Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Interview mit Steven Soderbergh: „Ich brauche einen echten Neustart“
24. April 2013
http://www.berliner-zeitung.de/6218036
©

Interview mit Steven Soderbergh: „Ich brauche einen echten Neustart“

Steven Soderbergh, gewann mit „Sex, Lügen, Video“ (1989) als jüngster Regisseur die Goldene Palme in Cannes. Kaum ist er fünfzig geworden, beendet er nun seine Karriere mit „Side Effects“.

Steven Soderbergh, gewann mit „Sex, Lügen, Video“ (1989) als jüngster Regisseur die Goldene Palme in Cannes. Kaum ist er fünfzig geworden, beendet er nun seine Karriere mit „Side Effects“.

Foto:

AFP/Mike Coppola

Der Thriller „Side Effects“ wird der vorerst letzte Kinofilm von Steven Soderbergh sein. Hier geht es um den Missbrauch von Psychopharmaka in den USA: Emily sieht ihren Mann nach vier Jahren Trennung, in denen er wegen Insiderhandels im Gefängnis war, wieder. Statt sich zu freuen, fällt sie in ein tiefes Loch und begeht einen Selbstmordversuch.

Ihr Psychiater, Dr. Jonathan Banks, verschreibt ihr ein neues Medikament, das frei von den üblichen Nebenwirkungen sein soll. Wenig später begeht Emily einen Mord, und Dr. Banks gerät in ein undurchsichtiges Netz von Manipulation und Lügen. – Der 50-jährige Regisseur Soderbergh zieht sich nun aus dem Geschäft zurück. Im Interview erklärt er, warum er nicht mehr im Kino arbeiten will, und was er in Zukunft machen wird.

Herr Soderbergh, „Side Effects“ sieht sehr nüchtern, fast dokumentarisch aus. Warum haben Sie diesen Look gewählt?

Wissen Sie, ich mag Digitalkameras, weil man damit an einem Ort drehen kann, ohne irgendetwas zu verändern. In dem ganzen Film gibt es nur sechs Einstellungen, bei denen wir Filmbeleuchtung benutzen mussten, dadurch bekommt „Side Effects“ noch stärker die Anmutung, in einer normalen Alltagswelt zu spielen. Zuschauer merken den Unterschied ganz genau. Ich hab den ganzen Film auch nur mit drei Objektiv-Einstellungen gedreht.

Meine Trick-Kiste war bei „Side Effects“ bewusst klein, ich habe mir sehr klare Regeln auferlegt, wann ich wie drehe, ob und wie ich die Kamera bewege. Und das Tolle beim Digital-Dreh ist ja auch, dass man ohne Probleme aus verschiedenen Perspektiven mit mehreren Kameras arbeiten kann, weil man sich eben nicht mehr ums Licht kümmern muss. Das ist viel natürlicher, und ich kann das später schneiden, wie ich will. Großartig.

"Ich filme nie mehr, als ich muss"

Sie waren immer ein lautstarker Befürworter von digitaler Filmtechnik, aber haben die neuen Möglichkeiten nicht auch Kehrseiten?

Digital zu drehen, kann in den falschen Händen eine regelrechte Lawine aus Unentschlossenheit und Unsicherheit auslösen. Ich habe sowas schon miterlebt, das ist nicht schön. Digitaltechnik ist auch nur ein Werkzeug. Meine Frau hat mal gesagt: Es macht einen großen Unterschied, ob man hart oder ob man smart arbeitet. Ich kann digital sehr smart drehen, ich filme aber ohnehin nie mehr, als ich muss. Don Siegel und ich sind wohl die Regisseure, die bei ihren Filmen am wenigsten Material belichtet haben.

In „Side Effects“ geht es um Psycho-Pharmaka und Therapie, aber der Film ist ein Thriller. Warum haben Sie diese Form gewählt?

Die Idee stammt aus einer TV-Serie von vor zehn Jahren über eine psychologische Notaufnahme („Wonderland“) gearbeitet, es hat ihn fasziniert, wie Psychologie, Pharmazeutik und das Gesetz aufeinandertreffen. Was macht man mit jemandem, der sich vor eine U-Bahn wirft? Wie geht man mit einem Mörder um? Ist das nur ein juristisches oder auch ein medizinisches Problem?

Sie haben oft Themen und Genres mit politischem Kommentar vermengt – in „Haywire“ geht es auch um die Rolle privater Sicherheitsfirmen, in „Magic Mike“ auch um die Finanzkrise. Suchen Sie bewusst nach solchen Stoffen?

