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Interview mit dem HipHopper Kollegah: „Ich brauche neue Gegner“

Felix Blume besser bekannt als Kollegah bei einem Konzert.

Felix Blume besser bekannt als Kollegah bei einem Konzert.

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imago stock&people

Man nennt ihn auch gerne den Boss. Wegen seiner oft drastischen Wortwahl muss man offiziell 16 sein, um dem Rapper Kollegah zuhören zu dürfen. Für die Berliner Zeitung haben ihn trotzdem zwei 15-jährige Gymnasiasten interviewt. Im Nebenraum warten Security-Mitarbeiter im Anzug und einige wohlbeleibte Rocker. Doch Elias Aguigah und Mika Al-Chalabi stellen unerschrocken ihre Fragen.

Der Song, den du mit Majoe zum 1. April veröffentlicht hast, heißt: „Von Salat schrumpft der Bizeps“. Auch wir kennen Leute, die ihre Beine nicht trainieren und keinen Salat essen, weil das den Bizeps schrumpfen lässt.

Absolut.

Nehmen die Leute dich zu ernst, oder machen die alles richtig?

Die machen alles richtig! Man kennt das: Da isst du ein, zwei Salatblätter, schon schrumpft der Bizepsumfang um zwei Zentimeter. Das ist mir neulich auch passiert, hab’ da aus Versehen im Salat rumgestochert. Das sind Konzentrationsfehler, die manchmal passieren und sich eklatant auf den Bizepsumfang auswirken.

Also den Salat auch vom Burger runternehmen?

Immer runternehmen.

Wie sind für dich die Rucksack-Rapper, die bei dir so schlecht wegkommen?

Das sind Rapper, die einen Rucksack aufhaben. Da ist wahrscheinlich Buttermilch drin oder ein Joghurt oder Salat in der Tupperdose. Vielleicht auch eine Spraydose, lauter so ein unnützer Scheiß, der mit HipHop nichts zu tun hat. Anstatt dass die sich mal eine Kurzhantel da reintun würden. Aber das ist von denen nicht zu erwarten.

Du hast Abitur gemacht und Jura studiert. Welchen Einfluss hat das auf deine Rapperkarriere gehabt?

Abi ist kein Einfluss. Ich hab auch kein besonders tolles Abi gemacht, aber nicht, weil ich’s nicht konnte, sondern weil ich nie da war. Total unterfordert. Was wollen die mir denn noch beibringen, die Lehrer? Erzählen nur trivialen Unsinn. Deswegen war ich auch mal ein halbes Jahr nicht da. Ich hätte sonst natürlich ein Einser-Abi gemacht. Aber das Studium hat mir schon was gebracht. Analytisches Denken und so weiter. Hilft einem auch mal bei einem Rap-Beef. Wenn Du da eine Strategie machst, wie Du den Gegner komplett auseinanderfickst.

Du würdest nicht sagen dass es wichtig ist, als erfolgreicher Rapper aus dem Ghetto zu kommen?

Ich rappe ja nicht darüber, dass ich aus dem Ghetto komme. Ich sage es ja so, wie es ist. Ich bin auch nicht aus der High Society gekommen, sondern aus einer der unteren Schichten. Aber Ghetto – das ist für mich ein Slum, wie es ihn in Rio gibt oder in den Vororten von Paris. Das haben wir in Deutschland so extrem nicht. Sozial schwächere Gegenden haben wir, da komme ich her, dazu stehe ich. Das heißt aber nicht, dass ich da mein ganzes Leben verbringen muss.

Warum wurde die technische Seite des Rap so wichtig für Dich? Doubletime, Punchline Rap?

Für mich ist das gar nicht so anspruchsvoll, aber anscheinend für alle anderen… Das technische Level in Deutschland ist niedrig. Aber nicht so schlecht wie in den USA. Früher war es in den USA besser, die Entwicklung ist da entgegengesetzt zu Deutschland. In Deutschland wurde der Rap erst mit mir technisch anspruchsvoll.

