E_Paper_BZ
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Humboldt Forum Berlin: Das Stadtschloss ist zu klein und vor allem zu teuer

Diese fragilen Exponate aus der Bootshalle des Ethnologischen Museums in Dahlem sind zu groß für die Räume im künftigen Humboldt-Forum. Sie werden künftig sehr eng stehen müssen.

Diese fragilen Exponate aus der Bootshalle des Ethnologischen Museums in Dahlem sind zu groß für die Räume im künftigen Humboldt-Forum. Sie werden künftig sehr eng stehen müssen.

Foto:

BLZ

Das Projekt Berliner Schloss – Humboldt-Forum (BSHF) wird inklusive Fassadenergänzungen und Kuppel inzwischen auf 621 Millionen Euro kalkuliert. Das gibt sogar der Bauherr, die vom Bundestag auf strenge Kosteneinhaltung verpflichtete BSHF-Stiftung zu. Derzeit gibt es weltweit wohl nur ein einziges Kulturbauprojekt, das vergleichbar teuer ist: Der gerade vom reichen Öl-Staat Norwegen beschlossene 700-Millionen-Euro-Neubau des Nationalmuseums in Oslo.

Vereint werden sollen in dem Gehäuse das weltberühmte Berliner Ethnologische Museum und das Museum Asiatischer Kunst der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Teile der Berliner Zentral- und Landesbibliothek, der Sammlungen der Humboldt-Universität sowie eine Agora als Veranstaltungszentrum. Das erreicht zu haben, ist eine kaum zu überschätzende kulturpolitische Leistung. In Deutschland wachen die Bundesländer eifersüchtig über ihre Kulturhoheit, beäugen jeden Versuch des Bundes, eine eigene Kulturpolitik zu betreiben, höchst skeptisch. Zudem gilt Berlin als Verschwender öffentlichen Geldes.

Die Kernfrage lautet: Ist das von dem italienischen Architekten Franco Stella geplante „Schloss“ auch ein guter Museums-, Ausstellungs-, Veranstaltungs-, Bibliotheks- und Verwaltungsbau? Immerhin handelt es sich ja um eine vollständig neu errichtete Anlage, die modernsten Ansprüchen genügen sollte.

Unterschiede in der Planung

In Marseille wurde vor wenigen Tagen ein in jeder Hinsicht vergleichbares Museums- und Ausstellungshaus eröffnet, das MuCEM (wir berichteten). Nach Angaben der Architekten kostete es bei 15.700 Quadratmetern Hauptnutzfläche etwa 65 Millionen Euro − 4140 Euro pro Quadratmeter. In Berlin entstehen 41.000 Quadratmeter Hauptnutzfläche. Das sind mehr als 15.000 Euro pro Quadratmeter. Den Preisunterschied erklärt die Berliner Schloss-Stiftung durch den Nachbau der Barockfassade, die vielen Natursteindetails sowie Aufwendungen etwa für die Klimatisierung. Wer das Klima in Marseille erlebt und die aufwendige Fassade gesehen hat, kann das nicht als vollgültige Erklärung nehmen.

Der Blick in die Pläne zeigt den Unterschied zwischen den inhaltlich so ähnlichen Projekten: Während in Marseille - genauso wie in Washington, Peking oder Köln - die Bauten nach dem Motto "Quadratisch-Praktisch" entstanden, werden in Berlin innerhalb der Barockfassaden große Flächen als schierer Luftraum verbraucht. Nämlich für die Rekonstruktion des Schlüter-Hofs, die neue Schlosspassage und eine gewaltige Eingangshalle. Nun ist kaum etwas so schön und letztlich auch finanziell nachhaltig wie Raumluxus. Ein Gebäude, das große Flächen anbieten kann, die nicht festgelegt sind in der Nutzung, erscheint erst einmal flexibel, anpassungsfähig. Theoretisch.

Doch das Humboldt-Forum ist nur sehr bedingt anpassungsfähig. In den Höfen und der Riesenhalle kann nämlich fast nichts anderes geschehen außer eben Hof und Halle. Besonders deutlich wird dieses Manko bei der Lektüre eines Berichts, den die Direktorin des Ethnologischen Museums, Viola König, mit ihren Kollegen im Frühjahr publiziert hat, in der Fachzeitschrift Baessler-Archiv (Bd. 59).

