22.02.2012

Helge Schneider: Fortgeschrittene Reife

Von Hans-Jürgen Linke
Musiker Helge Schneider.
Musiker Helge Schneider.
Foto: dapd

Ein Abend mit Helge Schneider, dem perfekten Unterbieter gängiger Standards, verursacht beim Frankfurter Publikum eine minütlich steigende Lachbereitschaft.

Frankfurt sei sehr schön, sagt Helge Schneider, und die Alte Oper sei das schönste Gebäude in 2,30 Metern Umkreis, aber habe da nicht früher noch ein anderes Gebäude gestanden, eine Telefonzelle vielleicht? Nach Lage der Dinge kann er nur das ehrwürdige Zürich-Haus gemeint haben. Bei den Worten „Frankfurt“ und „Alte Oper“ tut er immer, als lese er sie im funzeligen Bühnenlicht von seiner Handfläche ab, und als er zum zweiten Mal im gleichen Satz das Wort „schön“ benutzt, macht er vorher eine kleine Wortsuch-Pause, aber es fällt ihm kein anderes Wort ein. „Schön“ muss in – äh – Frankfurt reichen.

Und letztlich liegen hier ja die Gründe, warum man einen Helge-Schneider-Abend besucht: Diese wundervolle Mischung aus Unverschämtheit, Tolpatschigkeit und mäßig gutem Deutsch, kombiniert mit einem konsequenten Unterbieten gängiger Entertainment-Standards in puncto Eleganz und Pointensicherheit.

Mit Gesichtsakrobatik

All das summiert sich zu einer Bühnenpräsenz von entwaffnend haltloser und intelligenter Albernheit. Die Lachbereitschaft im so gut wie ausverkauften Großen Saal ist von Anfang an groß und vergrößert sich minütlich. Nach der Pause reichen schon kleine Gesten und Grimassen.

Helge Schneider präsentiert sich nach der Tourneeabsage vom vergangenen Jahr wieder in ausgezeichneter Form. Allerdings hat seine Arbeitsweise inzwischen ein fortgeschrittenes Reife-Stadium erreicht. Er arbeitet auf der Bühne nicht mehr so schnell und atemlos wie ehedem, sondern setzt nachdrücklich retardierende Effekte ein (zum Totlachen!).

Gegen den Status eines Menschen, über den, egal, was er tut, ständig gelacht wird – das muss man erst einmal aushalten! –, schützt er sich mit einer inzwischen beachtlichen Ausstattung an professionellem Bühnenhandwerkszeug, das er sich im Laufe all der Jahre zusammengestellt hat (zum Kreischen komisch!).

Und er hat sorgfältig an seiner Stimme gearbeitet, die ihm eine beachtliche Statur verleiht (nein, also sowas!), und die immer wieder beliebte Udo-Lindenberg-Parodie (oder war es Udo Jürgens?) erweist sich auch diesmal als eine Glanznummer.

Kontinuierliche Momente seiner Show sind seit je die eigentümlich surrealen Lieder, die hübschen Mainstream-Jazz-Klaviertrio-Phasen, das fiese Herumkommandieren des Teesklaven Bodo Oesterling sowie Perücken- und Gesichtsakrobatik-Einlagen. Die wirklich grotesken Auftritte des Abends aber absolviert Sergej Gleithmann alias Volker Bertzky als sparsam eingesetzter Ausdruckstänzer mit wirklich gewagten Choreografien. Saxofon spielt diesmal Tyree Glenn jr., der sich eine virtuose Ein-Ton-Understatement-Phrase zugelegt hat. Er repetiert sie, zirkularbeatmet, an die 48 Takte lang. Das ist sehr helgeschneiderartig.

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