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HFF Konrad Wolf: Kann man Kreativität trainieren?

Torsten Schulz, Schriftsteller und Prodekan der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf.

Torsten Schulz, Schriftsteller und Prodekan der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf.

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imago/Seeliger

Die Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf wurde vor 60 Jahren gegründet. Nun wird sie in eine Universität umgewandelt. Wir sprachen mit dem Schriftsteller Torsten Schulz, der seit 2002 dort Professor für Dramaturgie und Prodekan ist.

Herr Schulz, am 8. Juli wird die Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf zur Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Warum?

Die Initiative kam vor sage und schreibe sieben Jahren aus der Hochschule heraus, von der Professorenschaft, dem Präsidium. Eine Universität steht einfach stärker in der Landschaft. Sie bietet durch die Einheit von Lehre und Forschung weitere und größere Entwicklungsmöglichkeiten – jenseits von gängigen Film- und Fernsehmarktstrukturen und gerade unter Aspekten digitaler Herausforderungen, die die besagten Strukturen auch mittel- und langfristig verändern werden.

Welche Unterschiede machen die neuen Möglichkeiten digitalen Filmens und Bearbeitens fürs Studium?

Grundsätzlich bleiben die tradierten Gegebenheiten des Erzählens, davon bin ich sehr überzeugt. Und die gilt es zu vermitteln – ebenso wie die Herausforderung der besonderen, eigen-, ja einzigartigen Autorenschaft, trotz Handy-Filmchen und Ähnlichem im Internet. Natürlich kann man, um bei dem Beispiel zu bleiben, eine Kompilation von Handy-Filmchen herstellen, die eine Kunst der Montage darstellt und damit eine außerordentliche Autorenschaft. Jedenfalls halte ich es für blödsinnig, davon auszugehen, dass Autorenschaft so etwas wie ein bürgerliches Relikt sei, das in digitalen Zusammenhängen aussterbe. Oder gar, wie ich es neulich hörte, dass der Erzählstoff sich im Internet in der Konsequenz gleichsam selber erzähle.

Ist die Ausbildung der klassischen Film-Gewerke nicht gefährdet? Anders gefragt, werden die entsprechenden Berufe nicht überflüssig?

Da gibt es unterschiedliche Haltungen und das auch schon lange, lange im analogen Zeitalter. Ich glaube, die Berufe, die sich im Laufe der Film-Jahrzehnte herausgebildet haben – Drehbuchautor, Regisseur, Kameramann, Cutter usw. – haben auch in Zukunft Sinn und Berechtigung, wenngleich mit Modifizierungen, Erweiterungen. Daran müssen wir immer wieder neu unsere Gewerke-orientierte Ausbildung an der Filmuniversität messen. Mit digitalen Herausforderungen meine ich zum Beispiel Möglichkeiten und Chancen des interaktiven Erzählen, die es so noch nie gegeben hat – und das bezogen auf alle Medien, die so genannten alten wie auch die neuen. Brechts Radiotheorie, seine Forderung der Verwandlung des Distributionsapparates in einen Kommunikationsapparat, ging schon vor über 70 Jahren in diese Richtung. Nichtsdestotrotz können wir gerade jetzt damit in der Ausbildung neue Gebiete betreten, und besonders eine Universität bietet den Diskursraum dafür, in dem auch dem allgemein herrschenden Effektivierungsstreben entgegentreten werden kann, ohne ungefähr zu sein oder sich dem Leistungssystem zu verweigern.

Gegen das Effektivierungsstreben, was heißt das in der jetzigen Situation?

Also, wir haben ja vor drei Jahren anstelle des Diploms Bachelor und vor einem Jahr und aktuell Master eingeführt – was rückblickend betrachtet keine so kluge Entscheidung war. Ich hab neulich von US-Amerikanern die Frage gestellt bekommen, warum wir uns denn vom guten alten deutschen Diplom verabschiedet haben. Wir sind einer Forderung der Politik gefolgt, ohne ihr unbedingt folgen zu müssen. Nun gilt es, Tendenzen der Verschulung – dem Abarbeiten von Lehrstoff und fleißigen Sammeln von Leistungspunkten zum Beispiel – und entsprechender Empfängermentalität eines Teils der Studentinnen und Studenten entgegenzuwirken. Salopp-soziologisch ist ja bisweilen schon von der Generation Bachelor die Rede. Nicht gerade ermunternd.

Wie kann man diese auf Vermarktbarkeit ausgerichtete Mentalität zurückdrehen?

Nun, Vermarktbarkeit ist per se nichts Schlechtes. Die Universität sollte jedoch vor allem ein Laboratorium darstellen, wenn sie Berechtigung und Ausstrahlung haben will. Laboratorium heißt für mich: Ausprobieren auf möglichst hohem Niveau, ergebnisoffenes Ergründen, Erzählabenteuer wagen… Wobei letztlich und vor allem jedes starke Erzählen ein Erzählabenteuer ist, ein – um es mal so zu nennen – innovatives Erzählen, mit der entsprechenden (film)sprachlichen Selbsterforschung des Autors und seiner Welt, der Erkundung von Neuartigem… Jedenfalls alles was der real existierende Markt, mit seiner Tendenz zum Konfektionierten, nicht gerade einfordert, was aber für das Weiterleben einer Gesellschaft, die nicht erstarren darf, deren Zukunftsvisionen mir jedoch nicht gerade stark ausgeprägt scheinen, essenziell wichtig ist.

