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Interview mit Martin Roth: "Was ich in meinem Leben nicht akzeptiere, sind Redeverbote"

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Markus Wächter / Waechter

Im Garten des Zehlendorfer Hauses ist endlich Frühling. Nur hat Martin Roth keine Zeit für Natur-Beschaulichkeit und eigentlich auch nicht für ein längeres Gespräch. Gerade kommt er aus Vancouver, mit Frau, Tochter und Hund. Der Labrador hat Jetlag, der große Rest der Familie muss munter sein, denn es heißt: Koffer umpacken. Es geht am nächsten Tag gleich weiter nach Venedig, zur 57. Kunstbiennale, die Familie kommt mit. Dort kuratiert Roth, der welterfahrene Museumsmann, Kulturmanager und Kunst-Netzwerker den Pavillon Aserbaidschans. Das ist umstritten, die Medien haben Fragen. Ständig klingelt sein Handy. Er stellt es aus. So ist er – immer konsequent in seinen Entscheidungen. Wir können reden.

Herr Roth, die Nachricht, dass Sie den Biennale-Pavillon von Aserbaidschan kuratieren, hat vielerorts Irritationen ausgelöst. Hat Sie das Ihrerseits überrascht?

Offen gestanden habe ich im Vorfeld nicht lange darüber nachgedacht. Natürlich war ich mir dessen bewusst, dass Fragen kommen, wenn ich mit einem autokratisch regiertem Land wie Aserbaidschan zusammenarbeite. Ich war also auf Widerspruch vorbereit, aber ich habe mir keine Strategie einer öffentlichen Rechtfertigung zurechtgelegt. Mir ging es vor allem um die Zusammenarbeit mit Leuten, die ich zum Teil schon sehr lange kenne.

Wie kam es dazu?

Ich habe bereits in meiner Zeit im Dresdener Hygiene-Museum Anfang der 90er-Jahre den Wunsch verspürt, die Kontakte zu Menschen und Institutionen aufrechtzuerhalten, die man damals noch unter dem Sammelbegriff Ostblock subsumierte. Dafür gab es zunächst keinen Plan, aber es gab Kooperationen, und ich begriff, dass man die nicht einfach über Bord werfen darf. Das war übrigens gar nicht gern gesehen. Aber später habe ich wiederholt daran anknüpfen können, mit Vertretern der GUS-Staaten zu kooperieren, zum Beispiel während der Weltausstellung Expo in Hannover.

Braucht es dafür nicht auch Brückenbauer und Türöffner?

Ich habe als Generaldirektor der Staatlichen Museen in Dresden meine Kuratoren, die in den GUS-Staaten studiert oder gearbeitet haben, gebeten, mit Ideen und Vorlieben nicht hinterm Berg zu halten. Und tatsächlich hat eine Kollegin anschließend ein Projekt mit zeitgenössischer Kunst in Aserbaidschan angeregt. Da geschehe im Moment sehr viel. Ich war zunächst skeptisch und wusste so gut wie nichts über das Land. Und so kamen wir irgendwann mit Leyla Akhundzade in Kontakt, die ich sehr schnell als fundierte Kuratorin kennengelernt habe. Sie hat uns nach Baku eingeladen und dort mit vielen Künstlern zusammengebracht. Es war eine große Freude, mit Leyla arbeiten zu dürfen. Die Ausstellung wurde 2008 unter dem Titel „Steps of time. Zeitgenössische Kunst aus Aserbaidschan“ im Dresdener Residenzschloss gezeigt und kam auch sehr gut an.

Sie greifen jetzt also nur bestehende Verbindungen wieder auf?

Leyla wird in Aserbaidschan die Mutter der Gegenwartskunst genannt, 2007 hat sie den Pavillon ihres Landes auf der Biennale in Venedig kuratiert. Ich habe sehr viel von ihr gelernt. Natürlich haben wir uns versprochen, in Verbindung zu bleiben, aber Leyla ist dann leider bei einem Unfall ums Leben gekommen. Die Idee, noch einmal etwas mit Künstlern aus Aserbaidschan zu machen, habe ich seither aber nie aufgegeben.

Was hat Sie daran gereizt?

Es war eine besondere Form des Aufbruchs, die man überall zu spüren bekam. Es gab dort junge Architekten, junge Künstler und Designer, die umtriebig und auf vielfältige Weise miteinander vernetzt waren. Und von Leyla Akhundzade hatte ich ja bereits einiges über den Vielvölkerstaat Aserbaidschan gelernt. Es ist ein Land, in dem viele Sprachen gesprochen werden und viele Religionen nebeneinander existieren. All das finde ich in der aktuellen weltpolitischen Situation besonders spannend.

Ist es das, für was Sie den jetzt scharf kritisierten Begriff „blueprint der Toleranz“ gefunden haben?

Genau. Es ist ein muslimischer Staat mit vielen andren Religionen, mehreren Alphabeten und übrigens einer Geschichte, in der Deutsche eine besondere Rolle gespielt haben. Dafür muss man sich doch interessieren. Und als ich gefragt wurde, den Pavillon für die Biennale 2017 zu kuratieren, habe ich mir ausbedungen, jegliche Freiheit in Bezug auf die Themenwahl sowie bei der Auswahl der Künstler zu haben.

Was werden sie in Venedig zeigen?

