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Berliner Zeitung | Irak und IS: Das sind die Jesiden
13. August 2014
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Irak und IS: Das sind die Jesiden

Jesiden betreten einen Schrein auf dem Gipfel des Mount Sinjar, 400 Kilometer nordwestlich von Bagdad, Irak.

Jesiden betreten einen Schrein auf dem Gipfel des Mount Sinjar, 400 Kilometer nordwestlich von Bagdad, Irak.

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AP/dpa

Bei Karl May tauchen sie auf, als Dschesidi in den Erzählungen über das „wilde Kurdistan“. Für den Ich-Erzähler Kara Ben Nemsi sind sie „Teufelsanbeter“, für Karl May hingegen „Edelmenschen“. Wer sind diese Dschesidi?

Bereits ihr Name ist uneindeutig. In älteren Schriften findet man sie als Yaziden, später als Yeziden oder Eziden, heute meist als Jesiden. Dass sie jetzt ins Licht der Öffentlichkeit treten, ist dem Terror der Dschihadisten des „Islamischen Staates“ (IS) geschuldet, der sich ausdrücklich gegen die Jesiden richtet. Dieser einseitige Hass hat tiefe Wurzeln. Im Kern hat man es aber mit einer innerreligiösen Debatte zu tun: mit dem Streit über die Stellung Gottes und des Menschen in der Welt. Immer in der Religionsgeschichte stehen im Hintergrund der Konflikte unterschiedliche Menschen- und Gottesbildvorstellungen.

Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit. Man weiß nicht, wie viele es sind, schätzungsweise 800.000 weltweit. Der Volkszugehörigkeit nach sind sie Kurden, leben in der Gegend um Aleppo in Syrien, vereinzelt in der Südosttürkei und im westlichen Norden des Irak um den Urmiasee, vor allem aber im nordirakischen Gebirgszug Dschabal Sindschar westlich von Mossul – hier werden sie derzeit von der IS-Armee bedroht. Ermordet, verfolgt und vertrieben werden die Jesiden allerdings seit Jahrhunderten; besonders im 20. Jahrhundert wanderten deshalb viele aus, auch nach Deutschland. Ende Juli erst wurde in Bad Fallingbostel der Bau eines jesidischen Kulturzentrums begonnen.

Der jesidische Glaube ist auffallend wenig erforscht. Viel deutet aber darauf hin, dass er einer der ältesten monotheistischen Religionen schuf. Wie fast alle Religionen hat auch diese sehr verschiedene Einflüsse in sich aufgenommen, vor allem christliche, jüdische, islamisch und zoroastrische. Weil es auch Elemente gibt, die auf den Mithras-Kult und die Kulte der Meder verweisen, ist die jesidische Religion wohl älter als das Christentum und keine bloße Abspaltung vom Islam. Jede Religion ist ein kompliziertes, nicht auf einfache Inhalte und Dogmen reduzierbares Gebilde, auch die jesidische.

Dennoch gibt es einige zentrale Gemeinsamkeiten, so etwa – wie im Christentum – den Ritus der Taufe oder – wie im Islam und im Judentum – die Beschneidung. Anders als von muslimischen Extremisten auch jetzt wieder oft behauptet, haben die Jesiden zudem heilige Schriften, sind also eine Buchreligion, die der Koran als besonders schützenswert betrachtet.

Jeside wird man durch Geburt

Prägender für den Glauben der Jesiden sind allerdings die Unterschiede. So kennen die Jesiden, ähnlich wie Juden, keine Mission: Jeside wird man durch Geburt, wenn beide Elternteile Jesiden sind; deshalb dürfen Jesiden nur untereinander heiraten. Es gehört dabei zum jesidischen Grundverständnis, dass man ein guter Mensch sein kann, ohne Jeside zu sein – die Vorstellung, dass andere von der eigenen Welt- und Gottesanschauung überzeugt werden müssten, ist ihrem Glauben fremd. Ein bemerkenswertes Toleranzgebot.

Theologisch ist für den jesidischen Glauben zentral, dass es zwar den einen höchsten Gott, aber keine Gestalt des Bösen gibt, keinen Teufel wie im Christentum, keinen Iblis wie im Islam. Gott würde nach jesidischer Vorstellung zu einem schwachen Gott werden, wenn es eine zweite Kraft neben ihm gäbe. Jesiden reden deshalb nicht vom Bösen, weil das bereits die Einzigartigkeit Gottes in Zweifel ziehen würde. Die Idee einer Hölle und das Bild eines Paradieses kann es für Jesiden entsprechend nicht geben. Sie glauben vielmehr, dass man nach dem Tod durch Seelenwanderung einen neuen Zustand erreicht. Jeder Jeside wählt sich deshalb zu Lebzeiten eine Jenseitsschwester, einen Jenseitsbruder; durch sie werden Verstorbene in den neuen Zustand geleitet.

Hier liegt einer der zentralen Streitpunkte, vor allem mit dem Islam, auch wenn sich die Vorstellung einer Seelenwanderung in einigen sunnitische Gruppierungen findet. Noch konfliktträchtiger ist wohl die Lehre von den sieben Engeln bei den Jesiden. Einer von ihnen, Tausi Melek, ist der höchste Engel, der im Auftrag Gottes die Welt, Adam und Eva erschuf und von den Jesiden als „heiliger Pfau“ verehrt wird. In Scheich Adi ibn-Musafir, einem Sufi, hat er im 12. Jahrhundert seine wichtigste Reinkarnation erlebt. An seinem Grab in Lalisch bei Mossul findet jedes Jahr im Oktober das wichtige jesidische Versammlungsfest statt.

Jesiden praktizieren eine "Geheimreligion"

Eines der Vorbilder für Adi ibn-Musafir ist jener Hassan al-Basri, der die sogenannte „Schwarze Schrift“, das Meshef Resch, verfasst haben soll, neben dem „Buch der Offenbarungen“ (geschrieben vermutlich von einem Vertrauten Adi ibn-Musafirs) eine der beiden heiligen Schriften der Jesiden. Für radikale Moslems stellt die Existenz solcher Bücher und die Verehrung, verbunden mit der im Islam untersagten bildlichen Darstellung Tausi Meleks, einen Abfall vom muslimischen Glauben dar – auch einer der Gründe für ihre Verfolgung. Neben der Unterstellung, der Glaube an Tausi Melek mache die Jesiden zu „Teufelsanbetern“ und „Götzendienern“, obwohl dieser Engel für Jesiden nicht gottgleich, sondern Beweis für Gottes Einmaligkeit ist. Auf diese Verunglimpfung des jesidischen Glaubens stößt man immer wieder.

Dabei ist vieles von den Glaubensvorstellungen der Jesiden gar nicht bekannt. Sie praktizieren ihre Gottesverehrung als Geheimreligion. Nicht allen Gläubigen sind die Glaubensgeheimnisse bekannt, nicht alles wird in den Schriften niedergelegt. Wichtiger als Nachschlagbares ist ihnen das Singen religiöser Hymnen und die mündliche Überlieferung, das Erzählen, das Lobpreisen. Was Jesiden glauben, ist damit zu wesentlichen Teilen der Kontrolle von außen entzogen. Das hat geholfen, ihre Religion über Jahrtausende zu erhalten – und sie immer wieder der Verfolgung ausgesetzt. Das Nichtkontrollierbare ist Machtwilligen immer verdächtig.