Kann man das im Lehrplan steuern?

Steuern ist in dem Zusammenhang ein schwieriger Begriff. Es gibt als Lehrplan ein Modulsystem, in dem sich nach Möglichkeit eine Unterrichtseinheit sinnvoll mit anderen verquickt. Mindestens ebenso wichtig ist aber der Stil der Lehrveranstaltungen, vor allen Dingen das intensive Arbeiten am konkreten Erzählgegenstand. Im Bereich Drehbuch/Dramaturgie zum Beispiel ist die Stoffentwicklung der Kern des Geschehens, um den herum sich Weiteres wie Stofffindung, Erzählvariantenspiel oder auch gattungsübergreifendes bzw. crossmediales Erzählen bewegt. Dahingehend ein anderer Aspekt einer Kunst-Universität: So wie es beispielsweise emotionale Intelligenz gibt, gibt es auch die Forschung mit künstlerischen Mitteln, die ebenso wie die wissenschaftliche Forschung dem Generieren von Erkenntnis dient. Die in die Lehrarbeit einzubeziehen, als Modul zu verankern, scheint mir interessant und zukunftsträchtig und obendrein ganz sicher aufschlussreich für einen Kino- und Fernsehfilmmarkt, der sich derzeit schlicht in der Krise befindet und nach Möglichkeiten des Weiterlebens sucht.

Sie sind neben Ihrer Arbeit als Professor für Praktische Dramaturgie auch Schriftsteller. Kann man da nicht viel unabhängiger von irgendwelchen Betriebszwängen solche Erzählabenteuer ausprobieren? Wie vermitteln Sie das? Kann man Kreativität trainieren?

Ich habe meine eigenen Erzählabenteuer, und ich habe die Freude, mit den Erzählabenteuern anderer Menschen umzugehen. Ich hoffe, dass sich das, sofern der Stressfaktor nicht zu groß wird, einigermaßen gut ergänzt und vielleicht auch gegenseitig befruchtet. Der Umgang mit den jungen Autorinnen und Autoren heißt ja nicht zuletzt: Initiation und Training. Was will, was kann ich erzählen? Was ist das Einzigartige, das von mir ausgeht, mit meinem inneren Thema zusammenhängt und sich bei einer wachen Zeitgenossenschaft auch in heftiger Korrespondenz mit Motiven und Problematiken des gesellschaftlichen Lebens befindet. In diesem Sinne kann man, Talent und Ehrgeiz, ja Leidenschaft vorausgesetzt, Kreativität trainieren. Bei aller Achtung von Handwerk und Regeln als Basis, kann und sollte Kreativität dann darüber hinausgehen. Wenn man das so im „Betrieb“ verabredet, sehe ich keinen Widerspruch zum auch institutionalisierten Charakter des Ganzen.

Ihre Prosaarbeiten sind mehrfach adaptiert worden, als Hörspiel, Spielfilm. Ihr Roman „Boxhagener Platz“ wurde 2010 von Matti Geschonneck verfilmt. Sie haben dafür auch selbst das Drehbuch verfasst. War es sehr schwierig, das Literarische eines eigenen Textes auf die ganz andere Funktionalität eines Drehbuchs zu strippen?

Das war durchaus schwierig, schwieriger als ich gedacht hatte. Der Stoff ist durch, man muss sich noch mal motivieren. Und man arbeitet aus der Sprache heraus – auch beim Drehbuch immer noch das vorrangige Mittel – auf eine Filmsprache zu, die man sich vorstellt, mehr oder weniger. Beispielsweise war die Ironie des Romans nicht so einfach auf den Film übertragbar. Was überhaupt die Tonalität anging, war der Regisseur mit seiner Intention, seinem Humor und den schon gemachten Filmen wichtig. Wenn es um Drehbuch geht, schreibe ich gern sozusagen für einen Regisseur. Oder vielleicht auch mal eine Regisseurin. Bloß keine Person, die sich wünscht oder verlangt, dass ich so schreibe, wie sie schreiben würde, wenn sie schreiben könnte. Auch das gibt es leider öfters.

Bisher hieß die Hochschule nach Konrad Wolf. Der steht für Defa, DDR, für Vergangenheit. Bleibt der Name für die Universität erhalten?

Ja. Und zwar genau deshalb. Die Tradition in der dialektischen Verknüpfung mit der Zukunft. Zudem war Konrad Wolf ein hochinteressanter Kulturpolitiker, mit einer inneren Zerrissenheit aus seinen Zeit- und Lebensumständen heraus, und vor allem ein sehr guter, immer wieder auf Neues orientierter Filmregisseur. Man sehe sich nur seine Filme an, „Sterne“, „Sonnensucher“ oder „Solo Sunny“… Und, ja, wenn jemand diese Namensbeibehaltung als Provokation aufnimmt, ist das auch oder gerade gut!

Die Fragen stellte Sabine Vogel.