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Interview Laura Poitras: „Geheimdienste haben besonderes Interesse an mir“

Laura Poitras: „Ich gehe raus in die Welt, mache Erfahrungen und erzähle Geschichten.“

Laura Poitras: „Ich gehe raus in die Welt, mache Erfahrungen und erzähle Geschichten.“

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Laif/RUBY WASHINGTON/NYT/Redux

Treffpunkt ist das Büro von Laura Poitras. Die Einrichtung ist spartanisch, in den Räumen verteilen sich Arbeitstische mit Computern, den farbig belegten Tastaturen nach zu schließen, laufen auf ihnen Bildbearbeitungs- und Videoschnittprogramme. Hier arbeitet die US-amerikanische Filmemacherin an ihrem neuen Film. Wie zuvor schon „My Country, my Country“ (2006) und „The Oath“ (2010) wird er sich mit den Folgen des „Krieges gegen den Terror“ beschäftigen, wie ihn die USA seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in aller Welt führen. Bevor unser Gespräch beginnt, greift Poitras zum schnurlosen Telefon vor sich auf dem Schreibtisch und nimmt es von der Ladestation. Dann trägt sie es heraus und kommt ohne wieder. Wir könnten eigentlich beginnen …

Möchten Sie bitte Ihr Handy im Nebenraum ablegen?

Selbstverständlich, aber ich kann das Gerät auch ausschalten. Sie befürchten, dass wir über die Telefone abgehört werden?

Ich weiß zwar nicht, ob wir gerade belauscht werden, aber die Telefone könnten jederzeit als Abhörwanzen dienen. Technisch wäre das ja, wie wir mittlerweile wissen, kein Problem. Außerdem können Sie sich vorstellen, dass verschiedene Geheimdienste ein besonderes Interesse an mir haben.

Von Ihnen heißt es, dass Sie neben Glenn Greenwald im Besitz aller Dokumente des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden sind.

Ja, so heißt es.

Darüber werden Sie mir aber nichts Näheres verraten.

Nein, ganz bestimmt nicht. Nur so viel: Die Dokumente befinden sich nicht in den USA.

Sie leben hier in Berlin schon einige Zeit. Warum?

Ich kam im Herbst 2012 hierher, also vor den Enthüllungen von Snowden, weil ich an einem Film weiterarbeiten wollte …

… die erste Mail von Edward Snowden erreichte Sie also hier in Berlin?

Ja, ironischerweise, denn in meinem neuen Filmprojekt beschäftige ich mich mit der Überwachung durch amerikanische Geheimdienste. Und genau darum geht es ja auch bei den Dokumenten von Snowden. Als er sich im Januar 2013 an mich wandte, hatte er wohl zwei Gründe: Zum einen konnte er wissen, dass ich mit dem Thema vertraut bin, zum anderen war ich in der Lage, mit ihm verschlüsselt zu kommunizieren, ihn also als Quelle zu schützen. Der Quellenschutz ist für meine Arbeit entscheidend.

In den USA könnten Sie Ihre Quellen nicht so gut schützen?

In den letzten Jahren hatte ich immer wieder große Schwierigkeiten bei der Einreise. Ich wurde am Flughafen stundenlang festgehalten und verhört, meine Computer wurden beschlagnahmt. Das Department of Homeland Security stellte mich schon 2006 unter besondere Beobachtung, ich tauchte auf einer sogenannten Watch List auf, offenbar infolge meines Films „My Country, My Country“ – er beschäftigt sich unter anderem mit der Besatzung des Iraks durch US-Truppen. Ich rechne damit, dass sich noch andere Behörden meiner annehmen werden, sobald ich in meine Heimat zurückkehre. Denkbar wäre sogar ein Gerichtsverfahren gegen mich.

Würden Sie sich als Dissidentin bezeichnen?

Nein, das fände ich übertrieben. Natürlich bin ich schon länger in Berlin, weil ich hier keine Repressionen befürchten muss. Hier wird meine Privatsphäre geachtet, hier kann ich am besten meine Quellen schützen. Das ist mir, wie gesagt, das Wichtigste, denn ich trage die Verantwortung für Menschen, die sich mir anvertraut haben. Für meinen neuen Film arbeitete ich unter anderen mit den Whistleblowern Thomas Drake und William Binney zusammen, ehemaligen Angestellten der NSA, mit Jacob Appelbaum vom Tor-Netzwerk und mit Julian Assange von Wikileaks. Sie alle stehen unter verschärfter Beobachtung seitens der US-Regierung.

Gibt es außer dem Quellenschutz noch andere Gründe, warum Sie in Berlin sind?

Ja, ich wollte meinen neuen Film unbedingt mit Mathilde Bonnefoy fertigstellen, sie lebt seit mehr als 20 Jahren in Berlin und hat auch schon für Tom Tykwer den Schnitt gemacht, etwa bei „Lola rennt“. Sie ist großartig, und ich bin froh, mit ihr zusammenarbeiten zu dürfen. Schließlich sollte ich noch erwähnen, dass ich Berlin schon länger kenne und hier gute Freunde habe. Die Stadt ist wie New York in den 70er-Jahren, sehr lebendig und ein toller Ort für kreative Menschen.

