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Katia Fouquet: Künstler sind arm dran

Immer beengter: Der Künstler Jonas und seine Familie.

Immer beengter: Der Künstler Jonas und seine Familie.

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Edition Büchergilde

Unter dem Titel „Das Exil und das Reich“ veröffentlichte Albert Camus im Jahre 1957 eine Sammlung von Novellen. Ein erstaunliches Konvolut, weil der Schriftsteller und Philosoph sich nicht im Exemplarischen verlor. Statt also nur seine Vorstellung von einer absurden Welt und einer durch Vergeblichkeit geschlagenen Existenz zu veranschaulichen, begab er sich weit in die Niederungen des bürgerlichen Alltags. Herausgekommen sind sechs so anschauliche wie lebendige Kurzgeschichten.

Eine davon ist „Jonas oder Der Künstler bei der Arbeit“ und liegt nun erstmals als Comic vor. Aber was für ein Comic: Der Berliner Zeichnerin Katia Fouquet ist eine ganz hervorragende Übertragung gelungen, farbenfroh und formenreich führt sie uns Camus’ Geschichte vor. Und das will etwas heißen, dürften die meisten mit dem Werk des strengen Franzosen doch eher eine große graue Tristesse verbinden, in der „alles Leben in Wiederholungen vergeht. Es ist die Zeit des Exils, des dürren Lebens, der toten Seele“. Bleischwerer Ernst.

Soweit Camus. Doch Fouquet wählt erst einmal ein kräftiges Blau, Rot und Gelb. Dann spielt sie recht unbekümmert mit den Grundformen, mit Drei- und Vierecken, Kreisen und Ellipsen und selbstverständlich auch den Comic-eigenen Stilmitteln, also Sprechblasen, Bildrahmen, Bewegungslinien oder Lautmalereien. Schließlich changiert sie leichthändig zwischen verschiedenen Kunstrichtungen und landet bei einem quirligen Mix aus Picasso, Miro, Lichtenberg und, das ist eine Referenz an die Gegenwart, einen Hauch von Neo Rauch.

Die Enge der Angst

Die Geschichte selbst handelt von einem jungen begabten Mann, Jonas, der eines Tages beschließt, Maler zu werden und das auch sehr schnell und sehr erfolgreich wird. Doch alsbald muss er feststellen, dass er von dem gierigen und grausamen Kunstbetrieb wie einst der biblische Jonas von einem Wal geschluckt wird. Alle wollen auf einmal etwas von ihm, Sammler, Studenten, Schaulustige... Und von einem Kunsthändler lässt Jonas sich noch übers Ohr hauen, vereinbart einen festen Stückpreis für die Bilder – auch für die künftigen.

Die Verhältnisse wachsen Jonas über den Kopf; auch entfremdet er sich zunehmend von seiner Frau und den Kindern. Gleichzeitig erscheinen strahlende Homestorys über ihn und seine Familie, darf er sogar in der Berliner Neuen Nationalgalerie und im New Yorker Guggenheim ausstellen. Ein Erfolgsmensch, der am Erfolg scheitert und in einen selbst gebauten Verschlag flieht, um sich wieder ganz der Malerei widmen zu können. Doch als er sein Gefängnis nach geraumer Zeit wieder verlässt, ist er völlig entkräftete und ausgezehrt. Sein „großes Werk“ ist eine weiße Leinwand.

Katia Fouquet wechselt im Laufe der Geschichte gekonnt das Farbregister, vor allem werden ihre Farben gedeckter. Doch wirklich großartig ist, wie sie Jonas’ zunehmende Beengung in ihren Bildern einfängt: die Enge der Angst und der Einsamkeit. Dieser Comic ist unbedingt lesens- und sehenswert – und nimmt Camus nichts von seinem Ernst.

Albert Camus, Katia Fouquet: Jonas oder Der Künstler bei der Arbeit. Büchergilde, Frankfurt a.M., 2013. 160 S., 24,95 Euro.