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Im Alter von 84 Jahren gestorben: Will McBride war ein Ausnahmefotograf

Jazz, Swing, Liebe, Freiheit – und triste Berliner Brandmauern: Szenen aus Will McBrides Serie „Berlin im Aufbruch. Fotografien 1956–1963.

Jazz, Swing, Liebe, Freiheit – und triste Berliner Brandmauern: Szenen aus Will McBrides Serie „Berlin im Aufbruch. Fotografien 1956–1963.

Foto:

Will MCBRide/ Lehmstedt Verlag, Leipzig 2013

Im herben Schwarz-Weiß seiner kontrastscharfen, dazwischen poetisch graugekörnten, erzählerischen Bilder scheinen alle Farben dieser Welt zu stecken. Was besagt: Der Fotograf Will McBride war auch ein Maler. Er hatte daheim, in Missouri, noch bei Norman Rockwell, dem „amerikanischen Spitzweg“ Unterricht genommen. Idyllisch indes geriet keines seiner Bilder, nicht die Fotos und auch nicht die späten Gemälde ab den 1970ern, nachdem er die Kamera beiseite gelegt hatte und unter italienischer Sonne eher im Stile Edward Hoppers malte. Ein eigensinniges Spätwerk.

McBride, in St. Louis/Missouri geboren, kam 1955, nach dem Militärdienst, als Student nach West-Berlin. Fasziniert von den Brüchen, den Freiräumen und dem improvisierenden Geist der zerstörten und zerteilten Stadt, wollte er bleiben: Also schrieb er sich an der Freien Universität ein. Er war fasziniert von der Lebendigkeit Berlins, das ihm bis zum Mauerbau ungeachtet aller Konflikte den Aufbruch in eine neue Zeit zu verkörpern schien. Mit der Kamera erforschte er die Hälften der Stadt und beobachtete die Mühen des Wiederaufbaus. Dabei gelangen ihm authentische, intime, dynamische Aufnahmen vom Aufbruch einer neuen Generation. Eine, die sich von Schuld und alten Zwängen befreite, einen neuen, freieren Lebensstil erzwang.
Für das Magazin „Life“ hielt er vor allem die Jugendkulturen fest: Musikclubs, spielende Kinder zwischen Panzern, das Strandbad Wannsee im Sommer. Seine Motive fand er im Ost- und im Westteil Berlins. Es sind empathische, subjektive Dokumente, mitunter scheint der Übermut der Situation geradezu von ihm selbst ausgelöst worden zu sein.

McBrides Bilder bekamen durch das Magazin „Twen“ und sein alle prüden Mitbürger provozierendes Aufklärungsbuch „Zeig Mal!“ Kultstatus. Das Buch war ein Skandal. Darin nämlich zeigte er seine nackte hochschwangere Braut. Nichts an seiner Bildsprache aber, nehmen wir allein die Menschen, auf die er geradezu obsessiv neugierig gewesen ist, war jemals zudringlich, gar desavouierend. Er hat sich auch nie eingebildet, objektiv zu sein. Sein Kamera-Blick war ausschließlich subjektiv, dann, wenn er die Ruinen der zerbombten Stadt, aber auch den Wiederaufbau fotografierte, die erwachende Lebenslust, die Liebenden, Tanzenden, Feiernden in den Clubs, die konsum- und ungestüm lebenshungrige Nachkriegsgeneration von West-Berlin und gelegentlich auch die im grauen Osten der Stadt. Er fühlte sich als einer von diesen Jungen „befreit von den Korsetten der verordneten Sitten, der freudlosen Arbeit und der ungefragten Autorität“, so sagte er es unverblümt in der Jugendzeitschrift „Twen“.

Nun ist Will McBride, einer der charismatischsten Fotografen der Welt, am 29. Januar in seiner Wahlheimat Berlin gestorben. Seine Familie war bei ihm. Enge Freunde konnten noch Abschied nehmen. Es ging ihm schon schlecht an seinem 84. Geburtstag. Das war am 10. Januar, an richtiges Feiern, so wie er es früher gern krachenließ, war nicht mehr zu denken. Letzten Herbst stand er – von der unheilbaren Krankheit gezeichnet, und doch auch beglückt – noch in der neuen C/O-Fotogalerie im Amerika Haus vor all den Bildern, die längst Ikonen-Status haben: die Porträts von Weltstars des Films, der Kunst und Literatur, auch Straßenszenen, aus den USA oder dem Berlin der Nachkriegsjahre. McBride betrieb hemmungslosen Schönheitskult: Swinging Berlin, die jungen Männer mit Haartollen, Jeans, Kreppsohlen-Schuhen, die Mädchen mit wippenden Pferdeschwänzen oder kurzgeraspelten Haaren, in Petticoats.

Und da sah man auch die Aufnahmen am Brandenburger Tor, Westseite, mit Kennedy, Brandt, Adenauer – McBrides Lieblingsfeind, der „Sittlichkeitsprediger vom Rhein“ – in der Staatskarosse.

Schon 2000, im Millenniums- und Gründungsjahr der Berliner Fotogalerie C/O, stand McBride dicht an der Seite der Initiatoren um Stephan Erfurth. Ihn begeisterte der Versuch, etwas noch nie Dagewesenes zu wagen: einen vom Staat, von institutionellen Strukturen unabhängigen Ausstellungsort für Fotokunst. Er steuerte zum Start seine Einzelschau bei. Und wiederholte das Bekenntnis vor drei Monaten im Amerika Haus. Die Fotos belegten sein dauerhaftes in Berlin Verliebtsein. Viele Motive füllen auch McBrides Fotobuch „Berlin im Aufbruch“, Lehmstedt Verlag. Es ist sozusagen sein Vermächtnis, die Quintessenz seiner Kunst.

Es ist eine Liebeserklärung an Berlin, für ihn war es „die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten“.


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