Die gold-glänzende Kuppel der Neuen Synagoge in Berlin.
Foto: dpa/Soeren Stache
Die gold-glänzende Kuppel der Neuen Synagoge in Berlin.
Foto: dpa/Soeren Stache
Berlin –
Die Jüdische Gemeinde zu Berlin steckt in der Krise – sie hat kein Geld mehr. Am Sonntag wählt sie 21 neue Repräsentanten, eine Art Parlament. Und es entscheidet sich zugleich das Schicksal der Gemeinschaft.
Das Wahlbüro liegt am Ende eines langen Ganges im 3. Stock. Ein weißer Zettel klebt an der Tür. Drinnen stapeln sich graue Kästen an der Wand – die Wahlurnen. Später sollen sie auf die Wahllokale verteilt werden. Eine Urne für jedes Wahllokal und genauso viele Zettel wie Wahlberechtigte. Keiner weniger und auch keiner mehr, nicht so wie beim letzten Mal im Dezember, als vier Wahlzettel zu viel in einem der Kästen landeten. Bis heute weiß keiner wo die herkamen, aber wegen dieser vier Zettel muss nun die ganze Wahl wiederholt werden. Das kostet. 30 000 Euro, heißt es.Eine Frau stößt die Tür zum Wahlbüro auf, sie hat es eilig. Sie will jetzt schon ihre Stimme abgeben. Am Sonntag hat sie keine Zeit. 21 Männer und Frauen hat sie ausgewählt von den 63 Kandidaten. „Nur die Besten“, sagt sie. Dann steckt sie ihren Zettel in den Safe, mit den Umschlägen der Briefwähler. Und was wird, wenn es die anderen werden? „Furchtbar wird das“, murmelt die Frau. Dann geht sie schnell.
Eine eigenartige Stimmung herrscht bei der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in diesen Tagen. Und das liegt nicht nur daran, dass die Wahl der Repräsentanten wiederholt werden muss, sondern vor allem an den Entscheidungen, die bald getroffen werden müssen – von jenen 21 Gemeindemitgliedern, die ab Sonntag die neue Repräsentantenversammlung bilden. Die Versammlung ist eine Art Gemeindeparlament, sie bestimmt den neuen Vorstand, beschließt den Wirtschaftsplan und gibt Richtlinien jeder Art vor.
Ein paar Türen vom Wahlbüro entfernt sitzt Judith Kessler an ihrem Computer und arbeitet an einer neuen Ausgabe der Gemeindezeitung Jüdisches Berlin. Die Wahl wird bei ihr nur als Zahlenwerk vorkommen. „Sonst benutzen mich die Gemeindemitglieder als Sprachrohr“, sagt sie. Die eigene Berichterstattung beschneiden, um sich gegen Einflussnahme zu schützen: Der Kleinkrieg der verschiedenen Gemeinde-Gruppierungen kennt offenbar keine Grenzen.
Es ist ein großes altes Haus, in dem die Gemeinde ihr Zentrum hat. Das Haus gehört zu der Neuen Synagoge, deren Vorderfront an der Oranienburger Straße steht und die 1943 von Fliegerbomben schwer beschädigt und 1958 gesprengt wurde. Nur die Kuppel blieb im Original erhalten und die ehemalige Frauenempore.
Seltsam leer wirkt das Haus in diesen Tagen. Ein paar Touristen sind gekommen. Sie klettern die Treppen hoch in die Kuppel, wo ihnen ein außerordentlich gut informierter Wachmann ein bisschen was zur Geschichte erzählt. Viele der Touristen kommen aus Israel, dort ist Berlin gerade angesagt. Auch als Wohnort. Die meisten Gemeinde-Neumitglieder sind derzeit aus Israel. Wer zur Besichtigung kommt, sieht auch den Hinterhof. Mit dunklem Stein sind die Umrisse des früheren Gotteshauses dort angedeutet, die Säulen, der immens große Gebetsraum. Die Vergangenheit.
Um etwas über Zukunft dieser Gemeinde und ihrer 10 500 Mitglieder zu erfahren, muss man weitergehen, in die zweite Etage, ins Büro von Lala Süsskind, der Noch-Vorsitzenden. Vier Jahre lang war sie der Kopf dieser Gemeinde. Nun hat sie genug.
