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Interview: Daniel Barenboim: „Wir haben verlernt zuzuhören“

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Der Dirigent Daniel Barenboim.

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Daniel Barenboim sitzt in einem ausladenden schwarzen Ohrensessel am Fenster seines Büros im Schillertheater und zündet sich eine dicke kubanische Zigarre an. An der Wand hängt ein Foto von Wilhelm Furtwängler mit Widmung, links davon Aufnahmen der Jerusalemer Altstadt, aus seiner dortigen Wohnung geknipst.

Sie haben eine mehrwöchige Japan-Tournee hinter sich, ein Konzert in der Philharmonie für Flüchtlinge, eine neue CD vorgestellt, eine Opern-Premiere, dirigieren bei den Festtagen der Staatsoper eine Woche fast jeden Tag – wann kommen Sie zur Ruhe?

Nach der Japan-Tournee hatte ich zehn freie Tage.

Und wir dachten, Ihnen wird langweilig, wenn Sie nicht arbeiten.

Ganz im Gegenteil. Ich werde in Zukunft mehr Pausen machen. Ich habe das von Bruckners Symphonien gelernt, da gibt es auch viele leere Takte für den Nachhall.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Was jeder normale Mensch macht. Ich treffe mich sehr gerne mit Freunden, lese viel, gehe sehr gerne ins Kino oder schaue Krimis im Fernsehen. Ich kenne alle!

Und leiden Sie unter der Musik in Kinofilmen?

Ja, sie ist manchmal so aggressiv, laut und immer das Gleiche, ohne jede Finesse. Leider kann ich nicht einfach die Ohren zumachen.

Als Sie vor knapp drei Wochen gemeinsam mit Sir Simon Rattle und Ivan Fischer für Flüchtlinge musizierten, hatten Sie den Eindruck, Ihre Musik erreicht sie?

Ja, absolut. Ich habe schon früher drei, vier ähnliche Erlebnisse an Orten gehabt, wo man es nicht erwartet hat. In Ramallah habe ich das Wohltemperierte Klavier von Bach gespielt. Kaum einer kennt das in Palästina, aber die Menschen haben so still und so konzentriert zugehört. Und ich habe in Ghana das erste klassische Konzert überhaupt dirigiert, Beethovens Neunte. Die Menschen waren vorher noch nie in einem Konzert, sie standen auf, wenn das Orchester aufstand und setzten sich mit ihm hin. Aber wie die zugehört haben…

Das Schicksal der Flüchtenden scheint Sie zu beschäftigen.

Ich bin sehr erstaunt, dass sich der Rest der Welt für das Flüchtlingsproblem nicht interessiert und keine Solidarität mit Europa zeigt. Natürlich wollen die Flüchtlinge nach Europa kommen, weil es nah ist und es sich um Sozialstaaten handelt. Aber warum tun andere Kontinente nichts? In Argentinien gibt es drei syrische Gemeinden, eine muslimische, eine jüdische, eine christliche, die alle friedlich miteinander leben. Chile hat eine riesige palästinensische Gemeinde. In Brasilien leben mehr Libanesen als im Libanon. Warum nehmen die niemanden auf? Und was ist mit den arabischen Brüdern?

Sie befürworten also die Politik der Kanzlerin?

Ich finde fantastisch, was Angela Merkel gemacht hat, wie sie kämpft – aber warum muss alles auf die Schultern dieses kleinen Kontinents abgeladen werden? Russen und Amerikaner sind in Syrien militärisch im Einsatz – glauben die etwa, dass das Problem auf die Region begrenzt bleibt? Das sorgt lediglich für Verwirrung und spaltet die europäische Bevölkerung in der Flüchtlingsfrage.

Ist der Konflikt in Ihrem West-Eastern-Divan Orchestra zu spüren, in dem Menschen aller Religionen aus Nahost miteinander musizieren?

Alle Musiker, die kommen, zeigen großen Mut, denn sie werden von ihren Familien, ihren Freunden, von der ganzen Gesellschaft dafür kritisiert, dass sie mit dem jeweils Anderen musizieren und kommunizieren.

Planen Sie noch immer eine Konzertreise nach Teheran?

Ja, ich hoffe sehr, dass es klappt. Die Wahlen im Iran ermutigen dazu...

...nach zwölf Jahren konnten erstmals wieder die Reformer die Mehrheit erlangen. Veränderung aber braucht Zeit.

Natürlich ist vieles politisch nicht akzeptabel. Iran ist ein großes Land, auch historisch gesehen. Wir Juden sind den Persern dankbar, dass sie uns aus dem Babylonischen Exil und von Sklaverei befreit und zurück nach Israel gebracht haben. Viele sagen, die Weltlage erinnere an die Kubakrise, die Welt sei wieder im Zustand des Kalten Krieges und stehe vor einem Dritten Weltkrieg. Aber es gibt einen großen Unterschied: Wir haben keinen ideologischen Konflikt mehr miteinander, es geht nur um Realpolitik, also um Partikularinteressen. Oder wie Diplomaten sagen: Ich bin verhalten optimistisch.

