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Berliner Zeitung | Ice Age 4 Trailer: Scrats folgenreicher Fehltritt
02. July 2012
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Ice Age 4 Trailer: Scrats folgenreicher Fehltritt

Auch das Paläolithikum kannte bereits die Kulturen des Bruchs.

Auch das Paläolithikum kannte bereits die Kulturen des Bruchs.

Foto:

20th Cent. Fox

Als Land der unbegrenzten Möglichkeiten stilisieren sich die USA ja gern. Und tatsächlich scheint jede noch so bescheuerte Theorie dort ihre Anhänger zu finden. Je simpler dabei die Erklärungen für eigentlich komplexe Sachverhalte sind, desto größer scheint der Erfolg – wie nicht zuletzt die Kreationisten hinlänglich beweisen mit ihrem Dogma, dass alles von Gott geschaffen ist. Es sieht so aus, als hätten sich nun auch die für den Film „Ice Age“ Verantwortlichen von dieser naturwissenschaftsverdammenden Welterklärungsvereinfachung inspirieren lassen: Statt einem allwissenden Schöpfergott schreiben sie allerdings die Schaffung der Welt, wie wir sie kennen, einem kleinen, rattig-rabiat agierenden Säbelzahneichhörnchen namens Scrat zu. Das scheint gewagt, aber „Ice Age 4 – Voll verschoben“ findet sehr schöne Bilder, die beweisen, wie der physisch und psychisch hochgradig von Eicheln abhängige Nager die unseren Planeten bis heute prägende Kontinentaldrift in Gang bringt.

Es ist ein Fehltritt mit gravierenden Folgen, wird damit doch auch die aus drei Vorgänger-Filmen wohl bekannte eiszeitliche Herde voneinander getrennt. Während in Folge des Auseinanderbrechens nämlich Mammutfrau Ellie mit ihrer schwer pubertierenden Tochter Peaches, ihren intellektuell eingeschränkten Opossum-Brüdern und dem ganzen Rest der Talbewohner von einem Gebirgsmassiv überrollt zu werden droht, landet die „Ice Age“-Urformation aus dem ersten Teil mit Mammut Mannie, Faultier Sid und Säbelzahntiger Diego auf einer Eisscholle im wildtosenden Ozean. Kein gemütlicher Ort, denn die 3D-Animatoren hatten offensichtlich großen Spaß an der Erzeugung von haarsträubenden Schlechtwetterlagen. Statt das eigene Schicksal zu beklagen, sorgen sich die unfreiwilligen Seefahrer aber vor allem um die Zurückgebliebenen, wenngleich Sid dank seiner robusten Realitätsferne – wir erinnern uns an seinen misslungenen Versuch in Teil 3, T-Rex-Babys zu Vegetariern zu erziehen – vielleicht etwas weniger unter der ausweglosen Situation leidet.

Achtung, böser Affe!

Die ausschließlich auf die Familie gerichtete Moral erweist sich aber auch als das Problem von „Ice Age 4“. Denn wer andere Väter von pubertierenden Töchtern über selbige reden hört, kommt nicht umhin, das Reizvolle einer räumlichen Trennung zu sehen! Angesichts täglicher Streitereien mit an sich und der Welt leidenden, nörgelnden und lustlosen Teenagern gewinnt eine kleine Abenteuerreise mit den alten Kumpels doch enorm an Attraktivität! Doch nicht für Mannie, der in seiner ungebrochenen Gutherzigkeit und Väterlichkeit ein wenig langweilig zu werden droht.

Das sadistische Böse hingegen lagert „Ice Age 4“, wie ehedem „Das Dschungelbuch“, zu Lasten eines Affen aus. In all seiner unmotivierten Fiesheit vermag der Piratenkapitän Utan, der eher wie ein Pavian aussieht, indes nicht zu überzeugen. Das ist betrüblich, denn die „Ice Age“-Serie zeichnete sich bislang ja immer auch durch originelle und genau inszenierte Figuren aus. Charaktere wie das ein wenig an Jack Sparrow („Fluch der Karibik“) erinnernde Wiesel Buck aus dem vorhergehenden „Ice Age“-Film ließen sich eben auch als sympathische Verkörperung des ADHS-Syndroms interpretieren.

Temporeich ist das Spektakel denn auch dieses Mal – all das Laufen, Surfen, Fliehen wirkt jedoch seltsam lahm, und gerade die Dialoge sind eher fahrig als famos. Trotz aller Enttäuschung sorgen aber immer wieder weit in den Zuschauerraum hineinragende Nasen, Rüssel und Schnauzen, zu lebendigem Piratenflaggen-Dasein verdammte Dachse, Armeen aus „Braveheart“-Hamstern und gelungene Sprücheklopfereien für erfreuliche Momente des Wiedersehens. Für den ganz sicher irgendwann in die Kinos kommenden fünften Teil wünschen wir uns aber wieder mehr Ironie, Ambivalenz, Komplexität, Genauigkeit und Glaubwürdigkeit.

Ice Age: Continental Drift USA 2012.

Regie: Steve Martino, Mike Thurmeier; Drehbuch: Michael Berg, Jason Fuchs; Stimmen: Otto Waalkes, Thomas Fritsch, Arne Elsholz u.a. 86 Minuten, Farbe. FSK o. A.