Ihr wuchtiger, schwarzer Schreibtisch fällt als erstes ins Auge. Fotos der Enkelkinder stehen darauf. Die Bilder wird Süsskind erst zum Schluss, in ein paar Wochen, einpacken. Sie will ihr Amt bis zum letzten Tag voll ausfüllen. Bis dahin bleiben die Fotos, wo sie sind. Auf diesem Tisch, im Vorstandsbüro. Als Boten einer Zeit, in der sich Lala Süsskind vor allem um ihre Enkelkinder und sich selbst kümmern wird, und nicht mehr 60 Stunden in der Woche um die Gemeinde.
Die Familienfotos wirken wie ein Kontrapunkt zu den Problemen der Gemeinde. Denn hier wählt sich eine Gemeinschaft eine Führung, deren größte Aufgabe es sein wird, zu verhindern, dass die Gemeinde in einen finanziellen Abgrund stürzt. Sollte das nicht gelingen, droht der größten Jüdischen Gemeinde in Deutschland – mühsam nach dem Holocaust über Jahrzehnte wieder aufgepäppelt – vielleicht sogar die Spaltung und der Zerfall in kleine, einzelne Gruppierungen.
Lala Süsskind hockt in ihrem Büro auf der Kante einer schwarzen Ledercouch, ein bisschen wie ein kleiner Vogel, der sich zum Abflug bereitmacht. Zierlich, sehr gepflegt und lebhaft gestikulierend sitzt sie da und sagt drastische Dinge. „Diese Repräsentanten – schlimm ist das!“ Wissen, dass sie vor dem Abgrund stehen, aber wollen nichts dagegen unternehmen.
Eine Pleite? Undenkbar
65 Jahre ist Lala Süsskind alt und überaus vital. Sie ist eine Kämpferin. Als sie vor vier Jahren den Laden übernommen hat, wie sie es salopp ausdrückt, hat sie gleich gesagt, wie schlecht es der Gemeinde finanziell geht. Süsskinds Kur ist brutale Offenheit. Sie hat über das Finanzdesaster auf Versammlungen in der Gemeinde geredet und auch mit dem Senat. Sie hat von Mitgliedern und Mitarbeitern schmerzhafte Entscheidungen gefordert. Und als sich dennoch nichts verbesserte, lud sie die Presse ins Haus und sprach offen aus, was andere nur denken würden: Die Jüdische Gemeinde steuert in die Pleite. Wäre sie ein Unternehmen, wäre die Pleite schon da.
Trotzdem ist die energische Frau mit der Lösung des Kernproblems - der Sanierung des mit elf Millionen Euro überschuldeten Haushalts – nicht einen Millimeter vorangekommen. Obwohl sie die Mitarbeiterzahl von 400 auf 315 gesenkt hat. Obwohl sie Zuschüsse zu Projekten verweigert hat, die jüdische Realschule abschaffte und die Preise für den Schulbus erhöhte. Obwohl all diese Maßnahmen das Defizit erheblich reduziert haben und dazu führten, dass Süsskind von manchen Mitgliedern als Verbrecherin beschimpft wurde – das Strukturproblem blieb ungelöst: Seit Jahren wird erheblich mehr Geld ausgegeben als eingenommen.
Der Grund sind die Betriebsrenten, die die Gemeinde ihren Mitarbeitern bezahlt. Ein Haushaltsposten, der die Gemeinschaft schon jetzt überfordert und der immer größer wird.