Japan, Ghana, Iran – ist Musik eine Weltsprache, die jeder versteht?

Die jeder verstehen kann – wenn er sich die Mühe gibt. Heute gibt es überall Musik oder besser gesagt Klänge, im Aufzug, im Hotel, im Restaurant, die man hört, ohne zuzuhören. Und dann wird erwartet, dass die Menschen in der Philharmonie richtig zuhören. Das geht nicht.

Weil wir übersatt sind?

Nein, weil wir verlernt haben, dass man zuhören muss. Man kann nicht gleichzeitig Musik hören und vom Handy SMS oder E-Mails schicken. Man sollte zumindest bereit sein, sich auf Musik zu konzentrieren.

Sie dirigieren die Staatskapelle die 24. Spielzeit. Was macht dieses Orchester so besonders für Sie?

Ich bin sehr dankbar, dass das Orchester noch immer neugierig ist. Das ist das größte Geschenk für einen Dirigenten. Viele Orchester und Dirigenten legen ihren Klang auf alles, egal, ob Brahms, Debussy oder Verdi. Ich spreche relativ viele Sprachen, alle mit schlechter Aussprache. Aber es gibt Menschen, die akzentlos sprechen – so müsste jedes große Orchester verschiedene musikalische Stile „sprechen“ können. Ich bin stolz, dass die Staatskapelle das mehr und mehr schafft. Jetzt wollen wir übrigens mehr französische Musik spielen.

Was unterscheidet den deutschen vom französischen Klang?

Als erstes die Geschwindigkeit der Dynamik. Bei Debussy etwa gibt es oft crescendo und decrescendo auf einem Ton. Bei Bruckner oder Beethoven ist die Schwierigkeit umgekehrt: Wie baue ich ein crescendo über 16 Takte? Es ist möglich, dass ein Orchester verschiedene Stile idiomatisch spielt. Aber das geht nur, wenn es ein eigenes Profil hat.

Sie haben am Freitag zum ersten Mal eine Oper von Gluck dirigiert. An der Komischen Oper hat man sich zur Einstudierung eines seiner Werke einen Vertreter der historischen Aufführungspraxis geholt, Konrad Junghänel. Interessieren Sie solche Zugänge?

Ich habe meinen kleinen Beitrag dazu schon in den 60er-Jahren geleistet, als wir Mozart in kleinerer Besetzung gespielt haben als damals üblich. Natürlich habe ich viel über Artikulation oder Akzentsetzung von den Aufführungspraktikern gelernt. Und ich wäre ja ein Idiot, wenn ich mir nicht anschaute, was Mozarts Vater über das Geigenspiel geschrieben hat. Aber ich akzeptiere das nicht als Dogma.

Sondern?

Man sagt jedem Musiker, wie er zu spielen hat; aber ein Künstler hat die Notwendigkeit, individuell zu denken, und das wird ihm aberzogen. Das ist falsch. Mendelssohn, Schumann und Liszt haben sich mit Bach befasst und dessen Werke wie Musik des 19. Jahrhunderts gespielt – das war modern. Heute denkt man, man weiß genau wie es im 18. Jahrhundert klang, und wird dafür Modernist genannt. Das ist ein Widerspruch. Wenn wir eine moderne Haltung zur Barockmusik haben wollen, müssen wir diese Musik spielen, als wäre sie von Pierre Boulez! Stattdessen sorgen wir uns darüber, wie es früher geklungen hat. Philosophisch gefällt mir das überhaupt nicht.

Kommenden Samstag geben Sie ein vierhändiges Klavierkonzert mit Martha Argerich, die Sie lange kennen. Wie ist es, mit ihr zu spielen?

Ein Traum! Ich kenne Martha seit 1949, ich war sieben – und ich sage Ihnen nicht, wie alt sie war. Wir kannten uns aus Buenos Aires, wo uns unsere Eltern jeden Freitagabend zur Kammermusik zu einem österreichischen Juden mitnahmen, ein Amateur auf der Geige. Seine Frau machte wunderbaren Apfelstrudel. Dort traf man auch den Geiger Adolf Busch oder den jungen Dirigenten Sergiu Celibidache. Alle musizierten, und ich spielte mit Martha unter dem Klavier, zwei kleine Kinder. Wir haben den Kontakt immer wieder verloren, aber auch immer wieder hergestellt. Es ist für mich eine der größten Freuden, mit ihr wieder regelmäßig zu musizieren.

Sie sind sehr unterschiedliche Pianisten, Argerich eher eine Virtuosin, Sie ein Experte für Sonaten.

Ja und nein. Sie spielt ohne Frage besser Klavier als ich. Aber sie hat beim gleichen Lehrer gelernt wie mein Vater, der wiederum mein Lehrer war. Wenn Sie uns beim Vierhändigspielen zusehen, dann sieht das aus wie 20 Finger von einem Menschen. Die Haltung der Finger ist identisch. Ich muss nie zu ihr schauen, um zusammen zu spielen, sie auch nicht zu mir. Das ist wunderbar.

Das Gespräch führten Kerstin Krupp und Peter Uehling.