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Juri Andruchowytsch: Die Ukraine ist kein Anhängsel

Jurij Andruchowytsch, 54 Jahre alt, muss derzeit viele Fragen beantworten.

Jurij Andruchowytsch, 54 Jahre alt, muss derzeit viele Fragen beantworten.

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berliner zeitung/Paulus Ponizak

Der ukrainische Schriftsteller und Essayist Juri Andruchowytsch gehört seit den 90er Jahren zu den wichtigsten literarischen Stimmen seines Landes. Er engagiert sich seit langem für eine Aufnahme der Ukraine in die Europäische Union.

Sie waren Gast der Leipziger Buchmesse, wie haben Sie die Reaktionen der Menschen dort auf die Situation in Ihrer Heimat erlebt?

Es war eine besondere Situation. Alle Veranstaltungen mit ukrainischer Beteiligung waren sehr gut besucht. Es gab ein riesiges Interesse. Ab und zu tauchte die Frage auf, ob es wirklich gut sei, dass die Schriftsteller nicht ihre Texte lesen, sondern die politische Lage kommentieren sollten. Ich denke, man kann die politische Überzeugung des Autors nicht von seinem Werk trennen. Es war wichtig und produktiv, dass nicht nur ich, sondern eine ganze Reihe von ukrainischen Autoren die Möglichkeit hatte zu sprechen, und das Publikum hat das gespürt. Zeitgleich gab es auch einige Genossen, die vor dem Haupteingang Flugblätter verteilten, die von einem faschistischen Putsch in Kiew berichteten und erklärten, die westliche Gemeinschaft müsse Putin in seiner Bemühung unterstützen, einen dritten Weltkrieg zu verhindern. Es war für mich eine interessante Erfahrung, solche Leute zu treffen. Normalerweise kommuniziere ich mit anderen Menschen in Deutschland.

Die deutschen Zeitungen und Rundfunksender erhalten säckeweise Zuschriften und Leserkommentare, die sich über eine einseitige Berichterstattung beschweren. Russlands Intervention auf der Krim wird großes Verständnis entgegengebracht. Den deutschen Medien wird dagegen vorgeworfen, sie betrieben Russland-Hetze.

Meinungsfreiheit ist erfreulicherweise eine Selbstverständlichkeit in Deutschland. Eine Diskussion in diesem Fall ist mühsam. Üblicherweise tauscht man Argumente aus, versucht einander zu überzeugen. Ich habe das Gefühl, dass diese Leute nichts hören wollen. Sie haben eine Meinung und ein festgefügtes Weltbild. Es ist pro-russisch und anti-westlich. Diese Tendenz unter Linken ist selbstzerstörerisch. Linke, die sich offen auf die Seite des Imperialismus stellen – das ist absurd.

Ich habe den Eindruck, es stellen sich linke wie rechte Kräfte auf diese Seite. Beide sprechen der Übergangsregierung in der Ukraine die demokratische Legitimation ab. Und vor allem linke Kommentatoren behaupten, sie sei durchsetzt mit Neo-Faschisten.

Die Übergangsregierung ist legitim. Sie ist mit der Mehrheit der Stimmen im Parlament gewählt worden, auf eine durchaus legitime Weise. Es gibt Nationalisten in der Regierung, keine Neo-Faschisten. Das Problem ist, das nicht mehr unterschieden wird. Nationalismus, Nationalsozialismus, Faschismus wird in einem Atemzug genannt. Die Frage, was ist rechts, rechtsextrem und rechtskonservativ scheint nicht mehr zu interessieren.

Immer wieder erwähnt werden enge Kontakte zwischen der deutschen NPD und der ukrainischen Swoboda, die an der Regierung beteiligt ist.

Vielleicht sollte man auch die engen Kontakte zwischen Marine Le Pen und Alexander Dugin, einem außenpolitischen Berater Putins, erwähnen. Ich höre, dass es enge Kontakte der westeuropäischen Rechtsextremen zu den separatistischen Kräften auf der Krim gibt. Aber zurück zu Swoboda. Swoboda ist eine nationalistische Partei im ukrainischen Parlament. Tatsächlich tendiert sie seit geraumer Zeit in Richtung Zentrum und vertritt keine extremistischen Positionen. Es sind Pragmatiker. Sie plädieren für eine europäische Integration. Dass es auch andere, radikalere Äußerungen von Swoboda gab, vor allem über Facebook verbreitete Äußerungen von Parteimitgliedern, will ich nicht verschweigen. Das war schädlich.

Eine nationalistische Partei also und keine rechtsextreme oder faschistische?

Ja. Nationalismus als Reaktion auf Unterdrückung und Verdrängung. Nationalismus als Emanzipationsbewegung. Wenn Sie wollen, können Sie Lenin dafür haftbar machen. Er betont den Unterschied zwischen einem Nationalismus der herrschenden und der unterdrückten Nationen. Für letztere hegt er durchaus Sympathien und will sie für den Kampf gegen den Zarismus rekrutieren. Ich verstehe aber, dass man in Deutschland mit dem Hintergrund der eigenen NS-Geschichte sehr sensibel auf diese Fragen reagiert.

Beruhen die Missverständnisse auf einer mangelnden Kenntnis der ukrainischen Geschichte? Wie steht es um das Wissen der Deutschen über Ihr Land?

Als ich 1992 zum ersten Mal nach Deutschland kam, war ich verzweifelt darüber, wie wenig man hier über die Ukraine wusste und mit welchen Klischees man sich behalf. In den vergangenen 22 Jahren hat sich das verändert. Immer mehr Menschen wissen und verstehen mehr. Natürlich geht das langsam. Man ist ungeduldig. Das ist die historische Trägheit. Aber so verhält es sich mit diesem Drama.

