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Gundula Bavendamm: Keine Dienstleister der Vertriebenen

Die neue Chefin: Gundula Bavendamm.

Die neue Chefin: Gundula Bavendamm.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Der Weg zu Gundula Bavendamm führt vorbei an einer Hastings TG 503, einem britischen Rosinenbomber. Noch leitet die Historikerin das Alliiertenmuseum im Südwesten Berlins, ab April wechselt sie an die Spitze der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV). Das plötzliche Interesse an ihrer Person ist noch ungewohnt. Verunsichern kann sie das nicht.

Frau Bavendamm, seit Jahren wird die Stiftung von internen Querelen ausgebremst. Warum tun Sie sich diesen heiklen Job an?

Die Einladung, mich mit etwas Neuem zu beschäftigen, fand ich spannend. Mir ist die Brisanz natürlich klar. Das ist aber auch gerade das, was mich interessiert.

Was genau reizt Sie?

Die Stellung des Themas Flucht und Vertreibung ist in unseren geschichtspolitischen Diskursen eine ganz besondere, weil es die scharfe Trennung zwischen Tätern und Opfern nicht gibt. Auch die Täternation Deutschland erinnert sich in diesem Zusammenhang an Leid, Opfer und Verluste. Genauso wie andere Nationen, zum Beispiel Polen. Dieses Land hat unter deutscher Besatzung mit Millionen Opfern fürchterlich gelitten. Zur historischen Wahrheit gehört aber auch, dass polnische Behörden gegen Kriegsende an der Vertreibung der Deutschen beteiligt waren. Aus der Überlappung der Opfer-Täter-Dichotomie ergibt sich die Brisanz, die sowohl eine innenpolitische Konnotation hat, wie die vergangenen Kontroversen hierzulande gezeigt haben, als auch eine außenpolitische Dimension. Da muss man jeden Schritt sehr vorsichtig vor den anderen setzen.

In Ihrer bisherigen Arbeit spielte das Thema keine Rolle.

Als Historikerin und Intellektuelle kenne ich die Debatten, auch wenn das nicht im Fokus meiner bisherigen Arbeit stand. Allerdings gibt es zwischen meiner Doktorarbeit und dem Thema durchaus Berührungspunkte. Meine Analyse widmet sich – am Beispiel der in Frankreich während des Ersten Weltkriegs grassierenden Angst vor deutschen Spionen – der Wahnvorstellung des inneren Feindes. Die Art und Weise, wie solche Verschwörungstheorien und Feindbilder entstehen, lässt sich in ihrer Grammatik durchaus auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs übertragen.

Die Folgen der Vertreibung wurden in Deutschland politisch instrumentalisiert. Wie wollen Sie einer solchen Vereinnahmung entgehen?

Man muss Sensibilitäten, Meinungen, aber auch Absichten in diesem Spannungsfeld gut kennen. Und man sollte mit allen Beteiligten unvoreingenommen im Dialog sein. Glücklicherweise ist die Basis ja längst gelegt. In einem mehrjährigen Prozess, der der Gründung der SFVV vorangegangen ist, wurden grundlegende Papiere erarbeitet. Danach wurde nach ebenfalls intensiver Diskussion ein Konzept verabschiedet. Auf dieser Grundlage werde ich arbeiten.

Was sind dessen wichtigste Punkte?

Wir können nicht über Flucht und Vertreibung der Deutschen diskutieren, ohne sie in Zusammenhang von NS-Besatzungs-, -Expansions- und -Vernichtungspolitik zu stellen. Dieses Phänomen ist zweitens im größeren Zusammenhang von Zwangsmigration im 20. Jahrhundert zu betrachten. Zum Dritten gilt eine geradezu salomonische Formel: In der Arbeit der Stiftung bilden Flucht und Vertreibung der Deutschen einen Schwerpunkt, in der Dauerausstellung aber ist dieses Thema der Schwerpunkt.

Auch der Bund der Vertriebenen ist mit Bernd Fabritius umgänglicher, nicht mehr der geschichtsrevisionistische Verein, der er einmal war.

