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Haus der Kulturen der Welt: So subtil wie martialisch - das Festival „Krieg singen“

Die altgedienten Provokünstler von Laibach auf der Bühne des HKW

Die altgedienten Provokünstler von Laibach auf der Bühne des HKW

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Roland Owsnitzki

Mit industriellem Funk über Nachrichten aus dem Führerbunker sowie Notizen zum Stand der totalitären Popproduktion begann am Donnerstag das Festival „Krieg singen“ im Haus der Kulturen der Welt. In Diskussionsrunden, Installationen und Konzerten beschäftigt sich die Veranstaltung noch bis Sonntagabend mit dem Zusammenhang von Musik und Gewalt. Dabei geht es auch um Dinge wie musikalische Folter in Guantanamo, um Schall-Waffen oder musikalische Entwicklungen der Rüstungsforschung. Aber mehr noch untersucht man hier die atmosphärische Instrumentalisierung: Vom bedrohlichen Walkürenritt des Hubschrauberangriffs in „Apocalypse Now“ über die Untermalung von Propagandafilmen der Musikhasser vom IS bis zum Protest gegen Krieg und Gewalt.

Baumelnde Stahlfeder

Vor dem Haupt-Act Laibach, den slowenischen Veteranen der martialischen Musikführung, gab es in der Ausstellungshalle des Hauses schon die hochkarätig ergrimmten Sounds des Hörspiels „Deutsche Krieger“. Die Gemeinschaftarbeit haben sich Andreas Ammer und der experimentelle Musiker FM Einheit für den Bayrischen Rundfunk ausgedacht, hier führten sie sie erstmals live auf. Jedenfalls seine ersten beiden Teile „Kaiser-Wilhelm-Overdrive“ und „Adolf Hitler Enterprise“. Der dritte Teil, „Ulrike Meinhof Paradise“, fehlte.

FM Einheit bediente dabei einen Laptop, dengelte auf einer baumelnden Stahlfeder und schüttete Kies auf die Bühne. Begleitet wurde er dabei von Alexander Hacke, mit dem er einst zusammen bei den Einstürzenden Neubauten wirkte und der hier die Gitarre dröhnen und jaulen ließ. Johannes Nebel am Bass und Saskia von Klitzing an den Drums besorgten einen harten, wummernden Funkrockrhythmus. Dazu hörte man allerlei kriegerische und kriegsermunternde Geräusche von Wilhelm zu Hitler, von Naziwochenschauen zu Dreißigerjahre-Humoristen, vom Grammophon zum Radio. Das war einerseits dicht und unterhaltsam dargeboten, andererseits aber durchaus subtil und mit hinterhältigem Hohn montiert.

Deutlich brachialer fiel hernach der Auftritt Laibachs im ausverkauften großen Saal aus. Das wird niemanden verwundern, der die Industrialpop-Gruppe kennt, die 1980, kurz nach Titos Tod, begann und schon mit der Wahl des deutschen Namens für das jugoslawische – heute slowenische – Ljubljana die Richtung ihrer speziellen Provokunst aus Knobelbecherbeats und germanisch gerollten Rs vorgaben. Sie bestand ein ganzes Weilchen darin, dass man nicht recht wusste, ob sie sich mit ihrem totalitaristischen Geflirte über die entsprechenden Ästhetiken und Weltanschauungen lustig machten, sie rein formal bewunderten oder gar irgendwie guthießen. Das funktioniert auf gewisse Weise immer noch, wie man an ihren Auftritten in Nordkorea im August gerade wieder sah. Allein die Anwesenheit der Band im pathologisch abgeschotteten Land konnte man höchst subversiv finden; andererseits gönnt sich der exzentrische Diktator ja auch gern mal ulkige Figuren wie Ex-Basketballer Dennis Rodman. Ob man in Pjöngjang den doppelten Popboden Laibachs verstand?

„Eine Strategie der Subversion durch Affirmation“ nannte jedenfalls Diedrich Diederichsen in den Achtzigerjahren ihre Strategie. Tatsächlich klang die Militanz des volkstümlichen Gemüts selten so prägnant wie in ihrer berühmten pomporchestralen Marschversion von „Live is Life“ des österreischischen Schlagerduos Opus. Mit diesem ihrem größten Hit von 1987 beendete das Quintett auch den Auftritt im HKW. Er gehörte jedoch − ohne die prachtvollen Kriegsfanfaren – zu den schwächeren Momenten. Ihre Methode musikalisch und visuell Pathos auf Pathos zu setzen, läuft nach all den Jahren stets Gefahr nur auf plumpe Ironie hinauszulaufen, als sei die Band für ewig der Ikonografie des Kalten Kriegs verhaftet. Der Grunzton von Sänger Milan Fras wirkt ja schon drollig und die Politdomina-Pose von Mina Spiler erinnert entgegen dem aktuellen Albumtitel „Spectre“ eher an Lotte Lenya im ersten Bond-Film.

Spiel der Ebenen

Doch im zweiten, für Berlin veränderten und mit einem Flügel ausgestatteten Teil, verbanden sich die verschiedenen Ebenen auf kluge, verwirrende und eigenartig berührende Weise. Da sah man fernöstlich bunten Blumenmädchen-Kitsch und fröhlich uniformierte Kinder, es purzelten Playmobil-Fantasyfiguren, Steaks und bunte Warhol-Dosen über die Leinwand, während eine martialische Grusel-Version von „My Favorite Things“ rezitiert wurde; oder man sah schwarz-weiße Familienpropaganda, alte Straßenszenen und Industriestahl, während Spiler den Marika-Rökk-Durchhaltesong „Mach dir nichts daraus“ von 1944 in einem gespenstisch verträumten musikalischen Setting singt. Und da wurde noch das etwas plakative „Whistleblower“ vom jüngsten Album, mit seinem leichten Militärmarsch, den pfeifenden Bandmitgliedern und der sportlichen Ertüchtigung auf der Leinwand Teil eines vielschichtigen Spiels. Die widersprüchlichen Zusammenhänge erhellte die Band jedoch nicht. Sie ließ das Publikum die manipulative Macht der musikalischen Inszenierung spüren.