image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Jena: Gibt es eine Angstzone Ost?

Wie sieht der Nährboden für rechtes Gedankengut aus?

Wie sieht der Nährboden für rechtes Gedankengut aus?

Foto:

ddp

Dies ist eine Geschichte über Enttäuschung. Über Verletzung, Wut und Missverständnisse. Es ist auch eine Geschichte über den Osten, die Neonazis und die Vergangenheit. Und über die Medien. Über Thüringen, Jena und die „Zwickauer Zelle“.
Wütende, Verletzte sind ungerecht, sich selbst, dem Anderen, ihrer Geschichte gegenüber. Aber sie zeigen sich auch, lassen etwas sichtbar werden, das vorher weggesperrt, eingekerkert war.

Mitte November hat die ZDF-Sendung aspekte einen achtminütigen Beitrag über den Schriftsteller Steven Uhly gesendet. Uhly, 45, ist geborener Kölner deutsch-bengalischer Abstammung. In dem kleinen, feinen Zürcher Verlag secession ist im August sein zweiter Roman erschienen, „Adams Fuge“. Er handelt von einem, der aus einem deutschen Umfeld vom türkischen Vater entführt wird, später zum Mörder, noch später zum V-Mann im rechten Milieu wird. Es ist ein verwirrendes Buch; die Identitäten, Milieus, Herkünfte verwischen, vermischen sich.

Als es im letzten Sommer erschien, glaubten viele in ihm die literarische, auch satirische Antwort auf Thilo Sarrazin zu lesen; Uhlys Held ist weder Türke noch Deutscher, ist Mörder, V-Mann, Opfer. Alles zugleich, und alles jenseits der Sarrazin-Schubladen. Viele haben das Buch gelobt.

Jetzt liest man es anders, jetzt, seitdem Beate Z., Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt zu öffentlichen Figuren geworden sind. Seitdem von der „Zwickauer Zelle“, dem rechten Terror, den skandalösen Verstrickungen des Staates überall die Rede ist. Plötzlich erscheint der Roman als gespenstisch aktuelle Vorwegnahme der Debatte über den Rechtsextremismus.

Die Redaktion von aspekte hat ihn so gelesen – und ist mit Steven Uhly nach Jena gefahren. In Jena wurde, 1998 schon, die Bombenwerkstatt von Mundlos, Bönhardt und Beate Z. entdeckt, hier gehörten sie zur rechtsextremen Vereinigung „Thüringer Heimatschutz“ ehe sie im sächsischen Zwickau untertauchten. Und nun steigt, im aspekte-Film von Güner Balci und Anna Riek, Uhly in Jena-Paradies aus dem Zug, und die Off-Stimme sagt: „Jena, für Leute mit Migrationshintergrund kein Paradies“.
Uhly wohnt in München, in den Osten komme er selten: „Ich sehe nicht deutsch aus, und ich habe einfach zu viel Angst, um mich hier frei zu bewegen.“ Es ist von den Neonazis und Jena als „Teil der ostdeutschen Angstzone“ die Rede. Uwe Luthardt, ein Jenaer NPD-Aussteiger, erklärt Uhly, man könne schon als Migrant in Jena leben, nur dürfe man keine Angst zeigen. Und Uhly sagt: „Das ist bei Hunden auch so.“ Wer Angst zeige, müsse Angst haben.

Jena ist ein gutes Beispiel

Der stadtbekannte Jugendpfarrer Lothar König erklärt im Film, die Neonazis kämen aus einer Bewegung Anfang der 90er-Jahre, als keine Autoritäten mehr Grenzen gesetzt hätten. Uhly meint dagegen, es gebe „eine systemische Energie, die immer noch vorhanden ist und seit dem Holocaust existiert“. Am Ende gesteht er, schlimm sei der Besuch in Jena nicht gewesen, leben wolle er hier dennoch nicht. Er grinst dabei.

Das Grinsen hat die Jenaer aufgeregt. Und die Sache mit der „Angstzone Ost“. Über 4 500 Menschen haben ein Schreiben unterzeichnet, das sich gegen den aspekte-Film wehrt. Er vereinfache und verallgemeinere, er stelle Jena als „braunes Nest“ dar, nirgends werde die erfolgreiche Widerstandsarbeit gegen Rechts erwähnt. Auf Facebook brach eine Kommentarschlacht los, aspekte schaltete sich ein: Man bedaure die Empörung, habe aber Uhly die Möglichkeit geben wollen, „seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen“. Und Uhly selbst erklärte sich in der Lokalpresse; er sei von den Autorinnen des Fernsehbeitrages auf seine Angst reduziert worden. „Was bleibt“, schreibt er, „ist eine weitere unangenehme Episode deutsch-deutscher Verwerfungen.“ Es gebe die „Wessis, die nicht genau genug hinsehen, und Ossis, die sich so verkannt fühlen“. Für viele in Jena bleibt: Hier hat einer sein Buch beworben und eine Sendung Stimmung gemacht, auf Kosten der Stadt.

nächste Seite Seite 1 von 3