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Interview Brandauer: „Ich spiele nicht, ich bin“

Judith (Martina Gedeck) beruhigt Ernst (Klaus Maria Brandauer), der sich während eines Ausflugs auf einen Bauernhof plötzlich desorientiert und verloren fühlt.

Judith (Martina Gedeck) beruhigt Ernst (Klaus Maria Brandauer), der sich während eines Ausflugs auf einen Bauernhof plötzlich desorientiert und verloren fühlt.

Foto:

SWR/Petro Domenigg

Klaus Maria Brandauer ist einer der wenigen deutschsprachigen Schauspieler von Weltrang. Nach seiner Jugend am deutschen Ufer des Bodensees wurde er Anfang der Siebziger zum Bühnenstar, bevor er 1981 als „Mephisto“ die Leinwand eroberte. Es folgte eine Oscar-Nominierung für „Jenseits von Afrika“, der Bond-Bösewicht bei „Sag niemals nie“ und das Biopic „Georg Elser“, bei dem er 1989 erstmals Regie führte. Im ARD-Drama „Die Auslöschung“ (Mittwoch, 20.15 Uhr) spielt er an der Seite von Martina Gedeck einen Alzheimer-Kranken.

Herr Brandauer, stört es Sie, wenn wir anlässlich eines Films zur Alterskrankheit Alzheimer gleich mal übers Altern reden?

Ach, altern tue ich natürlich wie alle anderen nicht sonderlich gern, aber ein Problem habe ich damit nicht gerade.

Merkt man dennoch mit fast 70, dass der Kopf mal hakt?

Ach, der hakt schon seit Jahrzehnten; das ist nicht nur eine Sache des Alters. Aber ich tue Ihnen nicht den Gefallen, am Beispiel des Films meine eigenen Zerfallsprozesse zu thematisieren. Nur so viel: Ich fühle mich nicht mehr wie 18 und das macht mir durchaus was aus.

Der Verlust des Geistes im Film „Die Auslöschung“ bleibt also völlig abstrakt für Sie?

Nein, das ist sehr konkret. Wer sich nicht mehr an sein Leben erinnert, hört auf zu existieren. Ansonsten aber kann ich über dieses Krankheit wenig sagen.

"Der Film ist kein Krankheitsfilm"

Haben Sie sich nicht mit Krankheitsverläufen kundig gemacht?

Nein, ich habe niemanden damit in der Familie und mich auch sonst – wie ich es bei fast jeder Rolle halte – nicht tiefer mit dem Filmthema auseinandergesetzt, sondern in meiner eigenen Vorstellungskraft danach gesucht, wie es sich anfühlt, wenn man langsam ausrinnt. Aber der Film ist ja gar kein Krankheitsfilm, sondern eine hinreißende Liebesgeschichte. Ich treffe noch mal eine Frau und verliebe mich neu! In dem Alter! Donnerwetter! Das ist doch fantastisch, lass uns nicht über Krankheit reden

Also ist die Liebesgeschichte gar kein Vehikel um über Alzheimer zu erzählen, sondern umgekehrt – Alzheimer ein Vehikel für die Liebesgeschichte?

Ich will weder Botschaften versenden noch Vehikel benutzen, auch deshalb erscheine ich so selten auf dem Bildschirm. Ein Text mag meine eigenen Ansichten ändern oder bestätigen – wenn andere das Resultat zu Gesicht kriegen, soll es vor allem bestmöglich unterhalten. Un-ter-hal-ten! Wenn Sie sich über den Inhalt auch noch Gedanken machen: umso besser. Etwa, dass das Leben viel zu fantastisch ist, um es vom Ende her zu denken. Deshalb feiert dieser Film trotz des Titels lieber das Leben und wie man es selbst mit letalem Ausgang vor Augen so lebenswert wie möglich gestalten kann. Aber jetzt geht es schon wieder um Krankheit; ich möchte bei der Liebesgeschichte bleiben.

Nur zu!

Mich interessiert, was Leute wirklich unter Liebe verstehen. Man sagt das so rasch daher und liebt sogar Pudding. Im Alltag wird Liebe zusehends als Deal behandelt, deshalb besteht sie in diesem Film um ihrer Selbst Willen, kompromisslos und schön. Ich hoffe, dass die Menschen begreifen, wie sehr Liebe unter Druck noch wachsen kann.

Hätten Sie dafür auch den gesunden Mann einer Kranken gespielt?

Selbstverständlich. Und ich hätte wie bei jeder Figur alles daran gesetzt, dem Betrachter das Gefühl zu vermitteln, ich spiele nicht, ich bin diese Figur, immer mit dem Anspruch: Hat der Film unterhalten, hat er berührt, hat er was gebracht?

Ließe sich die Geschichte auch mit einem bildungsfernen Fabrikarbeiter erzählen?

Ich hätte als ungebildeter Alzheimer-Patient weder elegante Anzüge getragen noch gewundene Reden über Malerei gehalten, aber unterschätzen Sie nicht die Intellektualität des sogenannten gemeinen Volkes! Gehen Sie mal in die nächste Kneipe und beginnen ein Gespräch – Sie werden sich wundern! Intellekt manifestiert sich nicht in Bildung, sondern in Neugierde. An meinem Stammtisch im Salzkammergut gibt es fantastische Unterhaltungen mit ganz einfachen Leuten.

"Ich will das beste Drehbuch, die besten Stücke"

Die Sie selten spielen. Liegen Ihnen die Mephistos und Neros, die Blender und Bond-Bösewichte mehr?

Das mag den Anschein haben, aber jedes Leben, egal in welcher Zeit, sollte hochinteressant sein, jeder Mensch, egal in welcher Struktur, ausgeprägt individuell. Da habe ich das Privileg eines Berufes, in dem das spielerisch ausgelebt werden kann. Aber mal ehrlich: Alles, was ich spiele, bin und rede, hab ich irgendwo gelernt, erlebt oder aufgeschnappt. Ich habe nichts erfunden, nichts erschaffen, bin aber in einer Art Religion tätig: im Künstlerischen, im Kreativen, im Nachdenken, im Lesen, im Singen, im Tanzen, im Bewegen, im Atmen.

Im Manipulieren …

Wie hat Mozart es ausgedrückt: Spiel auch das, was du nicht komponiert hast, so, dass jeder glaubt, du wärst es gewesen. Darum ist Tür und Tor geöffnet, dass wir lügen und täuschen, bis man unsicher wird, wer das auf der Bühne eigentlich ist: Der Schauspieler oder seine Figur. Aber ich bin kein Religionsstifter. Es geht nicht um mich.

Das spricht nicht für Ihre sprichwörtliche Eitelkeit.

In einem Punkt bin ich eitel: Ich will das beste Drehbuch, die besten Stücke, die besten Mitspieler, den besten Regisseur, die beste Produktion, die besten Bedingungen, denn ich spiele keine Rollen, ich spiele Stücke, sonst mach ich es nicht. Nur deshalb kann ich fast immer vertreten, was ich tue.

Fast?

Auch ich hatte anfangs eine schwierige Phase, wo ich erst an meine Familie, dann an die Güte denken musste. Aber ich habe das ungeheure Glück, meinen Beruf fünf Jahrzehnte lang recht bewusst gestalten zu dürfen. Wenn’s denn überhaupt ein Beruf ist.

Ist es denn keiner?

Wahrscheinlich doch. Aber am liebsten hätte ich daraus keinen gemacht, sondern einfach nebenher weitergelebt als Klaus Maria Brandauer.

Das Gespräch führte Jan Freitag.

Den Trailer zu "Die Auslöschung" sehen Sie hier.



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