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HipHop: Der Rapper mit den Puschelohren

Das Bild von seiner Facebook-Seite zeigt den Rapper Cro, wie ihn seine Fans sehen sollen.

Das Bild von seiner Facebook-Seite zeigt den Rapper Cro, wie ihn seine Fans sehen sollen.

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Chimperator

Eine Geschichte über das Berühmtwerden ist im Jahr 2012 die Geschichte eines neunzehnjährigen Jungen, der im Keller seiner Eltern in Stuttgart wohnt. Er heißt Carlo, er hat einen Realschulabschluss und eine Ausbildung zum Mediengestalter gemacht. Carlo kann Gitarre spielen und Klavier, das hat er vom Großvater, er kann reimen, schnell sprechen und passabel singen. Carlo ist auch hübsch, aber das spielt keine Rolle, denn sein Gesicht verbirgt er hinter einer Pandabärenmaske, wenn er den Menschen seine Musik vorspielt. Dann nennt er sich nicht mehr Carlo, sondern einfach nur Cro.

Cro hat 223234 Fans auf Facebook. Das ist der Stand von Mittwoch, 12 Uhr. Es werden jede Stunde mehr. Im November vergangenen Jahres stellte er ein Musikvideo auf Youtube. Bis heute wurde es fast sechs Millionen Mal angeklickt.
Das Internet hat Carlo zu einem Star gemacht, ehe die großen Plattenfirmen auch nur ahnten, dass es ihn gibt. Und wenn man sich nun fragt, warum ausgerechnet Cro, dann kann man die Antwort in seiner Musik suchen. Denn Cro ist die Zukunft des Deutschrap, zumindest sagt das Jan Delay, der so etwas wie die Gegenwart des Deutschrap ist.

Carlo sagt: „Total krass.“ Und: „Oh Gott, oh Gott, oh Gott!“ Er hat ein bisschen Angst bekommen, als er das zum ersten Mal gehört hat. Carlo hat noch keine einzige Platte verkauft.
Er hatte auch ein bisschen Angst, als er in einer frostigen Februarnacht vor vierhundert seiner Fans auf eine Bühne in einem kleinen Club am Berliner Alexanderplatz treten sollte. Die Bühne war eigentlich nur ein Podest, auf dem sonst der DJ steht. Cro musste mitten durch die Menge.

„Das mag ich überhaupt nicht, ich fühl mich dann so gefangen, ich brauche immer einen kleinen Schlitz, durch den ich flüchten kann“, sagt Carlo, „wie ein kleines Tier.“ Es ist halb drei Uhr nachts, die Pandamaske hat er abgesetzt, er sitzt auf einem Stuhl in der Ecke eines Hinterzimmers des Clubs. Jemand hat Schüsseln mit Erdnussflips und Weingummis in das Regal neben ihm gestellt. Carlo nestelt eine Schachtel Zigaretten aus seiner Jeanstasche und steckt sich eine an.

Zwanzig Minuten hat der Auftritt gedauert. Cro hat seine Songs gerappt. Sie heißen: „Dreh auf“, „Geht gut“ oder „Wir sind da (100000 Pandas)“, den er kostenlos zum Herunterladen ins Internet stellte, als er seinen hunderttausendsten Facebook-Fan bekam.
Cro ist gehüpft. Die Menge ist gehüpft. Er hat mit seinem Pandakopf genickt. Die Menge hat einen Plüschpanda auf den Händen durch den Club getragen. Cro rappte: „Ich bin ein Rockstar“, dazu lief ein Gitarrenriff der Indieband Bloc Party. Und die Menge sang: „Ich bin ein Rockstar“ und hüpfte noch wilder. Viele Mädchen waren da, in knappen Trägertops, die ihre Brüste nur spärlich bedeckten; auch ein paar Jungs, die mit Handykameras Cro und die Mädchen filmten.

