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Interview mit Cornelia Nuxoll: Der Soundtrack zum Krieg

Kindersoldat in Sierra Leone mit Walkman.

Kindersoldat in Sierra Leone mit Walkman.

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Gibt es einen Zusammenhang zwischen Musik und Krieg? Kann man mit Musik Hass schüren, zu Gewalt anstiften? Mit diesen Fragen beschäftigt sich von Donnerstag an das Festival „Krieg singen“ im Haus der Kulturen der Welt, sie waren auch Thema der Forschungsgruppe „Musik, Konflikt und der Staat“, die an der Universität Göttingen bestand. Ihr gehörte die Musikethnologin Cornelia Nuxoll an. Wir befragten sie zu ihren Erkenntnissen.

Frau Nuxoll, welche Rolle kann Musik in Konfliktsituationen spielen?

Unsere Forschungsgruppe hat es sich zum Ziel gemacht, die dunkle Seite der Musik zu erforschen, also ihre Rolle in Kriegen und Konflikten. Wir haben untersucht, wie Musik zu Gewalt anstiftet oder diese begleiten kann, welche Rolle sie für Propaganda spielt und wie man mit ihrer Hilfe Hass schüren und diskriminieren kann. Ein Schwerpunkt war die Musikfolter, wie sie zum Beispiel in Guantanamo oder Abu Ghraib eingesetzt wurde, etwa um den Willen von Gefangenen zu brechen und sie zum Reden zu bringen.

Sie zitieren in einem Ihrer Texte den KZ-Überlebenden Aleksander Kulisiewicz, der den Begriff „musikalischer Sadismus“ verwendet hat. Welche Art von Musik wurde in Guantanamo oder Abu Ghraib verwendet?

Man könnte zynisch davon sprechen, dass die Auswahl der Kreativität derjenigen überlassen war, die Musik bei ihren Verhören eingesetzt haben. Das kann ein Kinderlied aus der Sesamstraße gewesen sein oder auch Metal und Rapmusik. Manche Musik hatte die Funktion, die Gefolterten an den Rand des Wahnsinns zu treiben, indem in hoher Lautstärke immer wieder dasselbe Lied gespielt wurde. Oder es wurden Lieder ausgewählt, die die westliche Welt repräsentieren, und die insbesondere muslimische Häftlinge als kulturell anstößig empfunden haben könnten, etwa wenn sie sexuell anzüglich waren.

Die US-amerikanischen GIs in Vietnam hörten Musik, um sich zu entspannen, gerne auch in Kombination mit Drogen, sie hörten harte Songs, um sich auf kriegerische Auseinandersetzungen vorzubereiten, Lieder, die sie an ihr Zuhause erinnerten, ihren Patriotismus förderten. Nach dem Vietnamkrieg wurde die These aufgestellt, dass jeder Krieg seine eigene Popkultur hervorbringt. Ist das so?

Ich denke schon. Und das sind wesentliche Funktionen, die Musik in Konflikten übernimmt. Es gibt Phasen, in denen man sich aufputscht, bevor es losgeht, dann gibt es die Entspannungsphase, oder Phasen, in denen eine verlorene Schlacht bewältigt werden muss. Dann spielt auch Nostalgie eine große Rolle, gerade, wenn Soldaten weit weg von der Heimat stationiert sind. Und man trauert mit Musik um gefallene Kameraden.

Das ist wahrscheinlich nicht nur ein modernes Phänomen?

Ja. Heute hat nur jeder seinen iPod dabei oder, wie in den 90er-Jahren, seinen Ghettoblaster oder Walkman. Aber im Prinzip haben Militärmusiker früher diese Funktionen auch erfüllt. Heute kann sich jeder an seinem persönlichen Geschmack orientieren. Der Soundtrack zum Krieg ist heute individualisierter.

Seit dem Ersten Weltkrieg treten im Rahmen der Truppenbetreuung Unterhaltungskünstler auf, im Zweiten Weltkrieg ist etwa Marlene Dietrich an die Front gefahren und hat gesungen.

Man hat zunehmend erkannt, wie wichtig es ist, die Moral der Truppe hochzuhalten und einen Rückbezug zur Heimat herzustellen. In den USA ist es bis heute so, dass Künstler sich anbieten, nach Afghanistan zu fliegen oder in den Irak und dort aufzutreten, nicht zuletzt, um ihren eigenen Patriotismus unter Beweis zu stellen.

