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Hans-Otto-Theater: Unser gewöhnlicher Rassismus

Das Hans-Otto-Theaters in Potsdam.

Das Hans-Otto-Theaters in Potsdam.

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dpa

Potsdam -

Manuela Ritz fragt: „Macht mich eine gemeinsam erlebte Geschichte zum Teil dieses Volkes?“ Natürlich!, würde man ihr antworten: Sie hat ihre Kindheit in einer ostdeutschen Kleinstadt verbracht. Sie hat 1989 die Wende miterlebt von Berlin aus, wo sie die erste eigene Bude bewohnte. Sie hat skeptisch zugeschaut, als aus „Wir sind das Volk“ bald „Wir sind ein Volk“ wurde, ist in Berlin hängen geblieben, hat Sozialpädagogik studiert. Manuela Ritz hat also eine nicht ungewöhnliche Ost-Biographie. Klar ist sie ein „Teil dieses Volkes“.

Aber wie ist das, wenn Manuela Ritz eine dunkle Hautfarbe hat? Wenn sie noch heute bei jedem Besuch in ihrer Geburtsstadt Mügeln die bohrenden Blicke der Bürger aushalten muss: „Was willst du eigentlich hier, in diesem Land? Und wann gehst du wieder zurück?“ Mit dieser Frage sind wir inmitten eines wichtigen, packenden Dokumentartheater-Abends über Rassismus und rechtsextremen Alltag in Deutschland: „Mit Tötungsdelikten ist zu rechnen“ am Hans-Otto-Theater Potsdam.

182 solcher „Tötungsdelikte“ führt die Statistik seit 1990. Registereinträge alltäglicher brutaler Übergriffe werden eingangs der Inszenierung des Doku-Experten Clemens Bechtel (Regisseur des Erfolgsabends „Staats-Sicherheiten“ 2007) verlesen. Bechtels Stück, das von Lea Rosh und Renate Kreibich-Fischer konzipiert wurde, lässt Menschen auftreten, die gegen diese Gewalt anarbeiten. Irmela Mensah-Schramm etwa, die als „Politputze“ Parolen im öffentlichen Raum dokumentiert und entfernt.

Erzählung vom Balken im eigenen Auge

Aber das Stück bleibt nicht beim zivilcouragierten Engagement der versammelten Alltagsaktivisten stehen. Ein Szene-Aussteiger führt in die Logik der faschistoiden antikapitalistischen Agitation ein. In einer Vielzahl von kurzen Erzählungen wird ein komplexes Bild rechter Gewalt nachgezeichnet, von der Wendezeit, als die FDJ-Jugendarbeit dem Loser-Treff „an der Busse“ oder „an der Tanke“ wich, bis in die jüngere Gegenwart des NSU-Terrors. Politiker- und Bürger-Statements zur Asylfrage zeigen dazu, wie stark rassistisches Denken in der Mitte unserer Gesellschaft verankert ist.

Mit diesem Fokus setzt sich die aktuelle Arbeit am Hans Otto Theater bestens fort. Tobias Wellemeyer, der nach schwierigen Verhandlungen soeben seine Intendanz für vier Jahre verlängert hat, agierte mit dem klassischen Repertoire bisweilen unglücklich, hat aber zuletzt mit pointierten, konkret auf Brandenburg abzielenden Radikalismus-Studien das Profil seines Hauses geschärft: „Der Eisvogel“ nach Uwe Tellkamp (Regie: Stefan Otteni) und Horváths „Jugend ohne Gott“ (Regie: Alexander Nerlich) sind prägende Werke dieser Spielzeit.

Auch Bechtels konzentrierter Erzählabend widmet sich auf einer beweglichen Podest-Bühne der rechten Mentalität, die sozial und kulturell Fremdartiges als minderwertig abtut. Er erzählt vom Balken im eigenen Auge, der letztlich noch die Ermittler in den NSU-Mordfällen blind für die Täter machte. Manuela Ritz, die heute als Anti-Rassismus-Trainerin arbeitet, sagt einmal treffend: „Wenn wir von Rechtsradikalismus sprechen, dann sprechen wir von einer Handvoll Leute. Wenn wir von Rassismus sprechen, sprechen wir von einer Lebensrealität.“

Nächste Vorstellungen: 1., 5. März, 19.30.Uhr, Hans-Otto-Theater, Reithalle: Schiffbauergasse, Tel. 0331/981 15 00.