Wie ist das für dich bei einem Videodreh, wenn du auf Rapper triffst, die nicht deine Wortgewandtheit haben? Hast du damit ein Problem?

Ich nicht, aber die gehen dann nach Hause, weil die nichts verstehen und haben dann natürlich einen riesen Ego-Knick.

Die jungen Rapper, die jetzt versuchen, sich an deinem Erfolg hochzuziehen, indem sie dich dissen, jucken dich nicht mehr?

Ach was. Krieg ich alles gar nicht mit.

Glaubst du, dass du durch deinen Erfolg den Kontakt zur allgemeinen Rapszene in Deutschland verlierst?

Das ist sowieso mein Ziel! Ich will ja mit den ganzen Pissrappern nichts zu tun haben. Ich brauche neue Gegner. Deswegen habe ich mir jetzt Helene Fischer ausgesucht. Die hatte einen Rekord in Deutschland: 150.000 verkaufte Einheiten in der ersten Woche. Den habe ich gebrochen. Das heißt: Wir haben die Fischer weggewichst. Applaus für den Boss! (klatscht in die Hände)

Ein Anlass zum Feiern.

Auf jeden Fall. Darauf ein Mineralwasser. Jetzt müssen alle Schlagermusiker weggewichst werden.

Du, Majoe und Farid Bang sind als muskulöse Rapper bekannt, und ihr macht auch viele Songs darüber. Ist das ein neues Genre: der Fitnessrap?

Mit dem Album „JBG 2“ haben wir viele Jugendliche zum Training gebracht. Das ist unser Verdienst: dass man immer mehr aufgepumpte, breite Jugendliche sieht. Besser körperlich breit als durch’s Kiffen. Von daher hätten wir dafür schon mal einen Friedensnobelpreis verdient.

Farid Bang und du, ihr habt die besten Verkaufszahlen zur Zeit, seid ihr die Retter des Deutschrap?

Es gab immer wieder Rapper, die neuen Schwung reingebracht haben. Das waren Bushido, auch die Leute von Aggro Berlin. Und jetzt sind wir es, die das Ganze auf ein neues Level gebracht haben, wovon der ganze Deutschrapmarkt profitiert, weil die Kaufbereitschaft steigt. Da könnte man uns auch einmal danke für sagen anstatt immer nur rumzuhaten.

Lange war der Gangster- oder Straßenrap nicht so groß, Casper und Cro waren eher poppig. Warum ist der Straßenrap zurück?

Das Problem beim Gangsta- oder Straßenrap: Das Publikum, das diesen Rap feiert, hat eine geringe Kaufbereitschaft. Deswegen muss man einen starken Personenkult entwickeln. So dass die Leute eine Beziehung zum Künstler haben und das Bedürfnis, ihn zu unterstützen. Casper und Marteria haben ein anderes Publikum, die sind kaufbereiter. Die Straßenkids muss man erst mal dazu bewegen. Da hilft es, wenn man viel von seiner Persönlichkeit zeigt. Deswegen habe ich einen Youtube-Channel aufgemacht, damit die Leute checken: Der Typ haut viel raus, da geben wir etwas zurück.

Du bist schon lange im Business dabei. Bald wirst du dreißig. Nimmst du dir Dr. Dre zum Vorbild, der im fortgeschrittenen Alter aufgehört hat, über Bitches und Drogen zu rappen?

Soweit voraussehen kann man nicht. Ich gucke immer nur bis zum nächsten Album, und da wird es keinen kompletten Stilbruch geben.

Du hast nicht zuletzt mit deinem Bart einen Trend gesetzt. Wird es ein Duett mit Conchita Wurst geben?

Niemals. Ich habe erst nur Fotos von dieser Frau gesehen, die einen Bart hat. Ich dachte, das wäre ein Bild von Bill von Tokio Hotel. Aber war anscheinend eine Teilnehmerin vom ESC. Ein hässlicher Mensch.

Das Gespräch führten Elias Aguigah und Mika Al-Chalabi.