten über mich gibt. Und ich bin immer ganz verwundert, was ich alles gedacht haben soll, wenn ich das lese. Meine Filme stellen Fragen. Wenn ich selber Antworten gebe, ist es kontraproduktiv für den Film.

"Das Schwierigste: Selbst nicht nervös zu sein"

In Ihrem neuen Film geht es um einen alten Ehemann, der seine Frau nach ihrem Schlaganfall liebevoll pflegt. Warum dieses Thema?

Jemand in meiner Familie, den ich sehr geliebt habe, hat sehr gelitten. Diese Erfahrung hat mich dazu angeregt. Kritiker in Cannes haben sich gewundert, dass ich jetzt einen Film über Liebe gemacht habe. Aber wissen Sie, man muss ja immer versuchen, das Thema eines Films möglichst optimal auszudrücken. Und hier geht es nun einmal um Liebe. Bisher galt ich immer als Experte für Gewalt.

Ihr Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant hat seit vierzehn Jahren nicht mehr vor der Kamera gestanden. Wie konnten Sie ihn zu dem Comeback überreden?

Ich habe ihn immer bewundert, doch man muss eine Rolle für einen Schauspieler haben. Und ich habe diese Rolle extra für ihn geschrieben. Er hat meinen vorherigen Film „Das weiße Band“ gesehen, und der hat ihm so gut gefallen, dass er ziemlich leicht zu überzeugen war. Ohne ihn hätte ich diesen Film auch nicht gemacht.

Hat sich im Laufe der Jahre Ihre Motivation geändert, Filme zu machen?

Nein. Ich kann das gar nicht so genau sagen, warum ich Filme mache. Wahrscheinlich weil ich nichts anderes kann.

Was ist das Schwierigste am Regieführen?

Das Schwierigste ist, selber nicht nervös zu sein, wenn man morgens aufsteht.

Was machen Sie also, um nicht nervös zu werden?

Wenn ich arbeite, ist alles und nichts schwierig. Da geht es mir wie dem Schauspieler, der vor der Vorstellung nervös herumgeht und in dem Moment, in dem er auf der Bühne steht, entspannt und konzentriert ist. Man ist im Dauerstress, weil man dauernd Angst hat, dass man das nicht schafft, was man an dem Tag vorhat. Wenn im Theater eine Probe nicht gelingt, dann probiere ich morgen die gleiche Szene wieder. Gelingt mir dagegen beim Film eine Szene nicht, ist sie weg. Das ist das Schwierige beim Filmemachen. Es gibt die Legende, dass Ingmar Bergman immer in der Nähe eines Klos gedreht hat, weil er so nervös war, dass er dauernd aufs Klo musste. Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt. Aber ich kann das sehr gut verstehen.

Welchen Einfluss hatten andere Regisseure auf Sie?

Ich bin von vielen Regisseuren beeinflusst, die ich toll finde, beispielsweise Ingmar Bergman. Aber das passiert nicht so unmittelbar. Ich versuche möglichst an überhaupt niemand anderen zu denken, wenn ich einen Film mache.

Das Gespräch führte Bettina Aust.