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Islamwissenschaftlerin zu IS: Zugehörigkeit ermöglicht sozialen Aufstieg

IS-Kämpfer zerstören antike Stätten, schiitische Moscheen und Heiligengräber, so auch diese Moschee mit dem Grab des Propheten Jonah in Mossul.

IS-Kämpfer zerstören antike Stätten, schiitische Moscheen und Heiligengräber, so auch diese Moschee mit dem Grab des Propheten Jonah in Mossul.

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dpa

Anfang Juni begann die sunnitische Extremisten-Miliz „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ ihren Vormarsch aus dem Bürgerkriegsland Syrien nach Bagdad. Inzwischen kontrolliert sie weite Teile von Nord- und Zentralirak, hat ein „Kalifat“ ausgerufen und sich in „Islamischer Staat“ (IS) umbenannt – was ihre Territorialansprüche vom Mittelmeer bis zum Golf skizziert. Dabei bekämpft IS nicht nur Mitglieder anderer Religionen, sondern auch islamischer Konfessionen. Ihr Auftauchen hat die vereinfachende Auffassung bestärkt, dass sich nahöstliche Konflikte auf eine sunnitisch-schiitische Rivalität reduzieren ließen. Darüber sprechen wir mit der Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer.

Die Berichterstattung über die Ereignisse im Irak und der Region konzentriert sich stark auf die Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und den Schiiten. Wird dieser Konflikt hochgespielt?

Ja, aber nicht nur von den Beobachtern des Konfliktes, sondern auch von vielen der Beteiligten. Um diese Auseinandersetzungen zu verstehen, muss man berücksichtigen, dass Religion für die meisten Menschen im Mittleren Osten nicht nur den individuellen Glauben ausdrückt, sondern ebenso die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft beschreibt – und damit die Lebenschancen einer Person. Das gilt für Marokko über Irak bis zu den Golfstaaten, wie auch für Israel.

Maßgeblich ist also vor allem die Religion bzw. Konfession?

Die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft entscheidet zu einem gewissen Grad darüber, welchen Zugang der Bürger des jeweiligen Landes zu Bildung hat, ob er einen bestimmten Beruf ausüben darf, welche Stellung er in der Gesellschaft erreichen kann. Allerdings gibt es neben der religiösen auch noch die ethnische Differenz, namentlich die zwischen Arabern und Kurden, bei der nicht nach Religion gefragt wird.

Wodurch ist der schiitisch-sunnitische Konflikt wieder aufgebrochen?

Die Differenzen zwischen Sunniten und Schiiten wurzeln tief in der Geschichte der Region, und sie sind – in der Regel aus politischen Gründen – immer wieder geschürt worden. Mit Saddam Hussein hat eine sunnitische Elite über die schiitischen Iraker geherrscht, die zahlenmäßig wahrscheinlich die Mehrheit stellten. Die Frage nach der politischen Rolle der Schiiten war mit der Islamischen Revolution im Iran neu gestellt worden, mit dem Sturz Husseins 2003 auch im Irak. Der Vormarsch der IS-Miliz, die eine aggressive Politik gegen die Schiiten betreibt, hat den Konflikt verschärft.

Geht es nur um Religion – oder auch um Macht und Besitz?

In den wenigsten Fällen lassen sich religiöse und politische Ambitionen auseinanderhalten, eben weil von der Gruppenzugehörigkeit politische Rechte, wirtschaftliche Teilhabe und die soziale Stellung abhängen. Dafür ist IS ein Musterbeispiel. Viele ihrer Kämpfer mögen religiöse Motive haben, aber zugleich verfolgt die IS-Miliz eine entschiedene Machtpolitik mit Methoden, die selbst aus islamischer Sicht als illegal und verwerflich gelten.

Was steckt hinter der Idee des Kalifats, das der IS-Chef ausrief?

Die IS-Führer wollen eine Institution aus den Anfängen des muslimischen Reichs wiederbeleben, die für viele Sunniten das Sinnbild einer legitimen, religiös-fundierten Herrschaft darstellt. Ziel ist, die Gewaltherrschaft religiös zu legitimieren.

Für westliche Ohren klingt das archaisch: Ist die Trennung von Staat und Religion an den islamisch-arabischen Staaten vorbeigegangen?

Eine bewusste Trennung gab es tatsächlich nicht. Weit entscheidender ist aber, dass die Bedeutung der erwähnten Gruppenzugehörigkeit sich nicht verringert hat.

Sind Veränderungen absehbar?

Vor allem in Tunesien zeichnet sich eine solche Entwicklung ab. Aber zur Zeit ist eine Abkehr von diesem Prinzip weder für Saudi-Arabien, Syrien oder den Irak realistisch.

Hängen Chancen aber nicht auch von ökonomischen Faktoren ab?

Im Fall des Irak gäbe es genügend Mittel, um eine starke Wirtschaft aufzubauen, die allen Bürgern gute Perspektiven bietet. Das Land hat große Ölvorkommen und fruchtbaren Boden. Die IS-Miliz soll allein in den Banken von Mosul Geld im Wert von umgerechnet 600 Millionen Dollar vorgefunden und mitgenommen haben. Wenn man die Öleinnahmen in die Industrie und Landwirtschaft investierte, statt ins Militär oder die Klientelwirtschaft, würde die Entwicklung im Irak anders verlaufen.

Was müsste der Westen unterlassen oder beitragen, um die IS-Kämpfer zu stoppen, die Entstehung ähnlicher Vereine zu erschweren?

Jeder Konflikt muss in seinem Kontext betrachtet werden. Libanon oder Ägypten, die Palästinenser-Gebiete, Irak oder Syrien sind alle mehrheitlich muslimisch – aber die politischen Systeme und gesellschaftlichen Verhältnisse recht unterschiedlich. In dem einen Land müsste man vielleicht islamische Kräfte unterstützen, in dem anderen Land den Vormarsch einer Gruppe aufzuhalten versuchen. Ganz sicher aber muss man sich damit beschäftigen, welche Ziele bestimmte Gruppen mittelfristig verfolgen – und danach seine eigene Politik ausrichten. Das gilt für die Saudis, die offenbar immer wieder zu kurzfristig planen, wie auch für Deutschland, das zum Beispiel seine Waffenexporte überdenken sollte: Wenn eine Regierung Waffen angeblich für den Grenzschutz haben will, diese in der Praxis aber gegen seine Bevölkerung einsetzt oder gar an radikale Islamisten weitergibt – dann darf eben nicht geliefert werden. Politik kann selbstverständlich nicht alles kontrollieren und jede Entwicklung voraussehen. Aber sie muss sich um Konsequenz und Kohärenz bemühen.

Das Gespräch führte Martina Doering.