Aber werden Sie irgendwann in die USA zurückzukehren?

Ja, wenn ich meinen Film fertig habe. Ich könnte mir gut vorstellen, in Berlin, das mittlerweile zu meiner zweiten Heimat geworden ist, und in den USA zu leben.

Vor Kurzem wurde Ihnen und Glenn Greenwald der renommierte George Polk Award für die Veröffentlichungen der Snowden-Dokumente im Guardian und in der Washington Post verliehen. Der Preis wird am 11. April in den USA überreicht. Werden Sie hinfahren?

Das wäre eine gute Gelegenheit, ja. Ich habe mich noch nicht entschieden. Ich kann nur sagen, dass ich gerne wieder in die USA zurückmöchte. Ich habe Heimweh.

Frei können Sie sich jedenfalls nicht bewegen. Damit teilen Sie das Schicksal anderer Internet-Aktivisten. Verstehen Sie sich eigentlich als Aktivistin?

Nein, ich bin eine Dokumentarfilmerin, ich verstehe mich als Journalistin und Künstlerin. Ich gehe raus in die Welt, mache Erfahrungen und erzähle Geschichten. Ich kann allerdings dazu beitragen, auch politische Zusammenhänge besser zu begreifen.

Aber Sie beschäftigen sich doch bevorzugt mit politischen Themen wie dem „Krieg gegen den Terror“ der USA oder der Massenüberwachung der NSA.

Ich lebe ja nicht in einem politischen Vakuum. Ich bin eine amerikanische Staatsbürgerin. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 fingen die USA an, Folter zu erlauben, präventiv Krieg zu führen, die eigenen Bürger zu überwachen – um nur einige wenige Punkte zu nennen. Als Bürgerin verfolge ich das mit großer Sorge, und als Künstlerin beschäftige ich mich damit. Unsere Regierung verfolgt eine Politik der Angst, sie arbeitet mit Zerrbildern vom bösen Terroristen oder gefährlichen Islam. Ich möchte mit meinen Bildern und Geschichten zeigen: Die Wirklichkeit ist in Wahrheit viel komplexer.

So sind Sie auch schon bei Ihrem Film „Flag Wars“ (2003) verfahren, er handelt allerdings noch nicht vom „Krieg gegen den Terror“, sondern von der Gentrifizierung eines Stadtteils in Columbus, Ohio, mit überwiegend schwarzen Bewohnern durch die junge, reiche Gay-Community.

Ja, mir ging es hier nicht einfach darum, die Geschichte von der Verdrängung einer Minderheit durch eine andere zu erzählen. Im Laufe der immerhin vier Jahre dauernden Arbeiten lernten wir, die Ko-Regisseurin Linda Goode Bryant und ich, die Menschen dort immer besser kennen. Erschreckend war zu beobachten, wie es ihnen nicht gelang, statt übereinander zu sprechen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Sie blieben in ihren Zerrbildern und Vorurteilen gefangen. Selbst ein überaus verständnisvoller Bezirksrichter, gewissermaßen die Stimme der Vernunft im Film, musste am Ende kapitulieren.

Eine Stimme der Vernunft taucht auch in Ihrem nächsten größeren Film auf, „My Country, My Country“ (2006), in Gestalt eines Arztes, der 2005 bei den Wahlen im Irak für ein politisches Amt kandidiert.

Der sunnitische Arzt Dr. Riyadh trat damals in Bagdad für die Islamische Partei an. Er kritisierte die amerikanische Besetzung des Landes, doch zugleich begrüßte er die Wahlen; seine Einstellung war eher moderat, er versuchte, zwischen den verschiedenen Parteien zu vermitteln. Ein unglaublich mutiger Mann.

Erstaunlich ist auch hier wieder, wie Sie die verschiedenen Seiten zum Sprechen bringen.

Insgesamt war ich acht Monate im Irak unterwegs. Ich glaube, wenn man sich lange genug irgendwo aufhält, dann fangen die Menschen an, freier mit einem zu sprechen, übrigens auch US-Militärs. Doch es war ein Glück, dass ich Dr. Riyadh traf, denn seine Geschichte erzählt sehr viel über die Grenzen der amerikanischen Mission im Irak. Die Amerikaner haben den Irak bis heute nicht verstanden. Eine unabhängige Stimme wie die von Dr. Riyadh erscheint ihnen verdächtig.

Ich habe den Eindruck, dass Sie bei Ihrer Arbeit stets versuchen, unsichtbar zu bleiben und stattdessen die Situation und die Menschen in den Vordergrund zu rücken. Für den Dokumentarfilm ist das kein neues Verfahren.