Kränkt es die Ukrainer, bis heute als Anhängsel Russlands gesehen und behandelt zu werden?

Ja. Es ist vor allem eine Realitätsverweigerung. Viele Berichterstatter kommen in die Ukraine mit der festgefügten Vorstellung, sie sei ein gespaltenes Land, unfähig zu einem Ausgleich der Interessen. Sie machen immer das gleiche. Sie fahren nach Lemberg, sprechen dort mit den Leuten, in Kiew mit anderen und in Donezk wieder mit anderen. Dann erscheint dieses Stück und erweckt den Eindruck von unbedingter Objektivität, man hat mit allen gesprochen, drei verschiedene Meinungen und die Erkenntnis, dass das alles nicht zusammenpasst. Nuancen, Abweichungen, Details kommen darin nicht vor. Die Ukraine befindet sich in einem Prozess der Identitätsfindung. Dass es auch pro-ukrainische Demonstrationen in Donezk gab, erfährt man hier nicht.

Es ist viel und berechtigterweise von einer deutschen Schuld gegenüber Russland die Rede. Von einer deutschen Schuld gegenüber der Ukraine hört man dagegen wenig. Timothy Snyders „Bloodlands“ wird in Deutschland kaum zur Schullektüre avancieren.

Die Ukraine und Weißrussland waren als Kriegsschauplätze vermutlich die Regionen der ehemaligen Sowjetunion, die damals am meisten gelitten haben. Spricht man in diesen Kategorien über die deutsche Schuld, müsste man eigentlich schnell darauf kommen, dass die Ukraine nicht irgendwo weit entfernt liegt, sondern ganz nah.

Aus dieser Haltung resultiert vermutlich auch die Tatsache, dass Deutsche eher bereit sind, Russlands Phantomschmerz in Bezug auf die Ukraine und ihre Unabhängigkeit zu verstehen als den Freiheitsdrang der Menschen auf dem Maidan.

Es ist gut, die Sensibilitäten der anderen zu kennen und zu verstehen. Ich hoffe, auch die Ukraine hat ein Recht auf dieses Verständnis.

Glauben Sie, dass in Deutschland verstanden wird, dass es hier um einen Teil der eigenen Geschichte geht?

Ja. Es gibt inzwischen viele Publikationen, die sich damit beschäftigen. Aber das Arbeitsumfeld von Soziologen und Historikern sind die Universitäten. Es dauert, bis ihre Arbeiten ein breiteres Publikum erreichen. Ich bin da optimistisch.

Muss man den Osten und den Westen der Ukraine tatsächlich kulturgeschichtlich getrennt voneinander betrachten?

Nein. Man muss die Vielfalt schätzen und die Potenziale nutzen, die darin liegen. Ein EU-Beitritt wäre die beste Grundlage dafür, ein Ziel für die Menschen im Osten und im Westen. Wir könnten unsere kulturgeschichtlichen Differenzen kühler betrachten und unsere Leidenschaft auf eine Reform des politischen Systems richten.

Welche Rolle spielt der Sprachenstreit in diesem Zusammenhang?

Dieser Sprachenstreit muss entpolitisiert werden. Der Maidan hat meine Einstellung zu einer zweisprachigen Ukraine geändert. Er war perfekt zweisprachig, russisch-ukrainisch. Die ganze Sprachenvielfalt des Landes war dort präsent. Ich denke, Ukrainisch sollte Amtssprache bleiben. Russisch sollte gepflegt und keinesfalls unterdrückt werden. Beispiel dafür war ein Flashmob, der in den ersten Tagen nach dem Sturz Janukowitschs organisiert wurde. In Lemberg wurde einen Tag lang nur russisch, in Donezk einen Tag lang nur ukrainisch gesprochen.

Sie haben in Moskau studiert und gelebt, als auch ein Großteil des engsten Kreises um Wladimir Putin noch dort studierte. Haben Sie das Gefühl, die Akteure in Moskau zu kennen?

Es sind meine Altersgenossen. Putin ist ein wenig älter. Der russische Ministerpräsident Medwedjew wiederholt immer wieder, Deep Purple sei seine Lieblingsgruppe. Es war auch meine, in dieser Zeit. Ich habe tatsächlich manchmal das Gefühl, dass das Menschen sind, die ich kenne. Alle sind aber auch über die alten Komsomol-Strukturen und den Geheimdienst an die Macht gekommen. Das war nicht meine Welt.

Was haben wir von ihnen zu erwarten?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, wir können nicht immer weiter zurückweichen und den Dingen ihren Lauf lassen. Historische Vergleiche mit 1938 sind populär. Ich will mich nicht auf einen Vergleich zwischen Hitler und Putin einlassen. Aber die autoritären Strukturen Russlands sind nicht mehr länger zu übersehen.

Wird es Putin gelingen, Russland auf Dauer gegen seine Hauptstadt zu regieren? Oder wird der Maidan den Moskauern ein Beispiel sein?

Es gab ja bereits eine Gegenreaktion am vergangenen Wochenende. Mindestens 30.000 sind gegen die Politik Putins auf die Straße gegangen. Die Protestbewegung in Russland ist sehr wichtig für die kommende Entwicklung. Wir haben die Hoffnung, dass der Maidan ein Beispiel geben wird dafür, dass kein Ziel unerreichbar ist.

Das scheint auch für Putin zu gelten. Gestern hat sich die Russische Föderation die Krim einverleibt. Transnistrien bittet um eine Aufnahme. Wo soll das enden?

Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Wir wissen es nicht. Aber es kann sehr wohl auch der Anfang vom Ende Putins sein.

Das Gespräch führte Katja Tichomirowa.


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