Eher cool als böse

Cro ist ein Rapper, der dem vielfach totgesagten Genre HipHop einen neuen Tonfall verpasst hat, einen freundlich fröhlichen, frech zwar, bisweilen unverschämt, auch deswegen mögen ihn Mädchen wie Jungs.

Carlo sitzt in seiner Ecke, leicht gekrümmt, so wie Jungen sitzen, die groß und schlaksig sind, seine Haare sind zerzaust. Jeder will gerade seine Hand schütteln, ihm auf die Schulter klopfen. Carlo lächelt. Wird er ein paar Tage hier in Berlin bleiben? „Nein, morgen geht’s nach Hause.“ Es klingt erleichtert. Das Lächeln ist kurz verschwunden. „Drei, vier Tage reicht.“ Dann schiebt sein Manager von irgendwo ein Mädchen in seine Richtung: „Darf ich euch vorstellen.“ Carlo lächelt wieder.

„Ich bin ein liebes Weichei. Ich kann nicht lügen“, sagt Carlo. „Ich hatte eine schöne Kindheit, ich habe niemals verloren.“ Cro ist süß und eher cool als böse. Und das scheint nach vielen Jahren, in denen irgendwann sogar der Boulevard von den Fehden vermeintlicher deutscher Gangsterrapper wie Bushido und Sido berichtete, die größere Provokation zu sein, als über Knast, Koks und Koitus zu rappen.

Marcus Staiger nennt das den Schweinezyklus. Fünfzehn Jahre ist es jetzt her, dass sich das, was damals als die Zukunft des deutschen Rap galt, in Kisten bei ihm zu Hause stapelte. „Kennste aus dem Gemeinschaftskunde-Unterricht. Die Leute wollen Schweine, die Bauern produzieren Schweine, irgendwann gibt’s zu viele, dann geht die Nachfrage zurück, dann hören die Bauern auf, Schweine zu produzieren, und so geht das immer weiter.“ Im Moment wollen die Leute keine Schweine. Sie wollen Pandabären.
Im Jahr 1997 war die Zukunft der Schweinerap, aufgenommen mit einem Vierspurtonbandgerät, kopiert auf Tausende von Kassetten. „Irgendwo muss ich noch eine haben“, sagt Staiger und schlappt in Adiletten ins Nebenzimmer. Man hört ihn kramen. Auch seine

Geschichte hat in einem Keller begonnen, heute wohnt er in einer Dachgeschosswohnung am Paul-Lincke-Ufer in Berlin-Kreuzberg, zwei Balkone, nach Süden mit Blick über den Landwehrkanal, nach Norden auf Hinterhöfe. Neben dem Flachbildfernseher an der Wand steht ein Bauernschrank, gegenüber ein Piano.

Staiger kommt zurück. „Diese Tapes haben damals nach dem gleichen Prinzip funktioniert wie für einen Cro heute Youtube“, sagt er. 260 Mark nahm er damals von seinem Ersparten, verkaufte die ersten hundert Kassetten auf HipHop-Konzerten. Von den Einnahmen machte er zweihundert neue. Dann vierhundert. „Die Dinger waren heiß begehrt“, sagt Staiger, „Tausende haben wir davon machen lassen.“

Tausende, nicht Millionen. Aber es funktionierte nach den gleichen Regeln. Wenn Cro heute eine Maske trägt und ein Geheimnis aus seinem Familiennamen macht, ist diese Art von Anonymität Teil eines bewährten Konzepts. Von den Berlinern, die auf Staigers Kassetten rappten, gab es auch keine Bilder. „Die Leute haben sich die wildesten Sachen zusammenfantasiert, die dachten, wir wären zwei Meter große Messerstecher.“ Dabei waren sie nur eine Gruppe Jungs in übergroßen T-Shirts und weiten Hosen, die sich in Berliner Jugendhäusern kennengelernt hatten. Ein Jurastudent war dabei, ein Chemiestudent, ein Tischler. Sie trafen sich jeden Sonntag in einem afrikanischen Kellercafé in Kreuzberg. Staiger, der selbst nicht besonders gut rappen konnte, moderierte, die anderen improvisierten Texte zu Rhythmen vom Plattenteller.