Die Probleme begannen schon mit der Entscheidung des 2008 siegreichen Architekten Franco Stella, die Nutzungen innerhalb des Hauses nach Stockwerken zu verteilen: ganz unten Foyers, Auditorien, Restaurants, Sonderausstellungssäle, darüber Bibliotheken und dann zwei Etagen für die Museen. Die Geschosshöhe ist aber, wegen des Nachbaus der Barockfassaden, sehr unterschiedlich hoch.

Schon 2009 machte das Ethnologische Museum deswegen den Vorschlag, das bis zu sechs Meter hohe erste Obergeschoss und das darüberliegende Fünf-Meter-Geschoss den Museen zu widmen. Die Bibliotheken sollten hingegen im niedrigsten, dem dritten Geschoss unterkommen. Mit Deckendurchbrüchen hätten so leicht die hohen Säle für die legendäre Schiffs- und Häusersammlung des Ethnologischen Museums, für Totempfähle und Großinszenierungen gewonnen werden können.

Dennoch lehnte die Schloss-Stiftung die Umplanung ab: Sie wäre zu teuer geworden. 2009! Als die Planung erst begann. Zum Ausgleich erhielten die Museen nach langen Debatten im einstigen Großen Schlosshof zwei Säle, die je 10 Meter hoch sind. Doch sind diese so beengt, dass die weltberühmte Bootshalle mit Schiffen aus dem Pazifik, wie sie noch in Dahlem zu sehen ist, nicht wiederentstehen kann.

Zwar wurden statt der ursprünglich für das Ethnologische Museum geforderten 10.000 Quadratmeter fast 12.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche genehmigt. Doch dafür muss es künftig damit leben, dass die Räume zu mehr als der Hälfte kaum fünf Meter Höhe haben, fast ein Drittel sogar noch niedriger ist. Außerdem sind alle Sonderausstellungsflächen im Dauerausstellungsbereich entfallen. Direktorin Viola König verweist zwar darauf, dass "Blockbuster"-Ausstellungen künftig im Erdgeschoss veranstaltet werden. Doch wenn die Sonderausstellungen so unwichtig waren, warum wurden dann ursprünglich die Flächen beantragt?

Ähnlich desaströs sieht die Lage für die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) aus. Sie muss die Räume rund um den Schlüter-Hof im ersten Geschoss nutzen. Wege bis zu 200 Metern entstehen. Benutzerfeindlicher geht es nicht. Derzeit soll hier eine Ausstellung zu Sprach- und Schriftkulturen entstehen. Dass diese ein Besucherhit wird, darf bezweifelt werden. Nach Informationen der Berliner Zeitung hat der Senat deswegen versucht, die Räume anders zu nutzen, etwa durch die Stiftung Stadtmuseum Berlin. Doch waren auch dieser die Räume zu unpraktisch.

Berlin muss sich verantworten

Dass die ZLB überhaupt in Gebäude einziehen muss, statt sich auf das geplante neue Haupthaus am Tempelhofer Feld zu konzentrieren, ist allein das Resultat politischer Rücksichten: Der Bund entlässt Berlin nicht aus der Verantwortung. Es soll auch einen Teil zum Humboldt-Forum beitragen, um die anderen Bundesländer nicht gegen dieses Projekt in Stellung zu bringen. Die Länder werden nämlich gebraucht. Nach dem aktuellen Schlüssel der Preußen-Stiftung tragen Länder und Bund je die Hälfte der Betriebskosten. So soll es auch für das Humboldt-Forum durchgesetzt werden, das viel größer ist als die Dahlemer Museen. Die Betriebskosten werden wegen der ineffizienten Grundrisse erheblich höher liegen.

Dieses Projekt wird also bisher von den Fassaden aus geplant. Die Folge wird sein: Selbst wenn die bisherigen Kostenplanungen eingehalten werden, entsteht ein teurer, ineffizient zu bewirtschaftender Bau, der für wesentliche Sammlungsteile zu klein ist. Wenn es sich nicht um „das Schloss“ handelte, würden Ethnologen und andere Fachwissenschaftler, Politiker, Rechnungshöfler, Steuerschützer und dergleichen wohl laut aufschreien.

Am 12. 6. wird der Grundstein für die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses gelegt. Aus Sicherheitsgründen ist die Veranstaltung nicht öffentlich, sie wird jedoch von 13 bis 14 Uhr auf Phoenix übertragen.