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Gorki-Theater: Seufzen und welken

Effi, noch mit Papi (Anja Schneider und Wilhelm Eilers)

Effi, noch mit Papi (Anja Schneider und Wilhelm Eilers)

Berlin -

Wieder ist ein Roman auf die Bühne des Maxim-Gorki-Theaters geholt worden, diesmal Theodor Fontanes „Effi Briest“, adaptiert und inszeniert von der Gorki-Hausregisseurin Jorinde Dröse.

Ein bekannter Schulstoff mit unverminderter Relevanz, auch wenn die Ehebruchgeschichte am Ende des 19. Jahrhunderts spielt: das Individuum zwischen Anpassung an die Konventionen der Gesellschaft und Selbstverwirklichung, zwischen Abhängigkeit und Verlorenheit, zwischen Alltag und Glück und zwischen allen möglichen weiteren modernen Gegensätzen.

Es handelt sich um ein komplexes Werk, das auch heute Fragen aufwerfen könnte. Was ist mit der neobürgerlichen Sehnsucht nach Gebundenheit, Werten und Orientierung in unserer restaurativen Welt? Oder was ist mit den Nöten der Freiheit, zum Beispiel der Entscheidungsstarre angesichts der Entfaltungs- und Auslebungsmöglichkeiten, die dem verantwortungsvollen Konsumenten heute geboten werden?

Oder wie steht’s mit dem wieder in Mode gekommene Projekt „Selbstverwirklichung durch Nachwuchs“?

Publikum wird sich auch finden; Schulklassen, so viel sei gesagt, machen nichts falsch, wenn sie sich diese gut zweistündige Version des Romans ansehen. Man kann hinterher schön darüber diskutieren, was weggelassen wurde, und warum es nun fehlt. Manchmal merkt man erst so, wie wichtig die Dinge sind.

Kindliche Unschuld

Zum Beispiel Effis Mutter Luise. Luise ist es, die Effis Ehe mit dem stattlichen Karrieristen Baron von Innstetten arrangiert, die ihre 17-jährige Tochter geradezu überfällt mit diesem mehr als doppelt so alten Mann, der sich einst um Luise bemühte. Luise ist es, die Effis kindliche Unschuldsreize bei der ersten Begegnung mit Innstetten in Szene setzt und damit dessen, sagen wir, pädagogische Neigung bedient.

Luise ist es, die sich, um ihren Ruf und gesellschaftlichen Rang zu schützen, von ihrer Tochter brieflich verabschiedet, nachdem deren lang zurückliegender Ehebruch mit Major von Crampas herauskommt. In der Dominanz der (um so schlimmer:) liebenden Mutter − der wie Effi ein ebenfalls deutlich älterer, allerdings eher selbstgenügsamer und putziger Gatte beigesellt wurde − macht Fontane das Dilemma der elterlichen Wohlgesonnenheit deutlich, die umso perfider die Emanzipation des Kindes unterläuft, je weniger sie falsch machen will. Doch, wie gesagt, die Mutter fehlt.

Ansagestil und illustrierende Kostüme

Dafür führt der Vater (Wilhelm Eilers) mit Gummistiefeln und Ballonmütze in nostalgisch seufzender Landadel-Gemächlichkeit durch die Geschichte. So wie die ganze versonnene Inszenierung mehr ein literarisch-installatives, gegen Ende immer hektischer werdendes Durch-die-Geschichte-Führen ist − und weniger Theaterspiel. Die liebevollen Video-Einspielungen von Stefan Bischoff ermöglichen hierbei umstandslose Dekorationswechsel bei leerer, mit Ostseesand aufgeschütteter Bühne (Natascha von Steiger), nötigenfalls auch den Übergang in symbolische Traum-, Spuk- und Schuldwelten − stimmungsvoll untermalt von eingespieltem Begleit-Geklimper (Philipp Hagen). Aber ausstaffierte Epik ist noch lange kein Drama.

Die Hauptlast des Abends schleppt − nicht ganz unerschrocken − Anja Schneider in der Titelrolle weg. Sie hat die Entwicklung Effis vom unbekümmerten wilden Kind zur vorzeitig verwelkten Frau zu meistern; und sie geht die Sache mit seelischem Engagement und geradezu wütendem Glaubwürdigkeitsbestreben an.

Meistens bleibt es aber bei der Vorzeigerei und Behauptung von Zuständen und bei der Unterbringung von Text. Unterstützt wird dieser Ansagestil von illustrierenden Kostümen (Bettina Schürmann): erst rot-weiß gestreifter Pullover und Tutu-Rock, dann Hochzeitsrobe, dann dekolletiertes Businesskleid. Es gibt kaum Spielsituationen, sodass man schon befreit aufatmet, wenn Effi und der Major (Paul Schröder) mal lustig an der Rampe herumtrippeln, um so zu tun, als ritten sie aus. Robert Kuchenbuch als Innstetten hilft sich mit an offensichtliches Nichtstun grenzender preußischer Contenance aus den Verlegenheiten. Schön, wenn angesichts des greifbaren Ehe-, Karriere- und Lebensmeisterglücks mal kurz sein Auge funkelt und später erlischt. Ruth Reinecke als liebes- und lebenserprobte Dienerin und Kinderfrau Roswitha macht ihr eigenes närrisch-poetisches Ding.

Sittliche Verknotung

Ein interpretatorischer Willen ist kaum zu merken, wenn man mal von der nicht uninteressanten, gut ausgeführten dialektischen Doppelbesetzung von Paul Schröder absieht, der sowohl den leidenschaftlichen und verantwortungslosen Crampas als auch Innstettens sittlich verknotete Haushälterin Johanna gibt.

Wär vielleicht ein hübsches Thema für einen Aufsatz, wenn es nicht von dem eigentlichen Gegensatz zwischen Crampas und Innstetten ablenken würde. Es ist fast so, als sitze der Theaterabend dem auf, von dem er eigentlich erzählen sollte: Er richtet sich in der Geschichte ein, ohne sich zu emanzipieren. Er lässt sich bei aller Resignation die gute Laune nicht nehmen, denn er will brav sein und uns gefallen.

Effi Briest 18., 21.1.; 1., 11., 15.2.; 1.3., 19.30 Uhr, Gorki-Theater, T.: 20 22 11 15