Erst am 14. Dezember hat Lala Süsskind wieder versucht, in dieser Frage etwas zu bewegen. Die Repräsentanten sitzen an jenem Tag im Gemeindehaus an der Fasanenstraße in Charlottenburg. 21 Männer und Frauen hocken an langen, kahlen Tischen im Kreis und reden über Geld, das sie nicht haben. Sogar der Kulturstaatssekretär des Senats André Schmitz ist gekommen. Schließlich gibt der Berliner Senat der Gemeinde aus der Landeskasse aufgrund eines Staatsvertrages jedes Jahr 9,3 Millionen Euro für Personal, religiöses Leben, Sicherheit und Renten. Schmitz ist gekommen, um den Repräsentanten ins Gewissen zu reden. Er appelliert, will aufrütteln: „Sie müssen ihr strukturelles Defizit in den Griff bekommen, sonst werden sie handlungsunfähig.“ Aber die Sitzung endet im Tumult, Zuschauer rufen dazwischen, schimpfen, brüllen. Der Versammlungsvorsitzende will schon den Saal räumen lassen. Am Ende stimmen nur neun Repräsentanten für den Sparkurs ihres Vorstands, neun enthalten sich der Stimme, einer ist dagegen, zwei abwesend. Antrag abgelehnt. So geht das seit Jahren.
In ihrem Büro auf der Sofakante ist Lala Süsskind noch immer fassungslos über dieses Abstimmungsergebnis. „Wie kann man sich denn enthalten, wenn über die Zukunft der Gemeinde entschieden werden soll?“, ruft sie aufgebracht. Sie weiß, was im Senat hinter vorgehaltener Hand gesagt wird: Pleite gehen dürfen sie nicht. Nicht nur, weil die Gemeinde eine Körperschaft öffentlichen Rechts ist, sondern auch, weil es sich kein Berliner Senat leisten könnte, einen der wichtigsten Beweise, dass jüdisches Leben in Deutschland nach dem Holocaust möglich ist, abzuwickeln. Aber auch über die Alternative sagen sie etwas im Senat hinter vorgehaltenen Hand: dass sich die Gemeinde im schlimmsten Fall auf reine Religionsausübung beschränken muss.
Lala Süsskind springt auf bei solchen Vorschlägen, fuchtelt erregt mit den Armen und nennt die Gemeinde ein Tollhaus.
In ihrem Vorzimmer sitzt Hendrik Kosche. Er hat Verständnis für die Aufregung seiner Chefin. Schließlich sitzt er seit 14 Jahren an diesem Platz und hat in dieser Zeit vier Vorstandsvorsitzende erlebt. „Frau Süsskind war die erste, die dieses Problem angepackt hat“, sagt er. Außerdem war sie die erste Frau, die die Gemeinde in ihrer 340 Jahre langen Geschichte führte und schon damit anders als all ihre Vorgänger. „Alles läuft familiärer und ruhiger“, sagt Kosche, Süsskinds Temperament zum Trotz. Hendrik Kosche hat auf seinem Computer ein Bürgermeister-Foto von Klaus Wowereit als Bildschirmhintergrund, aber er ist bestimmt nicht obrigkeitshörig. Er sagt: „Die Jüdische Gemeinde hat mit fast 11 000 Mitgliedern, mit vier Friedhöfen, einem Seniorenzentrum, einer Kita, zwei Schulen, acht Synagogen die Dimension einer kleinen Stadt. Die Struktur entspricht aber einem Taubenzüchterverein.“ Tatsächlich wird der 27 Millionen Euro umfassende Haushalt zwar professionell verwaltet, doch wo es langgeht, entscheiden ehrenamtliche Vorstände und Repräsentanten.
Der 46-jährige Kosche dagegen ist bei der Gemeinde angestellt. Womit er noch 21 Jahre eine Hilfe sein wird – und dann eine Belastung. Das liegt an seinem Arbeitsvertrag. Denn in diesem ist geregelt, dass er Anspruch auf eine betriebliche Zusatzrente hat. Und weil das für alle aktuellen und ehemaligen Gemeindemitarbeiter gilt und die Versorgung, auf die sie Anspruch haben, ausgesprochen großzügig ausfällt, hat die Jüdische Gemeinde ein Problem. Eines, das immer größer wird. Laut einer Studie wird sie im Jahr 2030 bereits fünf Millionen Euro für Rentenzuschüsse ausgeben. Ein Ding der Unmöglichkeit. Verwaltet wird das Problem in der Finanzabteilung, in der dritten Etage, im Nebenhaus. Ein langer Gang mit vielen Türen. Hinter einer sitzt Iren Greszus, die Leiterin. Die Wände sind frisch geweißt, der Fußboden müsste noch gemacht werden. „Ich glaube, es gibt Wichtigeres zurzeit“, sagt die Leiterin.
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