Deutscher Rap war Mitte der Neunzigerjahre Musik für Mittelstandskinder. In Stuttgart sagten die Fantastischen Vier „Die da“, in Hamburg sagten Fettes Brot „Jein“, in Frankfurt am Main sagte Moses P. „Keine ist wie du“. Und in Berlin sagte plötzlich ein Savas Yurderi, den noch niemand kannte: „Lutsch mein’ Schwanz“.

Die Berliner verpackten damals die wüstesten Beschimpfungen in komplizierte Binnenreime, denn sie spielten im Keller eine Grunddisziplin des Hip-Hop nach, den Battle, den Kampf, Mann gegen Mann, ohne Fäuste, dafür mit Schimpfworten. Ihre Texte waren gewaltverherrlichend, frauenfeindlich, rassistisch; für die Rapper war es eine extreme Form der Unterhaltung. Sie nahmen ihre Texte nicht ernst. Die Abende im Keller funktionierten wie die Treffen eines Sportvereins.

„Sido war da, Frauenarzt war da, Savas war da“, sagt Staiger und schenkt Apfelschorle in ein großes Glas. „Bushido war nicht da.“

Es ist auch nicht mehr wichtig, wer damals dabei war, im Royal Bunker, wie der Keller hieß, und dann auch das Label, das auf den Kassetten stand, und dessen Chef Marcus Staiger war. Die Frage ist, wer heute, fünfzehn Jahre später, noch da ist, nachdem die Gesichter irgendwann doch zu sehen waren.

Savas Yurderi hat ein paar Kilo zugelegt, seit er im Royal Bunker auf der Bühne stand. Er hatte seitdem viele Namen. Er war der Pimp Legionär, King Kool Savas. König des Rap. Heute ist er 37 Jahre alt .
Savas hat gute Laune. Die Sonne scheint ihm ins Gesicht, während er über die A9 Richtung Süden fährt. Er muss am Nachmittag in Mannheim sein. „Ins Studio, mit Xavier.“ Xavier Naidoo hat auch schon auf seinem letzten Album gesungen, das im vergangenen Jahr auf Platz eins der deutschen Charts geklettert ist. Das Wort „ficken“ kommt kaum noch vor, dafür gibt es bei ihm jetzt Streicher zu poetischen Gedanken über das Leben.

„Rap darf heute Pop sein“, sagt Savas, „ Früher war das ein Tabu, da hieß es dann: Der macht’s nur für’s Geld.“ Aber heute ist eben alles anders als in den späten Achtzigern, als Rap der Soundtrack seines Lebens wurde, wie er sagt, ihn begleitete, wenn er nachts Graffiti auf Züge sprühte. Heute kann Cro erzählen, dass er gerne mit dem Hund seiner Mutter spazieren geht, ohne dass jemand die Authentizität seiner Musik in Frage stellt. Die Geschichte von Cro ist auch die eines Generationenwechsels.

Es habe eine Weile gedauert, sagt Savas, ehe er sich an dieses Internet gewöhnt habe. Für ihn, sagt er, sei das jetzt ein Zusatzmodul, das es leichter mache, seine Platten, Pullis, Konzerte zu bewerben. „Ich habe 270000 Fans auf Facebook. Wenn das alles wirklich meine Fans wären, dann hätte ich mein letztes Album 270000 Mal verkauft. Hab ich aber nicht.“ Klicks, Likes, Comments. „Alles Quatsch“, sagt Savas, und wenn er jemandem wie Cro einen Rat geben sollte, so von Vergangenheit zur Zukunft des deutschen HipHop gesprochen, dann diesen: „Guck dir das nicht an, übe lieber deine Texte.“

Eine Eins in der Mathearbeit

„Ein Künstler ist ein explosives Gemisch“, sagt Sebastian Schweizer. Was einst Marcus Staiger für Savas war, ist er heute für Cro. Schweizer hat das Label Chimperator mitgegründet, das Cro unter Vertrag genommen hat. Er plant nun die Zukunft der Zukunft des deutschen Rap. Schweizer trägt eine Baseballjacke und dazu Pudelmütze. Er sitzt in einem Café in Kreuzberg. Auf dem Tisch blinkt sein Smartphone.

