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Jüri Reinvere: So flirrt Musik vor ihrer Geburt

Jüri Reinvere aus Tallinn kennt Moskau und London. In Berlin lebt er seit 2005. Er geht aufmerksam durch die Stadt.

Jüri Reinvere aus Tallinn kennt Moskau und London. In Berlin lebt er seit 2005. Er geht aufmerksam durch die Stadt.

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Lena Rosa Händle

Der Geist von Thomas Mann kommt täglich zum Imbiss an der S-Bahn-Brücke. „Wir müssen ein bisschen warten“, sagt Jüri Reinvere, der hier in Berlin-Schöneberg wohnt. Er kennt die Stelle, wo sich Menschen treffen, die keinen anderen Ehrgeiz mehr haben, als Schluck für Schluck den Akzent der Wirklichkeit zu verschieben. Da! Er kommt: Graue Haare, graue Haut, graue Augen – aber im Anzug, mit Hemd und Krawatte! Der Geist von Thomas Mann setzt sich und gluckert aus dem Fläschchen das Weltüberwindungselixier weg. Nach einer Weile steht er auf und verschwindet. „Zwischen den Schnäpsen geht er nach Hause und wechselt den Anzug“, weiß Reinvere. Tatsächlich erscheint der Geist von Thomas Mann nach geraumer Zeit erneut, jetzt in Schwarz mit Hut, fertig zum Dîner an der Table d’hôte seines Kiosks. Erhabenheit mitten im Schmutz! Es ist eine Szene, in der sich Jux und Jammer umarmen.

Der Este Jüri Reinvere, Komponist, Dichter, Essayist, seit 2005 Berliner, hat nicht nur einen Blick, sondern auch einen tiefen Sinn für solche Gestalten und Schicksale. Vor wenigen Tagen erst hat das finnische Ensemble Meta4 im Bucerius-Kunstforum in Hamburg beim Schleswig-Holstein Musik Festival Reinveres erstes Streichquartett aufgeführt. Es verwendet am Ende Tonband-Dokumente von der Entbindungsstation des Zentralkrankenhauses in Tallinn. Die ätherisch-zarten Klänge der Streichinstrumente münden ins Stöhnen der Kreißenden, den Schrei eines Neugeborenen, den Knall von Türen. Das Streichquartett, Inbegriff des Reinsten in der Musik, trifft auf Blut, Schweiß und Tränen. Auch hier liegen Erhabenheit und Schmutz dicht beieinander, auch hier ereignet sich Hohes mitten im Jammer.

Ein eigenes Gedicht kommt vom Tonband und fädelt sich in die Musik. Es erzählt von Frieden und Einklang ebenso wie vom Plastikmüll, den die Möwen fressen und der sich von den Autobahnen her in die Stadt wälzt; von einem Körper, der die Welt erwartet, und von deren Gleichgültigkeit dem neuen Leben gegenüber, von schlafenden Krankenschwestern, Ratten und Mülltonnen. Aber dazwischen flirrt die Musik in unfassbarer Helle, mit vielen Strichen hinterm Steg der Instrumente, wie im vorgeburtlichen Zustand des Tönens. Die Schlusszeilen des Gedichts – in Englisch, der meistgeschundenen, doch poesietauglichen Sprache – lauten in mühsamem Deutsch: „Der Herbst ist fort, die Nacht wird licht, die Uhren beginnen ihr Werk, Zeit, Existenz und Vollendbarkeit :: ein vollkommener Wintertag in der Dreieinigkeit von weißen Mülleimern und den Möwen und dem Meer, dem All. Darüber – das …All“.

Auftakt zu einem Zyklus von vier Quartetten soll dieses Stück sein, inspiriert von den „Four Quartets“, die T. S. Eliot 1944 herausgebracht hat. Und so wie Eliot in seinen Gedichten Bezüge zu wichtigen Lebensorten – Burnt Norton, East Coker, Dry Salvages, Little Gidding – herstellt, tut es auch Reinvere. Ein vollkommener Wintertag, Zentralkrankenhaus Tallinn – Jüri Reinvere kam hier am 2. Dezember 1971 zur Welt. In der Plattenbausiedlung von Mustamäe ist er aufgewachsen. Flötespielen hat er – neben Klavier und Orgel – gelernt, um einem möglichen Kriegseinsatz durch Dienst bei der Militärmusik zu entgehen. Während der Agonie der Sowjetunion, in seiner Abiturzeit, verbrachte Reinvere Tage auf der Flucht vor den Häschern der Armee. Mit Erfolg.

Er erzählt heute davon ganz ruhig. Aber die zerzauste Seele seines Landes, all die Narben der sowjetischen Besatzung, die inneren Schützengräben von Kollaboration und Widerstand beschäftigen ihn noch immer. Er hat Essays über Erinnerung und Vergangenheitsbewältigung verfasst. Auch seine erste Oper, im April 2012 in Helsinki uraufgeführt, stellt sich diesem Thema. „Fegefeuer“, ein Roman der finnisch-estnischen Bestsellerautorin Sofi Oksanen, liegt ihr zugrunde. Das Libretto hat Reinvere selbst verfasst – auf Finnisch. Er spricht inzwischen sieben Sprachen. Der Konflikt zweier Schwestern, die denselben Mann lieben, wird in die estnische Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts gerissen: Krieg, Besatzung, Terror der Geheimdienste, Vergewaltigungen, politische Morde. Reinvere ist es gelungen, daraus eine Oper zu machen, die in zwei Stunden dies alles bewegend erzählt: auf verschiedenen Zeitebenen und doch klar, mit Figuren, an denen man Anteil nimmt, mit großer Orchesterbesetzung, die der Größe des Gesangs nicht im Wege steht.

Jüri Reinvere hat in Warschau und Helsinki studiert. Die estnische Pianistin und Schriftstellerin Käbi Laretei faszinierte ihn so, dass er ihr einen Brief schrieb. Sie antwortete ihm, und eine große Freundschaft wuchs – nicht nur mit ihr, auch mit ihrem einstigen Ehemann, dem Regisseur Ingmar Bergman, der ihr immer noch verbunden war. Fast anderthalb Jahrzehnte verbrachte Reinvere seine Sommer mit den beiden in Stockholm und auf der Insel Fårö. Sie waren es, die ihn ermunterten, nicht nur Musik, sondern auch Literatur zu schreiben.

Jetzt ist in einem Schöneberger Mietshaus eine neue Oper im Entstehen: „Peer Gynt“ nach Henrik Ibsen, aber mit eigenem Libretto. Per Boye Hansen, der Intendant der Norwegischen Nationaloper Oslo, hat ihm den Auftrag dazu erteilt, beeindruckt von der erzählerischen Stärke und der musikalischen Metiersicherheit des Komponisten in „Fegefeuer“. Im November 2014 wird die Premiere sein. Ein Stück, das so sehr mit Norwegen, mit Ibsen und Grieg verbunden ist, komponiert von einem Esten, der in Berlin lebt? „Ja, genau darum geht es“, sagt Reinvere, „nicht um etwas Nordisches in einem engen Sinn, um etwas viel Universelleres“. Er selbst kennt Moskau so gut wie London, Fårö wie Florenz, Vilnius wie Verdun. In Berlin, wo er Mitglied der Domgemeinde ist, hat er zwar keine Wurzeln geschlagen, aber seine Mitte gefunden. Und den Geist von Thomas Mann.

www.reinvere.de