blz_logo12,9

Interview zu Berliner Bühnen: Gebt den Freien dieses Haus!

Hier braucht's eine neue Leitung: das Maxim-Gorki-Theater.

Hier braucht's eine neue Leitung: das Maxim-Gorki-Theater.

Foto:

blz/markus wächter

Berlin -

Nächstes Jahr im Sommer hört Armin Petras am Maxim-Gorki-Theater als Intendant auf. Seit 2006 leitet er das kleinste der fünf Berliner Stadttheater, 2013 übernimmt er das Staatsschauspiel Stuttgart. Das ist seit Mitte Oktober 2011 bekannt. Seitdem sucht der Berliner Senat einen Nachfolger. Zuletzt wurde bekannt, dass mit Nicolas Stemann verhandelt wird (BLZ vom 7. April). Noch ist keine Entscheidung gefallen. Adrienne Goehler (56), 2001/02 für sechs Monate Kultursenatorin in Berlin, fordert: Das Maxim-Gorki-Theater müsse "für neue Formen kultureller Produktionen" freigegeben werden.

Frau Goehler, ist das Stadttheatermodell gescheitert, weil es zu teuer und ineffizient ist?

Man muss das Modell nicht als Ganzes für gescheitert erklären, um zu erkennen, dass seine überkommenen Strukturen gründlich renoviert werden müssen. Schon seit Jahren müssen zum Beispiel alle Tariferhöhungen aus den künstlerischen Etats bestritten werden. Es müsste daher dringend eine dritte (Rechts)Form entwickelt werden, die nicht nur die schlechte Wahl zwischen der Erstarrung in öffentlichen Tarifstrukturen oder die in lebenslangen Intendanzen oder Geschäftsführungen erstarrte GmbH lässt. Es bräuchte Hausverträge, die dem jeweiligen Theater als Tendenzbetrieb verpflichtet wären, es braucht im Wortsinne Spielraum für die künstlerische Weiterentwicklung eines Hauses. Heute haben der Friedhofsgärtner und die Bühnentechnikerin dieselbe Interessenvertretung, das behindert die Kunst, um die es ja gehen sollte.

Vielleicht müssen die Stadttheater ja auch anders geleitet werden.

Sie müssen noch viel mehr an ihrer Durchlässigkeit zu den künstlerischen Formen der freien Szene arbeiten, daraus könnten sich dann auch andere Leitungsstrukturen ergeben, das Stadttheater als coworking-place etwa.

"Es müssen Fesseln durchtrennt werden"

Es gibt doch auch an den Stadttheatern Erfahrungen mit Kollektivleitungen, an der Schaubühne zum Beispiel. Sonderlich erfolgreich war das nicht.

Ist das schon ein Kollektiv, wenn die das Haus Jahrzehnte lang prägende Person ein Fensterchen zu seinem Reich aufmacht?

Die Frage ist doch auch: Was hilft der Kunst? Mattias von Hartz sagt: Die wichtigsten ästhetischen Innovationen im Theater kommen nicht aus dem Stadttheater sondern aus der Freien Szene. Aber gibt es diese Trennung überhaupt noch?

Von Hartz hat absolut recht damit und ja, die Trennung besteht natürlich; manche Theater verleiben sich freie Formate in ihr ansonsten unangetastetes Repertoire- und Ensemble-System ein, in dem die freien Produzenten über einen meist schlecht bezahlten Gaststatus nicht hinauskommen. Davon gehen nicht genügend innovative Impulse aus.

Ist ästhetische Innovation überhaupt die Aufgabe eines Stadttheaters mit Ensemble und Repertoirebetrieb?

Es ist die Aufgabe der Kunst, und das Theater ist ein Möglichkeitsraum und notwendiger Austragungsort; dafür müssen ein paar Fesseln durchtrennt werden.

Die Situation in Berlin ist ja besonders mit fünf Stadttheater in der Stadt. Wenn SieSenatorin wären: Was würden Sie tun?

Diese Situation verpflichtet Berlin nachgerade dazu, Neues auszuprobieren. Die Hauptstadt – auch die der freien Szene, die Berlin ist –, muss ein Laboratorium für Anleihen bei anderen Formen und Strukturen des Wissens und Handelns nehmen. Sie braucht Mut und die Fähigkeit der "Verflüssigung", zum Experiment, das, nach Edzard Reuter, eine Hauptstadt auszeichnen muss. Da würde ich die Gelegenheit beim Schopf packen und das Maxim-Gorki-Theater, das als kleinstes doch oft im Schatten der Aufmerksamkeit für die Großen steht, für neue Formen kultureller Produktionen freigeben, denn sie sind das Kapital von Berlin. Und die Diskussionen in der Stadt zeigen, dass hier dringender "Handlungsbedarf" besteht. Es ginge dabei nicht um ein „Super-Hau“, sondern um einen Etat von rund 8,5 Millionen Euro, der klein ist für ein Repertoire- und Ensemble Haus mit rund 90 Angestellten, aber viel mehr als die gesamte Freie Theaterszene, inklusive Gruppen wie Rimini-Protokoll, Meg Stuart, Sasha Waltz hat. Ich plädiere dafür, das Haus in die Koalition der freien Szene zu geben und damit die Chance für einen öffentlich begleiteten Umbau eines Traditionshauses für die neuen Erfordernisse der Stadt zu eröffnen.

Das Gespräch führte Dirk Pilz



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?