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Kino Julie Delpys "Familientreffen mit Hindernissen": Pogo in der Provinz

Am Strand entfliehen sie den Verwandten.

Am Strand entfliehen sie den Verwandten.

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NFP

Mit ihren Regiearbeiten „2 Tage Paris“ und „2 Tage New York“ hat sich die französische Schauspielerin Julie Delpy als westeuropäische Stadtneurotikerin präsentiert. In dem autobiografisch motivierten Film „Familientreffen mit Hindernissen“ begibt sie sich nun in die heimatliche Provinz, nämlich auf Großfamilienbesuch in die Bretagne. Delpy selbst spielt hier Anna, die Mutter von Albertine (toll: Lou Alvarez), einer ziemlich klugen, pummeligen Zehnjährigen mit Brille, deren lebenskünstlerische Eltern samt Oma lieber in Paris ohne Bad im vierten Hinterhof hausen, als außerhalb der Hauptstadt zu wohnen. Gern besucht die Kleinfamilie die Filmfestspiele in Cannes, wo Tochter Albertine natürlich Filme wie „Apocalypse Now“ oder „Die Blechtrommel“ im Original mit Untertiteln anschaut – ein größerer Kontrast zu den später vor dem Fernseher versammelten „Mister Magoo“ schauenden Kindern ist kaum vorstellbar. Im Bewusstsein ihrer kulturellen Überlegenheit trifft die politisch linke Stadtfraktion nun auf die unzähligen Geschwister, Tanten und Onkel, Neffen und Nichten von Albertines Vater Jean, die sich anlässlich von Omas Geburtstag in dem bescheidenen Haus auf dem Land eingefunden haben.

Gemessen an der Reproduktionsrate ist die Landsippe den Städtern offensichtlich überlegen. Über Sex wird auch viel diskutiert während des Familientreffens. Trotz aller Direktheit verschlägt es die Sippe aber nur zu voyeuristischen Zwecken an den FKK-Strand. Für Albertine ist das ein nachhaltiges Erlebnis: In einer ziemlich komischen Szene entsteigt ihr Adonis den Wellen – der ersten unglücklichen Liebe steht nun nichts mehr im Weg. Während sich die Heranwachsenden beim Pogo in der Disco weitgehend unbeobachtet gegenseitig erkunden, nutzen die Erwachsenen die Zeit für den einen oder anderen Streit. Feminismus trifft dabei auf traditionelles Rollenverständnis, autoritäre Erziehung auf liberale. Der Rassismus der anwesenden ehemaligen Algerien-Kämpfer führt sogar zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Für zusätzliche Anspannung sorgt bei Anna die Angst vor dem Ende der Welt. Schließlich wurde als möglicher Absturzort für die außer Kontrolle geratene US-amerikanische Weltraumstation „Skylab“ (so auch der Originaltitel des Films) ausgerechnet das nordwestliche Frankreich errechnet!

Überflüssige Rahmenhandlung

Vielleicht ist es nur der verwaschenen Erinnerung Julie Delpys geschuldet, aber der Sommer 1979 in der Bretagne scheint auch bei Sonnenschein ein wenig fahl. Und das Erzähltempo ist, trotz aller Albernheiten und Quirligkeit, doch gemächlich. Vergleichsweise deftig wird dagegen das Nebeneinander von Leben und Tod gezeigt: Immer wieder geraten friedliche Schafe ins Bild, die durch den Zaun einen der ihren am Spieß brutzeln sehen. In einer überflüssigen jetztzeitigen Rahmenhandlung wird das Geschehen letztlich zum Plädoyer für die Familienbande zusammengefasst. Dass dazu aber unbedingt das Aushalten von Konflikten gehört, macht Delpys Werk dennoch zu einem ansehnlichen Film.

Familientreffen mit Hindernissen (Le Skylab) Frankr. 2011. Buch & Regie: Julie Delpy, Kamera: Lubomir Bakchev, Darsteller: Lou Alvarez, Julie Delpy u. v. a.; 113 Min., Farbe. FSK ab 12


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