Die Ausstellung ist aus einem großen Audio-Archiv hervorgegangen, in dem viele Menschen Auskunft über ihre Herkunft, ihre Sprache und ihren Glauben geben. Das war die materielle Grundlage, die wir dann von jungen Künstlern haben bearbeiten lassen. In der Ausstellung wird das alles in eine begehbare Installation überführt, durch die Besucher gewissermaßen hindurchgehen. Wichtig war mir dabei, dass die Künstler vollkommene Freiheit bei ihrer Herangehensweise im Umgang mit den Materialien haben.

Wie haben Sie das organisiert?

Ich bin nur ein einziges Mal in Baku gewesen. Alles andere lief über Konferenzen per Skype, schon deshalb, weil ich finde, dass man nicht so viel Geld damit verschwenden sollte, ständig durch die Gegend zu fliegen. In diesem Zusammenhang fiel auch der Begriff blueprint. Von Dialog und Begegnung ist in kulturellen Zirkeln vielfach die Rede. Aber man muss sich auch fragen, was die Worte in einer Zeit bedeuten, in der gerade so viel von Flüchtlingen die Rede ist. Und jenseits der politischen Situation in Aserbaidschan kann man zumindest sagen, dass das Nebeneinander so vieler verschiedener Kulturen in dem Land erstaunlich gut funktioniert.

Aber Sie können das Regime doch nicht einfach ausblenden?

Natürlich weiß ich, dass Aserbaidschan eine autoritäre Diktatur ist. Aber man muss es nicht bei jeder Gelegenheit sagen. Mir geht es um die Menschen, die dort leben. Was ich in meinem Leben nicht akzeptieren werde, sind Redeverbote. Und ich genieße es wirklich, jeden Morgen an mein Telefon zu gehen und dort Grüße aus Chile, China und Alaska vorzufinden. Heute ist das möglich, unabhängig davon, welche politischen Verhältnisse vor Ort herrschen.

Haben denn politische Fragen bei der Gestaltung des Pavillons keine Rolle gespielt?

Wir haben nie direkt mit der Politik zu tun gehabt. Aber sie können natürlich fragen: Wann beginnt Politik, wann hört sie auf? Selbstverständlich hat Leyla Akhundzade mit dem Kulturminister etc. zusammengearbeitet, er kam auch in Dresden zur Eröffnung. Ich kann nun einmal nicht sagen, ich lass mich auf so eine Arbeit ein und lege sie nieder, sobald jemand vom Ministerium aufkreuzt. 

Welche Lehren haben Sie denn aus der 2010 sehr umstrittenen Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ im chinesischen Nationalmuseum gezogen? Damals wurde den drei deutschen Museen aus München, Berlin und Dresden ja der Vorwurf gemacht, von der chinesischen Führung instrumentalisiert worden zu sein.

Jetzt muss ich aufpassen, wie man das formuliert, sonst sagt wieder jemand, der arbeitet am liebsten mit politischen Gangstern zusammen. Tatsächlich habe ich wiederholt mit Ländern zusammengearbeitet, in denen extrem schwierige politische Verhältnisse herrschen. Manchmal nicht zuletzt auch deshalb, um Menschen die Gelegenheit zu geben, von dort herauszukommen. Es gibt eben immer auch eine Zivilgesellschaft, die auf Hilfe von uns angewiesen ist.

Hat sich ihr Blick auf die Ausstellung in Peking im Lauf der Zeit verändert? Welche Bilanz würden Sie heute ziehen?

Ich würde es sofort wieder machen. Bundeskanzlerin Merkel hat mir die Frage auch einmal gestellt, und ich habe ihr dieselbe Antwort gegeben. Und dann habe ich hinzugefügt: Ich würde vielleicht darauf achten, dass die Politiker nicht allzu viel von mir erwarten. Insgeheim schwang ja damals die Hoffnung mit: Die machen eine Ausstellung, und danach verändert sich das politische System. Das ist natürlich absurd.

Und dann ereignete sich der Gau, dass im Umfeld der Ausstellungseröffnung Ai Weiwei verhaftet wurde.

Ich erfuhr davon kurz vor dem Rückflug aus Peking. Ich saß bereits in der Maschine. In meiner Naivität habe ich in dem Moment gedacht: Wie gut, dass wir gerade die Ausstellung gemacht haben. Ich glaubte, man könne diese sogar als politische Plattform nutzen. Als ich aus dem Flugzeug stieg, waren aber sofort die Forderungen laut geworden, die Ausstellung umgehend zu schließen. Dieser deutsche Rigorismus hat mich immer gestört. In China war die Reaktion übrigens eine ganz andere. Da haben sich ganz viele junge Leute geäußert, die sich darüber gefreut haben, diese Ausstellung gesehen zu haben.

Feinfühlige Diplomatie war nie ihre Sache. Haben Sie sich deshalb immer wieder so knifflige Konstellationen ausgesucht?

Ich habe mich das bereits gefragt, als ich damals nach Dresden ging. Und ich habe es in dieser Zeit auch als eine Art Pflicht angesehen, in den Osten zu gehen. Es war übrigens eine Journalistin der Sächsischen Zeitung, die mir einmal ein Beuys-Zitat geschickt hat und dazu schrieb, es würde gut auf mich zutreffen. Menschen sollten sich verschleißen, heißt es da, und: Wer voller Kraft stirbt, hat etwas falsch gemacht.