Gerade hat Schweizer RTL abgesagt und auch Thomas Gottschalk, der Cro für seine Sendung interviewen wollte. Später vielleicht. Sebastian Schweizer versucht, aus dem Hype eine nachhaltige Künstlerkarriere zu entwickeln. Er fragt Cro: Wer willst du sein? Und lässt dann ein Video drehen, in dem hübsche Mädels in Hotpants auf Retrofahrrädern durch die Sonne radeln. Jeder Achtzehnjährige wäre dort wahrscheinlich gerne Statist.

Chimperator ist ein Independent-Label. Es können sich noch so viele Abteilungen bei großen Firmen den Kopf darüber zerbrechen, wie man aus dem Nichts einen Hype generiert. Es lässt sich nicht steuern, was niemand erklären kann. Vier Festangestellte arbeiten bei Chimperator. Und längst denkt man bei so einem kleinen Label ganz anders als in den schwerfälligen Gebilden der Plattenindustrie. Gratisdownloads? Ist doch super. Keine Produktionskosten, maximale Reichweite.

Auch Sebastian Schweizer hat einst die Berliner Tapes gesammelt. Aber wie lange hat es gedauert, bis eine Kassette den Weg nach Stuttgart, wo Schweizer herkommt, gefunden hat? Und wie schnell ging es, dass über Cro auf einem Blog in Japan gesprochen wurde?
„Allerdings ist die Halbwertzeit von Künstlern viel kürzer geworden“, sagt Schweizer. Und wenn man seinen Kollegen Staiger danach fragt, dann sagt er einen Satz, der davon zeugt, dass er, bevor er Kassetten kopierte, Volkswirtschaftslehre in Kombination mit Philosophie studiert hat: „Die Anzahl an Superstars hat sich mit der Demokratisierung der Produktionsverhältnisse nicht erhöht. Die Aufnahmefähigkeit der Massen für Superstars ist begrenzt.“ Das ließe sich in Zahlen belegen. „Der Großteil des Umsatzes in der Plattenindustrie wird noch immer von einigen wenigen bestritten.“

„Es geht jetzt darum, ob Cro abliefern kann“, sagt Marcus Staiger. Wenn er eines gelernt habe, in zehn Jahren als Chef eines HipHop-Labels, dann das: Es kommt heute darauf an, dass man eine Erlebniswelt kreiert, mit Geschichten und den passenden Klamotten. Die Musik ist dann der Soundtrack, den es umsonst dazu gibt.

Cros Geschichten gehen so: Er schreibt einen Song, wenn er eine Eins in der Mathearbeit bekommen hat, weil er so glücklich ist. Dann holt er sich aus der Plattensammlung des Vaters ein „cooles Sample“, und fertig ist der nächste Track. Es gibt dazu einen Kapuzenpulli mit Pandaaufdruck, gestaltet von Cro selbst, der nebenbei auch noch Kleidung designt. Der Pulli zum Gratis-Track kostet fünfzig Euro. Ein Anteil davon geht an ihn. Und auf seiner Facebook-Seite verlost Cro Pizzen an seine Fans, seine Pandas, wie er sie nennt, die er in Stuttgart dann selbst ausfährt.

Im Hinterzimmer des Clubs drückt Carlo seine Zigarette aus. Er wird gleich mitten durch die Menge gehen, raus, zum Ausgang. Niemand wird ihn als Cro erkennen ohne seine Maske. „Die ist cool“, sagt Carlo, „damit kann ich für mich bleiben.“ Im Sommer soll das erste Album von ihm erscheinen. Irgendwann, soviel ist sicher, wird die Maske fallen müssen.

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