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Judith Butler Adorno: Tröten gegen Adorno-Preis für Judith Butler

Die Adorno-Preisträgerin Judith Butler am Dienstagabend in der Frankfurter Paulskirche.

Die Adorno-Preisträgerin Judith Butler am Dienstagabend in der Frankfurter Paulskirche.

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Michael Schick

Frankfurt -

Vor den Türen der Frankfurter Paulskirche geht alles seinen gewohnten Gang. Es ist früher Nachmittag und der Himmel dicht bewölkt. Die Menschen eilen mit ihren Einkäufen vorbei. Andere sitzen in den umliegenden Cafés und lassen sich den Kuchen schmecken. Die Straßenbahn rumpelt ihrer Wege, einer asiatischen Reisegruppe werden Sehenswürdigkeiten erklärt. Nichts deutet auf den großen Moment hin: die Verleihung des Frankfurter Adorno-Preises an die amerikanische Philosophin Judith Butler. Erst später, da ist es 15 Uhr, beziehen Polizeibeamte und ein Sicherheitsdienst Stellung. Verschiedene Gruppen haben Demonstrationen angemeldet.

Israel-Fahnen und Flugblätter

Und dann geht es richtig los. Es regnet, blitzt und donnert. Israel-Fahnen werden aufgehängt. Transparente entrollt: „Kein Adorno-Preis für Judith Butler. Keine Ehre für Israel-Hass“, „Gestern Nazis. Heute Hamas + Hisbollah!! Nazis = Hamas. Gerade in Frankfurt“. Vor der Paulskirche bildet sich ein Spalier, die Sicherheitsleute haben ihre Mühe. Flugblätter mit allerlei Bekundungen machen die Runde. Es wird gestritten und gerufen: „Warum gehst Du da rein, warum stellst Du Dich nicht zu uns?“ Über hundert Menschen demonstrieren lautstark und mit Tröten gegen Judith Butler. Auf der anderen Seite steht ein versprengtes Häuflein Butler-Anhänger: „Thank you Judith“.

Die Stadt Frankfurt heißt ihre Preisträgerin willkommen. Die Jüdische Gemeinde ist offiziell nicht vertreten. Der Oberbürgermeister hat andere Termine. Im Vorfeld waren seitens des Kuratoriums vereinzelte, mehr und auch weniger freundliche Worte zu vernehmen. Einigermaßen erstaunlich, sollte man doch davon ausgehen können, dass sich ein Gremium, nachdem es eine Entscheidung verkündet hat, öffentlich wahrnehmbar zu seiner Wahl steht − ganz unabhängig von den ja sehr wahrscheinlichen Meinungsunterschieden bei der Entscheidungsfindung. Es fehlte die Haltung. Dem Preis und der Stadt hat’s nicht gut getan.

"Denkerin unserer Zeit"

Immerhin, die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz bekannte sich schon früh mit einem klaren Bekenntnis zu Judith Butler. Und der Philosoph Rainer Forst, ebenfalls Mitglied des Kuratoriums, verteidigte seine amerikanische Kollegin als „Denkerin von Weltrang“ und „würdige Preisträgerin“. In der Paulskirche begrüßt dann auch der Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth „ganz herzlich“ seine diesjährige Adorno-Preisträgerin und lobt sie endlich als „maßgebliche Denkerin unserer Zeit“. Auf die Diskussion der letzten Wochen geht er kaum ein, hebt allerdings hervor, dass Butler noch einmal ihre Ablehnung jeglicher Gewalt deutlich gemacht habe.

So geht dann auch die Preisverleihungsdramaturgie ihren gewohnten Gang. Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen (Frankfurt) hält die Laudatio. Dabei betont sie den politischen Charakter von Butlers philosophischem Werk. Mit ihrer These vom sozial konstruierten Charakters des Geschlechts habe sie weit über die Geisteswissenschaft hinaus gewirkt. Nun ja, wohl wahr, entscheidender aber dürfte Geulens folgende Feststellung sein: „Dieser Preis kommt sehr, sehr spät. Heute wird zum ersten Mal eine Frau mit dem Adorno-Preis geehrt.“ Stimmt, damit hat Geulen Recht. Mit allem hat sie Recht. Kein Widerspruch, sondern artiger Applaus.

Butler bedankt sich auf Deutsch

Bei der Überreichung der Preisurkunde werden dann allerdings doch Proteste im Publikum laut. Bis dann endlich Judith Butler selbst das Podium betritt. Jetzt ist es ruhig. Die Philosophin bedankt sich auf Englisch, hält dann aber ihre Dankesrede auf Deutsch. Mit Bezug auf Adorno möchte sie sich der Frage widmen, ob es ein richtiges Leben im falschen gebe. Dabei kommt sie auf das Falsche ökonomischer Ungleichheit zu sprechen, erwägt dann aber das grundsätzlichere Problem, dass „wir nicht über alle Bedingungen unseres Lebens verfügen“ und deswegen dem Einfluss und der Lenkung anderer unterworfen sind: Subjekt-sein bedeutet immer unterworfen sein.

Damit ist Butler bei ihrem Thema – der allgegenwärtigen Herrschaft „bio-politischer Regime“. Sie spricht vom „unbetrauerbaren Leben“ und damit von den politischen wie ökonomischen, nur allzu gerne auch moralisch verbrämten Ausgrenzungsregimen, die Menschen zu einem wertlosen Leben verurteilen und in die Schattenwelten verdrängen, für die sich keine Öffentlichkeit mehr zureichend interessiert: Menschen ohne Papiere, Kriegs- und Hungerflüchtlinge, Gefangene und Gefolterte. In Zeiten des Neoliberalismus, so Judith Butler, leben immer mehr unbehauste, für unwert erklärte Menschen, deren Leiden und Sterben wir hinnehmen – geschehen lassen.

Aporien des Kampfes

Ob es ein richtiges Leben im falschen gebe, widmet Butler vor diesem Hintergrund in die Frage nach den richtigen Formen des Protestes und des Widerstands um. Leben wird so zum Inbegriff für den „Kampf um Gerechtigkeit“. Sie beschließt ihre Überlegungen mit der Erörterung der allfälligen Aporien eines solchen Kampfes, der immer auch ein Kampf gegen sich selbst ist und zugleich ein Kampf mit anderen und also auch einer in Abhängigkeit von anderen: ein „radikal-demokratisches Projekt“. Wie das genau auszusehen hat, lässt Butler, schließlich hält sie nur eine kurze Dankesrede, offen, lädt aber zu einem weiteren Nachdenken ein.

Ein kämpferisches Gesprächsangebot, erneut. Auf die Kontroverse um ihre Person und den Adorno-Preis ist sie indes nicht mir einem Wort eingegangen. Wer will, soll sich endlich mit ihrem Denken beschäftigen. Oder es bleiben lassen. Wie die Demonstranten vor der Paulskirche: Zum Ende der Preisverleihung machen ihre Tröten wieder gar mächtigen Lärm. Der Kirchenbesucher nimmt’s hin und geht nach Hause. Judith Butler aber hat dem Preis alle Ehre erwiesen.