Ich habe Herrn Fabritius persönlich kennengelernt und wir hatten gute Gespräche. Der BdV ist ein Interessenverband, der sich generationell weiterentwickelt. Fest steht auch: Ohne den BdV würde es diese Einrichtung nicht geben. Wir sind nicht Dienstleister der Vertriebenen, aber natürlich wird es eine Zusammenarbeit geben – allein schon wegen der Quellen. Von Herrn Fabritius habe ich beispielsweise erfahren, dass allein sein Verband, die Siebenbürger Sachsen, über 600 Stunden Sprachaufnahmen im alten Siebenbürger Dialekt verfügen. Ein wahrer Schatz.

Das Stiftungsgesetz betont die europäische Dimension von Flucht und Vertreibung. Die fehlt aber, seit die polnischen Mitglieder wie zuvor die tschechischen den wissenschaftlichen Beirat verließen.

Die Arbeit des alten Beraterkreises ist beendet. Eine meiner ersten Aufgaben wird es sein, ihn neu aufzustellen und das international. Dabei muss klar sein, dass er eine dienende Funktion zum Wohle der Stiftung hat. Wer Interesse hat, unter diesen Voraussetzungen mitzumachen, ist herzlich eingeladen.

Nach dem Machtwechsel in Polen könnte sich die Expertensuche dort besonders schwierig gestalten.

Dessen bin ich mir bewusst. Dennoch wäre es sehr wünschenswert, wenn wir wieder Experten aus Polen und auch aus Tschechien gewinnen könnten. Das zeigt diesen Ländern, dass wir ihre Positionen ernst nehmen und im Dialog bleiben wollen. Ich kann mir vorstellen, gegebenenfalls auch auf ausgeschiedene Mitglieder zuzugehen. Und ich werde mich im westlichen Ausland umschauen. Experten aus nicht betroffenen Ländern haben wieder eine andere Perspektive. Man sollte schließlich überlegen, ob es nicht sinnvoll ist, den Beraterkreis zu verkleinern. Das Stiftungsgesetz erlaubt bis zu 15 Personen, aber wenn sie sich inhaltlich tiefergehend auseinandersetzen wollen, sind sie mit zwölf schon an der Obergrenze.

War Ihre Familie von Vertreibung betroffen?

Meine Mutter, sie war damals zwei Jahre alt, und ihre drei Geschwister lebten mit meiner Großmutter in Berlin und erlitten 1944/45 sozusagen ein klassisches Evakuierungs- und Fluchtschicksal. Sie wurden zunächst von den NS-Behörden wegen der Bombenangriffe nach Ostpreußen evakuiert, bevor es mit der zurückweichenden Wehrmacht wieder in Richtung Westen ging. Für kurze Zeit gerieten sie nach Sachsen, bevor sie schließlich bei Verwandten in Reinbek bei Hamburg Aufnahme fanden. Sie sehen, die Situation in den Jahren 1944/45 ist komplex und vielgestaltig. Die Vertreibungen sind das eine, aber es gibt eben auch die Evakuierten, die zu Flüchtlingen werden, die Displaced Persons, die Kriegsgefangenen, die zurückkehrenden Soldaten, die befreiten KZ-Häftlinge. Deutschland und Europa bildeten einen riesigen Verschiebebahnhof für Millionen von Menschen.

Heimatverlust ist auch heute hochaktuell. Wird sich das Schicksal von Syrern, Afghanen oder Ukrainern in der Stiftung wiederfinden?

Museen existieren in der Gegenwart. Das, was wir in der SFVV tun, hat einen Resonanzraum im Jetzt, und das ist die Flüchtlingskrise. Ich betrachte es als meine Aufgabe, mit dem Team eine Idee dazu zu entwickeln, ohne dass wir uns einbilden, wir würden eine Art Amnesty International für Flüchtlinge. Wir sind Historiker, und unsere Aufgabe ist es in erster Linie, ein historisches Phänomen zu dokumentieren: Mit den Mitteln einer Ausstellung, eines Dokumentationszentrums, eines Archivs, von Sonderausstellungen und mit Veranstaltungen. Ich kann mir ohne Weiteres vorstellen, im Veranstaltungsbereich oder in Sonderausstellungen das gegenwärtige Flüchtlingsthema aufzugreifen.

Das Gespräch führten Frank Herold und Kerstin Krupp.