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José Padilhas „RoboCop“: Kampfmaschinen in Teheran

RoboCop Alex (Joel Kinnaman) nimmt seine Gegner genau ins Visier.

RoboCop Alex (Joel Kinnaman) nimmt seine Gegner genau ins Visier.

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STUDIOCANAL

Was man 1987 noch für eine groteske Satire und technische Spinnerei halten konnte, ist heute greifbar nah und bedrohlich. Als Paul Verhoeven damals mit „RoboCop“ einen der besten Science-Fiction-Filme der 1980er-Jahre drehte, gehörte die Geschichte um einen Polizisten, dessen körperliche Überreste nach einem tödlichen Einsatz in einem Roboter wieder zum Leben erweckt werden, noch in den Umkreis des Frankenstein-Stoffs.

Wenn José Padilha in seinem Remake und Hollywood-Debüt die Geschichte neu erzählt, entsteht daraus eine wissenschaftlich längst vorstellbare Vision der Gesellschaft von morgen, Und die sich daraus ergebenden moralischen Fragen werden heute bereits diskutiert: Überwachung, Drohnenkrieg, Body- und Neuro-Enhancement – Dinge, die schon sämtlich Wirklichkeit sind, werden hier ins Jahr 2028 weitergedacht.

Ein fiktives Gesellschaftsszenario

Dass im Iran dann nicht nur Drohnen unterwegs sein werden, sondern tatsächlich Kampfroboter auf Beinen: Wer will es ausschließen? Dass in Law-and-Order-Talkshows linke Standpunkte nicht zu Wort kommen: Heute schon Realität bei Markus Lanz! Vielleicht wird man im Jahr 2028 „RoboCop“ betrachten und sich wundern, dort eine bereits längst überholte Welt zu sehen.

Wie Paul Verhoeven bringt auch José Padilha in „RoboCop“ nicht nur eine effektvolle Geschichte auf die Leinwand, sondern ein Gesellschaftsszenario. Im Fernsehen regiert nicht mehr, wie bei Verhoeven, der nackte Schwachsinn, sondern dort macht sich mit Pat Novak ein Rechtsaußen von Talkmaster in der Art eines Propaganda-Ministers breit. Wie, so seine Rhetorik, soll man zum Beispiel verstehen, dass im Iran amerikanische Soldaten in der hintersten Kampflinie hinter Drohnen, Robotern und vierbeinigen Kampfmaschinen ein gefahrloses Leben führen, Polizisten aber in den heimischen Vierteln Tag für Tag um ihr Leben fürchten müssen? Klare Forderung: Auch hier muss Automatisierung her!

Novaks Sicherheitsfaschismus spielt natürlich der Industrie in die Hände. OmniCorp hat die Technologie schon parat, das zu erwartende Auftragsvolumen über 600 Milliarden Dollar macht dem CEO Raymond Sellars (Michael Keaton) bereits den Mund wässrig. Das Problem ist nur: Wer trägt die Verantwortung, wenn ein Roboter einen Menschen umbringt? Die Frage stellt sich bekanntlich auch bei der aktuellen Diskussion um die automatische Steuerung des Autoverkehrs.

In dieser Situation fällt der Polizist Alex Murphy (Joel Kinnaman) einer Autobombe zum Opfer. Dessen Körperreste bieten sich nun für instruktive Weiterverwendung an: Dr. Norton von OmniCorp (Gary Oldman), Prototyp eines brillanten, aber menschlich schwachen Wissenschaftlers, bastelt im Auftrag von Sellars aus Kopf, Herz, Lunge und einer Hand einen hybriden Prototyp aus technischer Intelligenz, maschinenhafter Unverwundbarkeit und menschlicher Humanität. Keine Minute, nachdem dieser RoboCop einer gespannten Öffentlichkeit vorgeführt wurde, entdeckt er in der Menschenmenge einen gesuchten Mörder und nimmt ihn fest. Pat Novak, der Rechtsaußen-Talkmaster, ist begeistert und macht Stimmung gegen den Innenminister Dreyfus, der solche RoboCops aus ethischen Bedenken nicht zulassen will – und natürlich scheitert der Gesetzentwurf bei der Abstimmung.

Der Rest des Films folgt weitgehend dem Vorbild von 1987: Murphy beginnt, den Mordversuch an ihm selbst zu verfolgen und stößt auf eine Verschwörung von Konzern, Polizei und Kriminalität. Hier vermisst man dann doch einen neuen Dreh, jene neue Bedeutungsebene, die bis dahin diese neue Version rechtfertigte; der Schluss wirkt gemessen am gesellschaftlichen Panorama der ersten Hälfte unterkomplex.

Irritation durch Fiktion und Realitätsnähe

Aber auch in diesen geradlinigen Schluss dringen noch die aktuellen Ängste ein, wenn RoboCop Big Data plündert, um daraus, wie es ja auch wirklich geplant ist, das Mosaik des organisierten Verbrechens zusammenzusetzen. Diese Irritation aus Fiktion und Realitätsnähe ist eine Spezialität des Regisseurs. José Padilha hat 2008 den Goldenen Berlinale-Bären für „Tropa de Elite“ („Elite Squad“) gewonnen, einen Film über eine real existierende, mit Brutalität und Effizienz vorgehende Eliteeinheit der brasilianischen Militärpolizei.

Padilha pflegte dort wie auch in „RoboCop“ ein raffiniertes Spiel mit schmutzig-dokumentarischer Optik und ihrer eigenartigen Wirkung. Im Prolog stapfen US-Kampfmaschinen durch Teheran, als Realität beglaubigt durch die Einblendungen eines TV-Senders, und dann sieht man Iraner, die sich als lebende Bomben auf diese Roboter werfen – solche Bilder tun weh, weil in ihnen die zynische Bewertung von Menschenleben ungeschminkt zur Darstellung kommt; zugleich aber schafft die dokumentarische Optik paradoxerweise Distanz, weil sie offenkundig als Blick von jemandem fungiert, etwa als die rechte Perspektive des Talkmasters Novak, der mit Samuel L. Jackson ironisierend besetzt ist.

Ähnliche Techniken hat Neill Blomkamp vor 5 Jahren in seiner kritischen Alien-Apartheid-Fantasie „District 9“ erprobt. Padilhas „RoboCop“ ist nicht nur das brillante Remake eines bemerkenswerten Vorbilds, sondern auch hervorragendes Beispiel eines Science-Fiction-Films, der Schauwerte mit prägnanter gesellschaftlicher Positionierung verbindet.