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Karl Horst Hödicke: Großstadt als Welttheater

Symbolistisch: Hochhäuser und zypressenartige Pappeln als „Toteninsel“, frei nach dem berühmten Bild des von ihm offenkundig verehrten Symbolisten Böcklin, malte K.H. Hödicke 1986 . Sozusagen „Modell“ stand ihm dafür die Aussicht aus seinem Atelier nahe dem brachen, toten Potsdamer Platz mit den spärlichen Hochhäusern Richtung Kreuzberg.

Symbolistisch: Hochhäuser und zypressenartige Pappeln als „Toteninsel“, frei nach dem berühmten Bild des von ihm offenkundig verehrten Symbolisten Böcklin, malte K.H. Hödicke 1986 . Sozusagen „Modell“ stand ihm dafür die Aussicht aus seinem Atelier nahe dem brachen, toten Potsdamer Platz mit den spärlichen Hochhäusern Richtung Kreuzberg.

Foto:

Sammlung Berlinische Galerie/VG BIld-Kunst, Bonn- 2013

Berlin -

Das muss Hassliebe sein – zwischen diesem Maler und seiner Stadt Berlin. Das Paradoxon setzt sich fest im Kopf beim Gang durch die große Schau in der Berlinischen Galerie – mit Malerei, Skulpturen, Filmen des Berliners Karl Horst Hödicke. Alles in diesen Werkblöcken seit den Sechzigern ist energetische Mischung aus Figur und Stadtlandschaft, aus Anschauung und Experiment – früher ungestüm, mittlerweile lyrischer, abgeklärter.

Nach wie vor aber behandelt Hödicke – dieser Pionier der „Heftigen Malerei“ und der „Neuen Figuration“ in der Bundesrepublik der Sechzigerjahre neben Malern wie Vostell und Polke – die Sujets ohne Unterschied dramatisch expressiv, oft so wie die alten Brücke-Maler. Und stets ist da der Hang zum Abstrusen, leicht Surrealen, Hintersinnigen, egal, ob es Stadtansichten sind, Bäume, Akte oder experimentelle Filme, etwa von Schneekristallen, die ein Kind gezeichnet hat.

Die fast gläsern-transparenten „Passagen“ (Fensterbilder) aus den Sechzigern, dazu die Pflastermotive, die an Werner Heldts „Berlin-am-Meer“-Metapher erinnern – auch wenn bei Hödicke nicht Sand, sondern ein Krokodil unter den Steinen hervorkommt – sie belegen, warum Hödicke die Leinwand als Schlachtfeld der Farben und jene als „Palette der Wirklichkeit“ begreift, nicht als „Gefühlsfarben“. Das gilt auch für die „Nachtbilder (Partituren)“, 1996 bis 2001 – gewidmet dem Himmel über Berlins Großbaustellen. Und da erfindet Hödicke ein ganz unwirkliches Licht: melancholisch, schmutzig, grell. Die Dinge lösen sich auf in Farbe, materialisieren sich stumpf auf der Leinwand.

Den Potsdamer Platz sah er zu allen Zeiten von seinem nahe gelegenen Atelier aus. War sein Blick in den Siebzigern, Achtzigern noch nach oben gerichtet, wie aus der Froschperspektive, und nahm er den Platz noch als „Toteninsel“ wahr, so sah er in den Neunzigern hinab in die Baugruben von Berlins neu zu errichtender Mitte. In seinen Bildern werden diese gleichsam zu archäologischen Stätten. Und dann schaute er frontal auf eine Skyline mit Baukränen und Wolkenkratzer-Skeletten, verfasste die Bilder wie Kompositionen, nur dass die Noten hier von rumpelnden, brummenden, quietschenden Kränen, Baggern, Lastern gespielt wurden, als schwarzbraunrote Balken, Sparren, Träger, Splitt oder Beton auf den Bildgrund knallten. Lautlos schwere Töne, die bisweilen in Gestalt knallroter Flugkörper in den Himmel schossen.