Im Kern interessiert mich, was Leute tun, um Geld zu verdienen. Das ist ein ganz universelles Thema – jeder hat Geldsorgen, auch Leute mit Geld. Für mich erdet es Geschichten und Figuren in der Realität, wenn man zeigt, wie sie arbeiten, wie sie Geld verdienen. Mein Interesse kommt vielleicht von meinem Vater, der war ein Workaholic, von ihm hab ich da viel geerbt; immerhin hatte ich Glück, in einem Beruf arbeiten zu können, der mir gefällt.

Nicht nur in den USA spielt die Pharma-Industrie eine immer größere Rolle, ist das vielleicht nur eine Phase, die bald wieder vorbeigeht?

Die amerikanischen Pharma-Unternehmen gehören zu den größten Firmen des Landes, ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das ändern wird: Die sind heute Brandstifter und Feuerwehr, das kann nicht gut gehen. In „Sex, Lügen und Video“ (1989) war jemand in Therapie, aber ich hätte nie daran gedacht, dass man da Pillen verschrieben bekommt. Heute ist das Standard. Als mein Tochter in der Highschool war, haben etwa 40 Prozent ihrer Mitschüler das eine oder andere Medikament genommen. Niemand weiß, was sowas mit einem jungen Gehirn macht, welche Spätfolgen das haben wird.

Sie haben erklärt, „Side Effects“ sei Ihr letzter Kinofilm. Warum steigen Sie jetzt aus?

Ich brauche einen echten Neustart. Ich bin an die Grenzen dessen gekommen, was ich jetzt und heute machen kann, mir bleibt nichts anderes als anzuhalten, alles niederzubrennen und wieder von vorn anzufangen. Ich weiß nicht, wie lange das dauern wird oder ob ein Neuanfang überhaupt möglich ist. In jedem Fall muss ich jetzt etwas Neues, anderes machen, um dieses Kino-Ding aus meinem System zu bekommen. Andere Filmregisseure verstehen das.

Was wollen Sie jetzt machen?

Ich weiß noch nicht so richtig. Im Herbst will ich ein Bühnenstück inszenieren. Fotografie interessiert mich, Malerei. Es gibt mindestens ein Buchprojekt, das ich machen möchte, und eine zwölfstündige TV-Miniserie, „The Sot-Weed Factor.“ Oh, und ich will ein Cleopatra-Bühnenmusical realisieren.

"Ein sauberer Schnitt ist mir wichtig"

Nach Ruhestand klingt das nicht.

Ich kann und muss ja etwas machen, nur eben kein Kino.

Warum haben Sie diesen Rückzug offiziell gemacht? Viele Regisseure arbeiten so langsam, dass keiner weiß, ob die überhaupt noch im Geschäft sind.

Das wäre ja alles viel diskreter abgelaufen, wenn Matt Damon das nicht in einem Interview thematisiert hätte. Ich habe eigentlich jahrelang gesagt, dass ich irgendwann einmal aus dem Filmgeschäft aussteigen würde. Das hat bis vor Kurzem niemanden interessiert. Aber kaum spricht Matt das an, ist das eine Top-Meldung. (lacht)

Mir ist es wichtig, einen sauberen Schnitt zu machen. Leute sollen ja wissen, warum ich in den letzten zwei Jahren permanent Nein gesagt habe, man wird ja mit Drehbüchern und Anfragen regelrecht bombardiert. Ganz ehrlich: Wenn ich jetzt einen weiteren Kinofilm drehen müsste, würde ich nur auf der Stelle treten. Und so kann ich nicht arbeiten. Natürlich wird mir etwas fehlen – der Zusammenhalt beim Dreh. Und das Schneiden.

Können Sie nicht für andere Leute als Cutter arbeiten?

Mir würde das sehr gefallen, aber den Regisseuren möglicherweise eher nicht.

Ihre Kino-Karriere ist lang, Sie kennen das Geschäft. Können Sie sich vorstellen, vielleicht die Arbeiten junger Filmemacher zu produzieren?

Nein. Das hat zwei einfach Gründe. Zum einen hasse ich es, Filme zu produzieren. Zum anderen: Wenn es um Geld geht, hat mein Name in Hollywood keinen Wert. Vielleicht könnte ich einem Projekt eine Art Qualitätssiegel geben oder verhindern, dass man einen Filmemacher über den Tisch zieht. Aber wenn es darum geht, ein Budget zusammen zu bekommen, bin ich keine Hilfe. Dafür habe ich zu viele Filme gedreht oder produziert, die kein Geld gemacht haben.

Das Interview führte Thomas Klein.