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Berliner Zeitung | Graphic Novel: Ein extrem ungemütlicher Grusel-Comic
27. February 2014
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Graphic Novel: Ein extrem ungemütlicher Grusel-Comic

Das Grauen wächst erst aus dem Unscharfen, aus der Andeutung.

Das Grauen wächst erst aus dem Unscharfen, aus der Andeutung.

Foto:

Carlsen

Peer Meter hat ein Faible für das Grauen. Der Bremer Schriftsteller ist geradezu besessen von ihm. Vom Abgründigen und Abscheulichen, so wie es sich irgendwann einmal wirklich zugetragen hat. Peer Meter durchmisst die neuere Geschichte, sein Projekt ließe sich auch als Chronik des bürgerlichen Schauders und Entsetzens bezeichnen. Dabei führen seine Streifzüge nicht unbedingt nur zu eigenständigen Publikationen, etwa Sachbüchern. Oftmals entsteht auch die Textvorlage für einen Grusel-Comic. So schuf er gemeinsam mit der Zeichnerin Barbara Yelin die düstere, bleistiftschwere Bildergeschichte von der Giftmischerin Gesche Gottfried („Gift“) und zusammen mit Isabel Kreitz das penibel ausgeführte Bilderprotokoll über das Leben des Massenmörder Fritz Haarmann („Haarmann“).

Beide Comics gehören erzählerisch wie zeichnerisch zum Besten, was die grafische Literatur der letzten Jahre hervorgebracht hat. Schon lange war eine Fortsetzung der Mörderserie angekündigt, die bange Frage lautete nur, ob sie an die große Klasse der Vorgänger würde anschließen können. Nun liegt mit „Vasmers Bruder“ endlich der Nachfolgeband vor und, um es gleich vorweg zu sagen: Er ist hervorragend gelungen. Peer Meter konnte für sein neues Projekt den Berliner Künstler David von Bassewitz gewinnen, eine durchaus riskante Wahl, liegen die Stärken des zwar Comic-erfahrenen, aber weithin unbekannten Zeichners doch eher im Illustrativen. Denn von Bassewitz arbeitete in den letzten Jahren vor allem für Werbeagenturen und für Zeitschriften wie etwa Der Spiegel, BBC History Magazine oder Le Nouvel Observateur.

Jetzt also die erste große Bildergeschichte. Und die könnte grauenerregender nicht sein, sie handelt von dem Serienmörder und Kannibalen Karl Denke. Er tötete zwischen 1903 und 1924 in der schlesischen Kleinstadt Münsterberg – dem heute in Polen gelegenen Ziebice – mindestens 30 Menschen. Deren Fleisch kochte und verspeist er sodann, vermutlich verkaufte er es auch im nahe gelegenen Breslau auf dem Markt. Aus der Haut seiner Opfer schnitt er Hosenträger und Schnürsenkel, die Haare verwendete er als Kissen- und Matratzenfüllung, die Zähne, nach Größe sortiert, verwendete er als Spielgeld. Denke wurde nur durch einen Zufall entdeckt, doch bevor er von der Polizei verhört werden konnte, erhängte er sich in seiner Zelle. Bis heute gibt sein Fall daher Rätsel auf: Was trieb den Mann und warum blieb er so lange unentdeckt?

Das Szenario von „Vasmers Bruder“ erscheint auf den ersten Blick etwas umständlich. Denn erzählt wird nicht etwa der Lebensweg eines Massenmörders, vielmehr wird sein Fall durch eine fiktionale Rahmenhandlung in die Jetztzeit eingebunden: Martin Vasmer ist nach Ziebice gekommen, um dort seinen Bruder zu suchen, einen Fernsehjournalisten, der eine Dokumentation über Karl Denke drehen wollte. Vasmer ermittelt auf eigene Faust, muss aber bald feststellen, dass er sich dabei immer tiefer in die furchtbare, gespensterhaft in die Gegenwart ragende Kannibalen-Welt des Karl Denke verfängt. Nicht zuletzt dessen immer noch stehendes, zudem bewohntes Haus sorgt für den größten Horror – der Abstieg in den bis dahin unentdeckten Keller fördert einige sehr unappetitliche Überraschungen zutage.

Dieser erzählerische Umweg ist zum einen verständlich, weil von Denke nicht allzu viel bekannt ist; das Wenige, was wir wissen, trägt Peer Meter in einem kleinen, übrigens mit Originalfotos ausgestatten Nachwort zusammen. Zum anderen aber eröffnet der Wechsel zwischen realer Vergangenheit und fiktionaler Gegenwart dem Zeichner David von Bassewitz enorme darstellerische Freiheiten. In seinen Bildern herrscht ein bleistift- und ölkreidesattes Grau, verwischt und verschwommen, Personen, Räume und Dinge erscheinen nur schemenhaft, und zugleich sind einige Details stechend scharf gezeichnet, die kahlen Äste eines Baums etwa, die feinen Ränder einer Brille oder die Augenlider dahinter. Das ist ein erstaunliches, da überaus kunstvoll ausbalanciertes und in dieser Machart so noch nicht gesehenes Miteinander zweier eigentlich unvereinbarer Sichtweisen.

Die Lektüre von „Vasmers Bruder“ erfordert insofern eine kurze Eingewöhnungsphase. Die Mühe lohnt allerdings, der Ertrag ist ungeheuer: Weil auf von Bassewitz’ Bildertableaus die beiden erzählerischen Ebenen, das Reale und das Fiktionale, zu einer kaum noch unterscheidbaren Einheit verschmelzen, rückt das Grauen gerade nicht in weite, historisch abgelegte Ferne, sondern in eine bedrängende, zuweilen kaum noch erträgliche, extrem ungemütliche Nähe. Hier tun dann auch die grauen Schlieren, das Unscharfe ihre Wirkung, schließlich wächst das Grauen immer aus der Ahnung, aus der Andeutung – von Bassewitz vermeidet sorgfältig, zu viel zu zeigen. Kurzum, „Vasmers Bruder“ zeigt den Comic auf der Höhe seiner ästhetischen Möglichkeiten. Ein starkes Stück grafischer Literatur.

Peer Meter, David von Bassewitz: Vasmers Bruder. Carlsen Verlag, Hamburg 2014,192 Seiten, 17,90 Euro.

Lesung: Die beiden Autoren stellen den Comic am Freitag in der Gaststätte „Max und Moritz“ vor: Oranienstraße 162, 10969 Berlin. Beginn: 20 Uhr, Eintritt: drei Euro.