Von der Museumsdecke hängt auch jenes merkwürdige Objekt namens „Kalter Fluss“ von 1969: ein Bitumen-Fass, das sich langsam entleerte, bis der Rest erstarrte und darunter ein Teppich aus dem grauschwarzen Baustoff liegt. Wie immer geht es um Bewegung, jedoch verzögert in ein langes, zähes Fließen. Und so ist der expressive Gestus des Malers erstarrt zum Zeichen für einen kuriosen, freilich undenkbaren Stillstand im Berliner Welttheater. Hödicke male Bilder, „die keine Museumswand neutralisieren kann“, schreibt der Dichter Durs Grünbein. Und setzt hinzu: „Old Westberlin grüßt aus ihnen herüber als der neu konfigurierte Traum eines Sturzbetrunkenen mit Hausbesetzern, Sirenen und Sphinxen.“

Fundstücke aus dem alten Reisekoffer

Oh ja, man verspürt gleichsam in jedem spontanen Pinselschlag, in jedem konzeptuell entschlossenen Zug mit der Rakel (dem Kratzeisen) durch die Farben und steilen Perspektiven den exzessiven Drang des Malers, sich an der Stadt zu reiben: an ihrer widersprüchlichen Geschichte, am Inseldasein im Kalten Krieg und an der neuen, chaotischen, ruhelosen Situation nach dem Mauerfall – als die Claims neu abgesteckt wurden und Berlin globalisiert wurde. Historische, politische Situationen, den Zeitgeist versteht Hödicke in seinen nun ausgebreiteten Werkgruppen präzise wiederzugeben. Und es ist diese immer sichtbare Neugier des aus Nürnberg stammenden, in Berlin Aufgewachsenen auf seine Stadt, vor allem wieder vor und nach seinen vielen Reisen – nach Italien oder New York

Da liegen in einer Vitrine auch die für Hödickes Kunst typischen „Objekte“: Fundstücke aus dem alten Reisekoffer, mit dem er an die verspielte Ironie des französischen Dadaisten und Surrealisten Marcel Duchamp anknüpft. Es sind kuriose Mitbringsel aus Florenz, vom Flaschenöffner bis zur Murmel, vom Lehmbrocken bis zur Streichholzschachtel, vom Stadtplan bis zur Bonbondose mit toten Käfern.

1963, ein Jahr, bevor Hödicke mit Malerkollegen wie Koberling, Petrick, Sorge, Lüpertz – die sich wie er gegen das Diktat der Abstraktion einer neuen, expressiven Figuration zugewandt hatten – die legendäre Selbsthilfegalerie Großgörschen 35 gründete, malte er das Triptychon „Der große Schlachter“. Das der Berlinischen Galerie gehörende Hauptwerk ist den Figuren-Allegorien Beckmanns verwandt, mit ebenso verschachtelter Bildkomposition und verkürzender Perspektive – doch anders als bei dem berühmten Expressionisten aus der Fläche fast ins Plastische getrieben. Ein auf den ersten Blick kraftmeierisches Gemälde mit mystischen Gestalten, gleichnishafter Symbolik, so gemalt, dass im wahrsten Sinne des Wortes „die Fetzen fliegen“, was bei Hödicke nach eigener Auskunft bedeutet, „die Farbe kommen zu lassen ... Es wird eine Farbe angeschlagen und dann auseinandergeschoben, bis sich die Figur zeigt“.

Bald wird Hödicke 75. Der einstige Meisterschüler des Informel-Malers Fred Thieler an der Hochschule der Künste , später und noch bis 2006 dort selbst prägender Lehrer der „Jungen Wilden“ vom Moritzplatz – Fetting, Salomé, Zimmer, Middendorf – , war und blieb realistisch, ironisch, politisch. Im Objekt „Geteert und gefedert“ werden Daunenfedern eins mit einer starren schwarzen Bitumenfläche, spiegelt sich das Schicksal Berlins seit 1933, und in einer Camouflage-Aktion macht Hödicke einen Baum im Berliner Forst zum Gleichnis für Jagen und Gejagt-Sein, für menschliches Tun und Natur.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128. Bis 27. Mai, Mi–Mo 10–18 Uhr.