Ich sehe meine Arbeit in der Tradition des Cinéma vérité: Am besten ist es, wenn mein Gegenüber die Kamera vergisst und sich möglichst unverstellt zeigt – und dann den einen „wahren“ Satz sagt, der alles erklärt. Aber ganz so einfach ist es natürlich nicht. (lacht) Die Kamera bleibt stets sichtbar und verändert bereits durch ihre Anwesenheit die Situation. Was wirklich neu ist, betrifft eher die Technik: Kameras mit sehr guter Bildqualität sind in den letzten Jahren äußerst handlich geworden. Das erleichtert die Arbeit enorm, ich muss nicht mehr mit einem ganzen Filmteam anreisen, sondern kann allein arbeiten – und werde damit beweglicher und auch etwas unsichtbarer.

Das wird Ihnen auch beim zweiten Post-9/11-Film, „The Oath“ (2010), geholfen haben, ein Doppelporträt von Abu Jandal, des Bodyguards von Osama Bin Laden, sowie dessen Chauffeur, Salim Hamdan.

Ja, hier war es eine besondere Herausforderung, jemanden zum Sprechen zu bekommen. Nehmen wir nur einmal Abu Jandal, ein sehr komplexer, unglaublich faszinierender Charakter. Er war ein glühender Anhänger der Al-Kaida-Ideologie, doch entschied er sich, auszusteigen und mit den Amerikanern zu kollaborieren. Als ich ihn traf, fuhr er Taxi in Sanaa, der Hauptstadt Jemens. (Nach eigenen Angaben studierte er Wirtschaftswissenschaften und arbeitet heute als Unternehmensberater; Anm. d. Red.) Abu Jandal ist eine schillernde Persönlichkeit, einerseits gibt er sich aufgeschlossen, ist charmant und auch sehr eloquent, andererseits vertritt er fundamentalistische Positionen, die ich ganz und gar nicht teile.

Sie wollten ihm aber nicht widersprechen?

Nein, mir ging es darum, die Widersprüche in dem, was er sagt, deutlich werden zu lassen.

Mit diesem Ansatz würden Sie allerdings niemals einen Film drehen, der investigative Recherchen veröffentlichte. Zum Beispiel darüber, wie mithilfe der Daten, die von der NSA weltweit gesammelt werden, Menschen gezielt durch Drohnen getötet werden.

Natürlich recherchiere ich für meine Arbeit die Hintergründe. Wir wissen mittlerweile, dass durch Drohnenangriffe nicht nur Terroristen, sondern auch unschuldige Zivilisten getötet werden. Aber wenn ich einen Film darüber drehen wollte, dann müsste ich nach Pakistan reisen zu den Menschen, über deren Köpfen jeden Tag die Drohnen fliegen. Ich müsste bei diesen Menschen für eine längere Zeit leben, um zu verstehen, was es heißt, unter ständiger Todesdrohung zu leben. Ich würde auch versuchen, jemanden zu treffen, der in Europa oder in den USA die Drohnen steuert. Anders gesagt, zum Cinéma vérité gehört, dass ich nicht von einem erhabenen oder entfernten Standpunkt der Wahrheit auf die Wirklichkeit herabblicke, sondern mich in die Wirklichkeit hineinbegebe, in eine Situation, die ja nie abgeschlossen ist, sondern immer offen. Ich möchte die Gegenwärtigkeit des Augenblicks einfangen.

Nun werden Sie in diesem Jahr voraussichtlich Ihren dritten Film veröffentlichen, in dem es um die weltweite Überwachung durch amerikanische Geheimdienste geht.

Ja, ich bitte aber um Verständnis, dass ich darüber nicht viel sagen möchte.

Ich vermute, dass Sie selbst darin eine größere Rolle spielen, schließlich hat sich Edward Snowden an Sie gewandt, Sie sind mit Glenn Greenwald nach Hongkong gefahren, um ihn zu treffen, Sie sind selber zur Zielscheibe der Geheimdienste geworden …

… ja, ich werde in diesem Film eine gewisse Rolle spielen. Doch mein Hauptaugenmerk liegt auf den Personen, die ich bereits erwähnte, also den Whistleblowern und denjenigen, die sie unterstützen. Und selbstverständlich wird es auch um Edward Snowden gehen. In dieser Hinsicht interessiert mich die Frage, warum wir erst mit ihm angefangen haben, uns das Ausmaß der Überwachung klarzumachen. Offenbar spielen die Dokumente, die er mitgenommen hat, eine große Rolle: Wir haben es jetzt schwarz auf weiß. Es gibt also eine Zeit vor und nach Snowden. Aber das Erstaunliche ist doch, wie sehr die vielen Whistleblower vor ihm recht hatten, und wie leichtfertig sie als Spinner abgetan wurden.

Sie beschäftigen sich mittlerweile seit etlichen Jahren mit dem „Krieg gegen den Terror“ und seinen Folgen für die Menschen. Auch Sie stehen im Visier: Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Ich fühle mich immer noch sehr privilegiert. Mir vertrauen Menschen ihre Geschichten an, was für sie mitunter ein erhebliches Risiko, ja Lebensgefahr bedeutet. Ich habe es da immer noch relativ einfach, ich kann mich immer noch aus der Situation zurückziehen, eine Familie im Irak oder in Pakistan kann das nicht.

Das Gespräch führte Christian Schlüter.



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