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Homosexualität in Russland: Orthodoxe Apokalypse

Der russische Patriarch Kirill, hier bei der Messe am 07.01.13 in Moskau.

Der russische Patriarch Kirill, hier bei der Messe am 07.01.13 in Moskau.

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AFP

Kein Thema scheint die Russisch-Orthodoxe Kirche derzeit so zu beschäftigen wie die Homosexualität. Patriarch Kirill hat die Legalisierung der Homo-Ehe in Westeuropa bereits als Vorzeichen der Apokalypse gedeutet. Und jüngst, in seinem Fernsehinterview zum Weihnachtsfest am 7. Januar, sah er eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte anbrechen. Dass die Sünde zur Norm erklärt werde, das habe es noch nie gegeben, „die Zeit des Heidentums eingeschlossen“.

Nun aber trifft ein Skandal um Homosexualität und sexuellen Missbrauch ausgerechnet die Orthodoxe Kirche selbst. Und der Versuch, die Missstände unter den Teppich zu kehren, ist gründlich misslungen.

Der bloggende Priester

Schuld daran – oder soll man von einem Verdienst sprechen? – trägt ein eigenwilliger Theologe. Andrej Kurajew, Professor an der Moskauer Geistlichen Akademie, trägt zwar als Geistlicher nur einen niedrigen Rang – er ist Protodiakon –, aber er ist ein scharfsinniger und überaus medienwirksamer Mann. Er hat nicht nur ein Lehrbuch für das neue Schulfach „Grundlagen der orthodoxen Kultur“ verfasst, er gibt fleißig Interviews und führt ein vielgelesenes Blog.

Darin leistet sich der Kirchenmann eine eigene Meinung. So nahm er die Pussy-Riot-Frauen in Schutz, die in der Moskauer Kathedrale ein Anti-Putin-Gebet gesungen hatten. Der Auftritt stehe in der uralten Tradition von Karnevals-Späßen, beschwichtigte er – ganz anders als die Kirchenführung, die auf strenger Bestrafung bestand.

Ohne den medienaffinen Protodiakon hätten viele Gläubige nicht wahrgenommen, was im Dezember in der tatarischen Hauptstadt Kasan geschah: Dort hatten sich Studenten des Priesterseminars über den Prorektor beschwert; er nötige sie zu sexuellen Handlungen, hieß es. Ein hoher Vertreter des Patriarchats sah die Vorwürfe bei einer Inspektion bestätigt und erklärte den Prorektor für abgesetzt. Dieser fand freilich schon nach kurzer Zeit eine neue Anstellung – er wechselte ins Twerer Bistum, wo er abermals lehren sollte.

Kurajews Blog machte den Skandal publik

Kurajews Blog trug den Skandal aus der Provinz in die Hauptstadt. Von einer „Homo-Lobby“ in der Kirche schrieb Kurajew, ja vom „schwulen Krebsgeschwür“ und dessen „Metastasen“.

Warum, fragte er, war die Kontrolle so spät erfolgt, obwohl die örtliche Presse längst von den Vorwürfen berichtet hatte? Warum gab es keine Anzeige, wo die sexuelle Nötigung Abhängiger doch strafbar ist? Warum kein Kirchengericht, keine Versetzung in den Laienstand, nicht mal ein Lehrverbot?

Wie man in Kurajews Blog nachlesen konnte, wurden die Kasaner Priesteranwärter sogar noch geschurigelt, weil sie es gewagt hatten, sich zu beschweren. Kaum war der Moskauer Besuch verschwunden, kam der örtliche Kirchenfürst ins Seminar. Die Schule „widere ihn an“, sagte Metropolit Anastassij, und er meinte damit nicht etwa den Missbrauch, sondern jene insgesamt 45 Schüler, die die Vorwürfe bestätigt hatten. „Wie Judas Christus verriet, so habt ihr die Ideale des Seminars verraten“, schleuderte er ihnen entgegen.

"Provozierende Publikationen"

Mit der Veröffentlichung dieser vertraulichen Rede hatte Kurajew freilich eine Grenze überschritten – er war vom Kommentator des Skandals selbst zum Enthüller geworden. Die Antwort kam schnell: Noch am 30. Dezember verlor er sein Lehramt an der Moskauer Akademie. „Protodiakon Andrej Kurajew tritt in den Medien und der Blogosphäre regelmäßig mit provozierenden Publikationen auf“, erklärte der Rat der Akademie. Übrigens habe man Kurajew ja schon im März 2012 „brüderlich ermahnt“, aber er habe ja nicht hören wollen. Gemeint war damit Kurajews Eintreten für die Pussy-Riot-Frauen.

Mitten im Lehrjahr einen Professor zu vertreiben, noch dazu durch einfachen Beschluss des Lehrpersonals und ohne Abstimmung, das war nun seinerseits ein skandalöser Schritt. Offenbar fürchtete man weitere Enthüllungen.

Vielleicht hatte ja auch ein Brief den Ausschlag gegeben, den Kurajew im Dezember veröffentlichte. Darin wies ein schwuler Geistlicher auf die weite Verbreitung homosexueller Neigungen in der orthodoxen Kirche hin. Patriarch Kyrill wisse sicherlich davon, stand darin, schließlich sei er selbst von einem Mann mit solchen Neigungen zum Priester geweiht worden.

Der Brief endete mit schweren Vorwürfen – auch gegen Kurajew selbst, weil er nichts gegen die „idiotische Schwulenhetze“ unternehme. „Na gut, ich weiß, dass ich nicht in den Himmel komme“, scherzt der Autor. „Aber Sie, Vater Andrej, wollen Sie nicht verstehen, dass das meine Sache ist? Und dass derjenige, der mich allein deshalb jagt, weil ich so bin, wie ich bin – dass derjenige nun mit völliger Sicherheit in die Hölle kommt?“.