Sie haben Feldforschung in Sierra Leone betrieben, wo von 1991 bis 2002 ein Bürgerkrieg herrschte, und sich auf die Rebellen der RUF (Revolutionary United Front) konzentriert, oft ungebildete junge Männer, Kindersoldaten. Welche Rolle spielte die Musik für sie?

Es gab von Anfang an Kommandolieder, die den militärischen Drill begleiteten. Sie stammten aus Liberia, denn es kamen zu Anfang des Bürgerkriegs Rebellen aus Liberia nach Sierra Leone, um Kämpfer auszubilden. Auch wenn die Sierra Leoner die Texte nicht verstanden, wurde diese Musik als hochmotivierend und solidaritätsstiftend empfunden. Aber die wichtigste Musik war Roots Reggae, also Musik von den Urvätern des Reggae, wie Bob Marley, Peter Tosh, Joseph Hill und Burning Spear. Diese Musik hat fast eine Art Bildungsfunktion übernommen, da viele der Rekruten nicht die Chance hatten, eine Schule zu besuchen. Da war Reggae eine Möglichkeit, sich politisch zu informieren, und der Missstände im Land gewahr zu werden. Junge Leute haben sich wiederkannt – in den sozialkritischen Texten der Lieder, die das Fehlen von Meinungsfreiheit, von Menschenrechten anprangern, oder auch die Tatsache, dass die Macht in den Händen weniger ist. Und viele dieser Motive sind aufgegriffen worden und in das Vokabular der Rebellen hineingewandert, etwa der Begriff des freedom fighters, des Freiheitskämpfers oder des sufferers, des Leidenden, des Unterdrückten. Und das Motiv der Revolution. Dass es an der Zeit ist, sich zu wehren.

Das furchtbare Markenzeichen der RUF war es, bei Überfällen auf Dörfern den Menschen Arme oder Beine abzuhacken. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Musik und dieser Gewalt?

Man hat versucht, mit der Musik, diese Gewalt, die zunehmend willkürlich wurde, zu bewältigen. Es gibt zum Beispiel ein Stück von Burning Spear, das heißt „It’s not a Crime“. – „It’s not a crime to do the right, to strengthen the smaller one – Es ist kein Verbrechen, das Richtige zu tun, die Schwächeren zu stärken.“ So etwas kann helfen, mit der eigenen Schuld, dem moralischen Dilemma umzugehen. Die Rebellen konnten sich sagen, dass sie einen guten Kampf kämpfen, auf der richtigen Seite stehen, und es in Ordnung ist, dass es zu Gewalt und zu Gräueltaten kommt – solange diese im Namen der Befreiung des Landes verübt werden.

Sie zitieren einen ehemaligen Rebellen, der von Kampfeseifer und Wagemut spricht, die er mit der Musik erreicht, und dass sie ihm auch dabei geholfen hat, mit dem Töten fertigzuwerden.

Es ist interessant, wie durch viele der Aussagen durchschimmert, dass eine Art Ablenkung stattfindet. Wie man durch die Konzentration auf die Musik nicht mehr so viel Furcht empfindet, dass sie auch Panik überlagert, dass man sein Tun weniger hinterfragt. Zudem kann Musik Widerstände lösen, Gewalt auszuüben. Ich habe bei meiner Forschung gefunden, dass Rebellen Zivilisten aufgefordert haben zu singen und zu tanzen, während ihren Familienmitgliedern Gewalt angetan wurde. Das ist fast wie ein erzwungenes Einverständnis und kann als perfide Methode verstanden werden, Gräueltaten – umrahmt von Musik – zu verharmlosen.

Sie haben auch über die Bedeutung von Bubu-Musik in Sierra Leone geschrieben. Was ist das?

Das ist Musik, die von einem Orchester von Bambusrohren gemacht wird, die jeweils nur einen Ton produzieren, aber zu einem komplexen rhythmischen Bild verzahnt werden, untermalt von Trommeln. Der Musiker Ahmed Janka Nabay hat Bubu populär gemacht. Die Rebellen haben seine Musik von Ghettoblastern gespielt, wenn sie Dörfer überfallen haben. Etwa das Lied Sabanoh, was bedeutet: Dieses Land gehört uns. Janka Nabay hat es eigentlich geschrieben, um die Zivilbevölkerung zu stärken, inmitten von Chaos und Zerstörung. Die Rebellen haben das Lied jedoch für sich vereinnahmt und dessen Botschaft umgekehrt.

Das Gespräch führte Susanne Lenz.