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Hüte dich vorm bleichen Mann!

Vampyr

Mut zur Hässlichkeit: Heiko Trinsinger als schaurig blutsaugender Frauenbetörer Lord Ruthven.

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imago/DRAMA-Berlin.de

Für die Opernwelt war 1828 das denkwürdige Jahr der Vampire. Gleich zwei deutsche Theater brachten Schauer-Stücke nach John Polidoris zehn Jahre zuvor erschienenem Roman „The Vampyre“ heraus: die Geschichte eines Gentleman-Vampirs, der, um noch ein Jahr unter Menschen verbringen zu können, verspricht, binnen vierundzwanzig Stunden das Blut dreier Jungfrauen zu liefern. Der Stuttgarter „Vampyr“ von Peter Joseph von Lindpaintner verschwand bald darauf wieder unter Sargdeckeln. Heinrich Marschners Blutsauger hingegen erleidet, seitdem er in Leipzig das erste Mal gesichtet wurde, die Existenz eines Untoten, der nicht sterben kann, aber auch nie ganz im Leben ankommt.

Eigentlich ist das Stück mit seinen unfreiwillig komischen Reimereien („Denn still und heimlich sag ich’s dir/der bleiche Mann ist ein Vampir“) kaum spielbar, erst recht im Zeitalter der Splatterfilme, die viel härtere Erfahrungen bieten. Andererseits lockt der Blick in die Frühzeit des Mythos, der ein dichtes Spiel mit Referenzen möglich macht. Als der Komponist Hans Pfitzner 1925 eine Neuausgabe des vergessenen Werkes vorlegte, gab es schon einmal diesen Zusammenklang von Vampir-Film und -Oper, denn kurz zuvor war Murnaus „Nosferatu“ in den Kinos erschienen. Pfitzner hatte allerdings ganz andere Interessen. Dem deutsch-nationalen Musiker ging es vor allem darum, die Geschichte des deutschen Sonderwegs der Oper wieder stärker ins Bewusstein zu heben und Marschner als Mitstreiter Carl Maria von Webers und Vorläufer Wagners erlebbar zu machen. Pfitzners Marschner war eine bühnenpraktische Bearbeitung, und damit wies er auch späteren Aufführungen den Weg, den die Komische Oper jetzt bis zum bitteren Ende gegangen ist.

Man möchte sich ja gar nicht vorstellen, was es bedeutet hätte, drei Stunden Original-„Vampyr“ abzusitzen. Andererseits ist es eine Enttäuschung, dass die als Marschner-Aufführung angekündigte Produktion eines gewiss nicht bietet: die Möglichkeit, Marschners unbekanntes Stück kennenzulernen. Das betrifft vor allem die musikalische Seite. Nur in den Finalszenen der beiden Akte, die als solche allerdings nicht mehr zu erkennen sind, deutet sich ein Eindruck von den großflächigen Spannungen an, die dieser Komponist aufbauen konnte. Marschners Schreibweise ist sprunghaft, oft etwas kraus, und das wird durch die hausgemachte Verhackstückelung noch gesteigert. Eigentlich passt über weite Strecken hier gar nichts mehr zusammen, die Figuren hängen in der Luft, die musikalische Dramaturgie ist, am schlimmsten in der ersten halben Stunde, ein einziges Schlingern, in dem die Sympathie, die der Regisseur Antú Romero Nunes seinem Stoff eigentlich entgegenbringt, ohne Halt bleibt.

Hausbackene Clusterklänge

Nunes möchte mehr Direktheit, Unmittelbarkeit und Tempo erreichen. Dass er deshalb das Stück um knapp die Hälfte einkürzt, ist verständlich, dass Rollen gestrichen werden, wohl unvermeidlich. Dass die verbliebenen Musik-Schnipsel umgestellt werden, bringt aber die Form ins Wackeln. Vollends ausgehöhlt wird jeder Rest von Marschners Dramaturgie durch die absurde Idee, das Stück zu kürzen, dann aber wieder neue Musik hinzukomponieren zu lassen. Die Idee dabei ist, dass vorsätzlich schräge, moderne Töne einen extra Gruselkick erzeugen, der über das Stoffliche hinaus die ganze musikalische Wahrnehmung verunsichern soll.

Das könnte vielleicht funktionieren, wenn es mit mehr Fantasie und Erfindungskraft geschähe, mit mehr Doppelbödigkeit. Aber die hausbackenen Clusterklänge von Johannes Hofmann sind nicht mehr als solide, genrefeste Theatermusik. Sie ist zu wenig durchgearbeitet, um innermusikalisch einen Mehrwert hervorzubringen. Was Marschner an, vielleicht zu belächelnden, Gruselstimmungen erzeugt, wird umgehend von Langeweile verschluckt.

Besser funktioniert die Verunsicherung der Zuschauer bei der präzisen Vermischung von Theaterformen, in denen Regisseur Nunes seine Figuren zappeln lässt, und die auch sängerisch ihren Niederschlag findet. Zwischen ironischer Distanz und lyrischer Einfühlung bewegen sich gekonnt die Frauenfiguren, Nicole Chevalier und Maria Fiselier, die allerdings in den weiten Bögen der einzigen wirklich berühmten Nummer der Oper, der Romanze vom „Bleichen Mann“, zu farblos bleibt.

Die Männer vermögen allesamt mit kämpferischem Ton zu fesseln, Heiko Trinsinger als von der ablaufenden Zeit getriebener Vampir, Jens Larsen als sein unwissentlicher Helfer und Zoltán Nyári und Ivan Tursic als seine bürgerlichen Liebes-Rivalen. Der beeindruckende Zombie-Chor und das Orchester unter der Leitung des schließlich selbst theaterblutbefleckten Antony Hermus machen ihre Sache, soweit man das bei dieser musikalischen Resteverwertung sagen kann, sehr gut.