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Humboldt-Forum: Neues Ausstellungskonzept für das Berliner Schloss

Zunehmend stellt sich die Frage: Mit was wird der mächtige Bau gefüllt werden?

Zunehmend stellt sich die Frage: Mit was wird der mächtige Bau gefüllt werden?

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imago/Hohlfeld

Die Wände des Berliner Schlosses wachsen jeden Tag ein weiteres Stück. Die Baustelle im Zentrum Berlins ist, man mag es kaum glauben, bislang ein Beispiel dafür, dass auch in Berlin im gesteckten Zeit– und Kostenrahmen öffentliche Gebäude errichtet werden können. Der beträgt 590 Millionen Euro, die zum größten Teil der Bund trägt. Bleibt abzuwarten, ob das zur Fertigstellung des Baus 2017 noch so sein wird.

Während nun die Hülle des Humboldt-Forums – so der eigentliche Name – wächst, stellt sich zunehmend die Frage: Mit was wird der mächtige Bau gefüllt werden? Immer wieder war zu hören, das Humboldt-Forum werde mehr als ein Museum sein, mehr als nur eine neue Präsentation der Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst in Dahlem. „Es geht um ein neuartiges Weltverständnis“, beschrieb etwa die oberste Kulturpolitikerin, Staatsministerin Monika Grütters, den Anspruch.

Das Berliner Schloss im Jahr 2019
So soll das Berliner Stadtschloss nach seiner Fertigstellung einmal aussehen.

Was das konkret heißt, versucht nun die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der die genannten Museen gehören, in der neuen Ausstellung in der Humboldt-Box neben der Baustelle zu vermitteln. Die ab diesem Donnerstag zugängliche Schau ist unvollendet, wie die Planungen. „Die Ausstellung wird wachsen und sich füllen“, sagt Bettina Probst, die in der Preußen-Stiftung das Projekt Humboldt-Forum leitet und koordiniert am Mittwoch. Spätestens im Mai 2015, wenn die Entwürfe für die einzelnen Ausstellungsräume im Schloss stehen, ist auch die Schau fertig. Bis dahin sollen Werkstattgespräche die Öffentlichkeit über Fortschritte informieren. Amazonien macht diesen Donnerstag den Anfang.

Einen Eindruck, was einen im Humboldt-Forum erwarten wird, gibt eine Vitrine, in der aus Bast gefertigte Kostüme mit Kopfmasken zu sehen sind. Über ein Display an der Wand erfährt der Besucher, dass es sich um Tanzmasken für Trauerrituale der Cubeo, einem Indianerstamm in Kolumbien, handelt. Nach einigen Berührungen des Touchscreens weiß er aber auch, wann die erste deutsche Expedition dorthin reiste und wieso die Masken Jaguare oder Schmetterlinge darstellen. Auch das aktuelle Leben des Volkes wird gezeigt und wie die alten Rituale sich in der modernen Welt wandeln. In leicht verständlichen Worten entsteht eine ganze Welt vor dem Auge des Betrachters. Die Objekte erwachen zum Leben.

Sich auch heiklen Themen stellen

Diese Art der Präsentation ist nicht neu und wird schon in Dahlem vereinzelt eingesetzt. Im Humboldt-Forum aber soll die Betrachtung eines Objekts aus mehreren Blickwinkeln die Regel sein. „Das Humboldt-Forum wird immer ein Prozess bleiben“, beschreibt Viola König, die Direktorin des Ethnologischen Museums, ihre Grundidee. Die Präsentationen sollen alle zwei bis acht Jahren erneuert werden. „Das Wort Dauerausstellung benutze ich schon gar nicht mehr“, sagt König. Auch aktuelle Fragestellungen werden eingearbeitet. Nur ein Beispiel: Wie wirkt sich etwa der Klimawandel auf indigene Völker, deren Lebensräume und Ernährungssituation aus? Eine Kooperation mit dem Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung ist bereits angefragt.

Nicht nur die Grenzen zwischen den Disziplinen, auch die zwischen den Institutionen lösen sich im Humboldt-Forum auf. In der Ausstellung in der Humboldt-Box sind zwei Modelle zu sehen. Eines zeigt die Räume des zweiten, das andere die des dritten Obergeschosses des Schlosses. Thematisch sind sie nach Erdteilen und Ländern aufgeteilt, Amazonien, Nordamerika oder China, nicht etwa nach Ethnologischem Museum oder Museum für Asiatische Kunst. Die Ausstellungen bestücken die Häuser gemeinsam, Überschneidungen sollen sich ergeben.

Die Neugestaltung der Schauen nehmen die Museen zum Anlass, sich auch heiklen Themen zu stellen. Manche Sammlung ist im Rahmen der Kolonialisierung oder durch Raubzüge entstanden, wie ein Teil der höfischen Kunst aus China. Wilhelm II. etwa hat preußische Soldaten 1902 nach dem Boxeraufstand und der Ermordung eines deutschen Diplomaten zu einer Strafaktion nach China geschickt, wo sie raubend und vergewaltigend nach Peking zogen und Paläste plünderten. „Das ist sicher keine ideale Provenienz“, sagt Klaas Ruitenbeck, Leiter des Museums für asiatische Kunst. In Absprache mit dem Staatlichen Amt für Denkmalpflege in Peking wird die Raubkunst nach der Eröffnung des Humboldt-Forum 2019 in einem von dem Architekten Wang Shu gestalteten Raum samt ihrer Geschichte zu sehen sein. „Das ist eine Art gemeinsame Vergangenheitsbewältigung“, so Ruitenbeck.

Die außereuropäischen Kulturen aus einem anderen als dem eurozentrischen Blickwinkel zu betrachten, ist aufwendig. Kontakte zu Menschen in den Herkunftsländern der Artefakte wurden geknüpft, indigene Wissenschaftler nach Berlin geholt, Netzwerke aufgebaut. Dafür müssen Sponsoren gefunden und Drittmittelanträge für Forschungsgelder geschrieben werden. Denn das 2007 festgelegte Budget für die Einrichtung der fast 24.000 Quadratmeter beträgt 32 Millionen Euro. Das ist für Podeste, Technik und Vitrinen, nicht aber für die inhaltliche Neugestaltung. Die wird aus dem laufenden und chronisch unterfinanzierten Etat der Preußenstiftung und der beteiligten Museen finanziert. Das wird sich sicher mit der Benennung eines Intendanten für das Humboldt-Forum im kommenden Jahr ändern müssen.

Dann wird sich aber auch endlich klären müssen, wie die im Vorfeld von den Beteiligten so viel gepriesene Kooperation mit der Humboldt-Universität und vor allem der Zentral- und Landesbibliothek aussehen soll, den zwei weiteren im Schlossbau beheimateten Institutionen. Was passiert im Erdgeschoss, was in der Agora?

Das Humboldt-Forum soll mehr sein als nur museale Fläche. Das war der Anspruch, und der ist noch nicht erfüllt.

Amazonien Erstes Werkstattgespräch, Donnerstag, 10. Juli, 17.30 Uhr in der Humboldt-Box am Schlossplatz, 3 Euro