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Interview mit Udo von Kampen: Jean-Claude Juncker an die Lead-Gitarre!

Zieht im Januar von Brüssel nach Berlin: ZDF-Korrespondent Udo van Kampen.

Zieht im Januar von Brüssel nach Berlin: ZDF-Korrespondent Udo van Kampen.

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zdf/Kerstin Bänsch

Nach „Wetten, dass..?“ verliert das ZDF einen weiteren Klassiker. Udo van Kampen, 65, arbeitete mit Unterbrechungen insgesamt 19 Jahre lang als Korrespondent in Brüssel. Mit dem EU-Gipfel zum Wochenausklang ist Schluss. Ein Blick zurück auf Brüsseler Runden und veränderte Arbeitswelten.

Herr van Kampen, der letzte EU-Gipfel, schwingt da Wehmut mit?

Nein, überhaupt nicht. Ich schaue auf eine spannende Zeit zurück, in der sich in Europa viel bewegt hat.

Haben Sie die Zahl Ihrer EU-Gipfel gezählt?

Nein, aber den spannendsten kann ich gleich nennen. Dezember 1989 in Straßburg, unmittelbar nach dem Fall der Mauer. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher hat sich damals vehement gewehrt, über die deutsche Einheit zu reden.

Die dann doch kam…

…und der Euro und die Osterweiterung. Dazu gab es keine Alternative.

Sie waren von 1995 bis 2003 in New York. Wie hat sich bei Ihrer Rückkehr der Blick auf Europa und das neue Deutschland gewandelt?

Deutschland wollte immer geliebt werden in Europa. Das hat sich mit der Euro-Krise schon verändert. Aber Deutschland hat immer davon profitiert, wenn es in Europa nicht als Lehrmeister aufgewachsen ist.

Spürten Sie in der Euro-Krise eine besondere Verantwortung?

Nicht mehr als jeder andere Journalist auch.

Aber als TV-Journalist gelten Sie viel stärker als Gesicht aus Brüssel, haben Sie Ablehnung erfahren?

Nicht direkt als Person, aber als Deutscher schon. Ich habe vor den Europawahlen im Mai eine Dokumentation über Rechtspopulisten und –extremisten gemacht. Ich habe Marine Le Pen in Frankreich begleitet und in Ungarn Veranstaltungen der rechtsextremen Jobbik besucht. Das war erschreckend. Europa darf nicht in eine Phase der Renationalisierung zurückfallen.

Woher kommt Ihre Begeisterung für Europa?

Ich bin in Rheinhessen aufgewachsen, einem Landstrich um Mainz, der lange zwischen Deutschen und Franzosen umkämpft war. Meine Eltern stammen aus Osnabrück, der Stadt des Friedens nach dem Dreißigjährigen Krieg. Das prägt. Ich war schon als Austauschschüler in Frankreich.

Brüssel liebt das französische Leben. Es heißt, in Brüssel habe man in den 80ern um die Mittagszeit nicht in der Kommission anzurufen brauchen, die machten stundenlang Pause…

Das war damals eben so. Romanisches Prinzip. Das hat sich aber längst geändert.

Wurde damals auch mehr gesoffen?

Was ihr Jungen immer glaubt. Eines gilt definitiv. Der Zusammenhalt unter den Kollegen über Ländergrenzen hinweg war enger. Aber wir waren damals auch weniger. Wir haben hart gearbeitet. Es gab viele Gipfel bis in die Morgenstunden, nicht nur bei der Euro-Einführung, auch beim Streit um die Agrarpolitik, Milchquoten und was es alles gab. Dass dabei auch mal ein Bier getrunken wurde, ist normal.

Sie haben in einer Band als Schlagzeuger gespielt. Rockt Europa?

Ich hab mir als Schüler und Student ein bisschen was dazuverdient. Aber eins kann ich sagen: Europa fehlt es definitiv an Rock’n’Roll.

Welches Instrument würden Sie dem neuen Kommissionschef Jean-Claude Juncker denn empfehlen?

Die Lead-Gitarre. Juncker ist ein Glücksfall für Europa, seine Kommission eine kleine Revolution. Juncker muss die EU jetzt von bürokratischem Übereifer entrümpeln und die Reformen vorantreiben. Und Europa braucht eine Reform der Migrationspolitik. Wir brauchen die Möglichkeiten legaler Zuwanderung. Alles andere treibt Menschen in eine inhumane Illegalität.

Und welches Instrument empfehlen Sie Ratspräsident Donald Tusk?

Die Trommel. Er muss Europa den Takt vorgeben und die richtige Schlagzahl finden für die weitere Integration.

Man kann sich Brüssel schwer ohne Sie vorstellen. Werden Sie Europa verbunden bleiben?

Ich werde im Januar nach Berlin ziehen. Wilmersdorf. Da ist es spannender als viele glauben. Zudem leben zwei meiner drei Töchter da.

Und Europa?

Nur so viel: Ich werde Europa weiter verbunden bleiben.

Erwarten Sie zum Abschied ein Ständchen?

Definitiv nicht.

Das Interview führte Peter Riesbeck.