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Berliner Zeitung | Gorki-Theater: Ungeschminkter „Othello“ als Projektionsfläche für Rassismus
21. February 2016
http://www.berliner-zeitung.de/23606594
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Gorki-Theater: Ungeschminkter „Othello“ als Projektionsfläche für Rassismus

Othello (Tamir Sahintürk, M.) − ein Mensch von übergriffigen Venezianern. Links: Jago (Thomas Wodianka)

Othello (Tamir Sahintürk, M.) − ein Mensch von übergriffigen Venezianern. Links: Jago (Thomas Wodianka)

Berlin -

Auf der Bühne des Gorki-Theaters sieht man die Bühne des Gorki-Theaters, auf der man die Bühne des Gorki-Theaters sieht. Eine kleiner als die nächste, aber alle mit den hübschen Lampen und den Tapetentüren in den Seitenwänden. Die Rhomben der Vertäfelung können in dem Bühnenbild von Julia Oschatz einzeln mit Licht nachgezeichnet werden.

Es ist ein Beamer-Präzisionswunder, wenn sich zu Beginn unter wilder und vor allem lauter Live-Musik von Jens Dohle und Falk Effenberger (Schlagzeug und Keyboard) das Bühnenbild als ein Mosaik aus Lichtsplittern zusammensetzt, die durch einen Schacht im Fluchtpunkt der Bühnen hereinfliegen. Später gibt es noch bewegte Projektionen, die uns Zuschauer durch Venedig gondeln lassen oder hinaus aufs Mittelmeer, Richtung Zypern, wo Zyprioten mit kräftigen Zähnen grinsen. Kannibalen? Sicher nur ein Vorurteil.

Gegeben wird in diesem selbstreflexiven Setting William Shakespeares „Othello“, in der Regie von Christian Weise. „Othello“ ist ein Stück, das für das Gorki unter Shermin Langhoff geschrieben wurde, da kann Shakespeare seit fast 400 Jahren noch so tot sein. Es lässt sich sehr direkt als Gleichnis über die Anfälligkeit der Zivilisation für rassistische Denkmuster, aber auch über die Perfidie der Assimilation deuten.

Der äußere Feind ist harmlos verglichen mit dem inneren

In der Fassung von Soeren Voima − Christian Weises Autorenpseudonym − gibt es denn auch an zentraler Stelle einen entsprechenden Wutmonolog der Titelfigur: „Als Schwarzer erstickte ich in einer ekelhaften Umarmung. Als Venezianer war ich einfach nur lächerlich. Ich litt an meinem Körper, eingeklemmt zwischen Farben und Vorurteilen, gezeichnet wie ein Verdammter, ohne Aussicht, je aus seiner Haut zu kommen.“

Erzählt wird also von dem dunkelhäutigen verdienstvollen Feldherrn, der bei allem beruflichen Erfolg auch noch die schöne Venezianertochter Desdemona abfasst und dann abkommandiert wird nach Zypern, um die Osmanen in Schach zu halten. Allein, der äußere Feind ist harmlos verglichen mit dem inneren. Der aus grundlos tiefem Herzen bösartige Fähnrich Jago vermag mit ein paar Einflüsterungen die scheinbar sicher und glücklich gefügte Position Othellos in der Gesellschaft zu untergraben, sein Selbstbild, sein Vertrauen, seine Liebe zum Einsturz zu bringen. Das ist dann auch am Ende zu erleben, wenn sich das Bühnenbild wieder in jene Lichtsplitter, Sternchen, Spiegelungen zerlegt, die abgesaugt werden. Die ganze Welt ist Bühne und besteht nur aus Projektionen.

Jagos Waffe sind rassistische Vorurteile, die sich bei Shakespeare durchaus bestätigen − aber nicht, weil sie von sich aus zuträfen, sondern weil Othello den Zuschreibungen und Erwartungen, die an ihn gerichtet werden, auch nachgibt. Er spielt die Rolle, die ihm von Jago, dem mitspielenden Regisseur des Stücks, zugeteilt wird. Schließlich murkst er sogar die Frau ab, die ihn liebt, nur um dem Klischee des eifersüchtigen Wilden zu entsprechen. Alles nur selbsterfüllende Prophezeiung, wie der Soziologe sagt? Hätte er sich nicht auch anders entscheiden können? Vielleicht auf seine innere Stimme hören, die unbeschmutzt ist von den Vorurteilen gegen ihn? Gibt es so eine Stimme? Gibt es einen unabhängigen Willen? Gibt es Individuen?

An- und abschaltbare Brachialisten

Nein, gibt es nicht. Zumindest nicht in der Version von Weise. Hier treten die Schauspieler nicht auf, sondern werden durch besagten Schacht auf die Bühne gekippt. Sie stecken in schreiend zeichenhaften Kostümen (Andy Besuch), die Gesichter sind mit Schminke zugeschmiert, nein nicht mit schwarzer. So hereingewürfelt stellt sich bald heraus, dass es sich um Puppen handeln soll. Lebensgroß, aber mechanisch nicht auf dem neuesten Stand. Es ist, als habe man ein paar Gelenke vergessen, und vor allem einen Dampfablassknopf, mit dem man Stimme und Bewegung dosieren kann.

Diese fremdgesteuerten, praktischerweise per Fingerschnippen an- und abschaltbaren Brachialisten bilden die Gesellschaft, in der Othello vor allem dadurch auffällt, dass er ein vergleichsweise normaler Mensch ist, in Jeans und T-Shirt ohne Schminke, gespielt von Taner Sahintürk. Wie der Leser vielleicht schon ahnt, läuft der Abend darauf hinaus, dass dieser Othello immer mehr vom Mensch zur Klischee-Puppe wird, ein sehr verlustreicher schmerzlicher Anpassungsprozess. Dass er sich aus dem verhängnisvollen Miteinander der Figuren ergeben würde, lässt sich in diesem humorbemühten, kontrollierten, selbstgewissen Behauptungsgeknatter allerdings nicht nachvollziehen, man muss es hinnehmen, und wehe, man empört sich nicht.

Christian Weise hat am Gorki vor gut zwei Jahren ein anderes Integrationsstück inszeniert: „Der kleine Muck“, für Kinder, mit richtigen Puppenfiguren. Den Kindern hat er darin mehr Differenzierungsleistungen zugemutet − unter anderem dadurch, dass der Fremde tatsächlich als Störenfried auftrat, und man als Zuschauer eine Entwicklung mitmachte, von der Genervtheit über das Kennenlernen zum Gernhaben. Ist vielleicht zu naiv für Erwachsene, die sich damit abgefunden haben, dass fremdgesteuerte Idioten fremdgesteuerte Idioten bleiben. Dafür gab es ortsüblichen Gorki-Granatenjubel.