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Kino-Kritik: Matt Damon kauft einen Zoo

Das Leben ist ein Abenteuer: Matt Damon (Mitte) findet sich als Zoodirektor wieder, als Tierpflegerin ist Scarlett Johansson seine große Hoffnung.

Das Leben ist ein Abenteuer: Matt Damon (Mitte) findet sich als Zoodirektor wieder, als Tierpflegerin ist Scarlett Johansson seine große Hoffnung.

Foto:

20th Century Fox

Dylan ist voller Bewunderung für seinen Reporter-Vater Benjamin Mee (Matt Damon). In einem Voice-Over preist der stolze Sohn dessen waghalsige Begegnungen mit aggressiven Riesenbienen, Wirbelstürmen und anderen naturgewaltigen Widrigkeiten, die im schnellen Zusammenschnitt den Prolog zu „Wir kaufen einen Zoo“ bilden. Doch schon wenige filmische Momente später ist es mit dem Aufschauen vorbei: Dylans und Rosies Mutter ist gestorben, und die Kinder sind mit dem überforderten Abenteurer allein. Der Familienhund jault auf, als ihm im morgendlichen Chaos jemand auf den Schwanz tritt, die Ranzen sind nicht gepackt, die Küche ist in keinem guten Zustand: die Dinge befinden sich einfach nicht mehr an ihrem richtigen Platz.

Doch während die siebenjährige Rosie den Verlust der Gewissheiten mit einem gerüttelt Maß pragmatischem Optimismus bewältigt, hadert ihr vierzehnjähriger Bruder mit dem Schmerz; Schulprobleme führen zum Dauerkonflikt zwischen Vater und Sohn. Auch wenn sich Dylan zunächst in der Gewissheit wiegt, dass kein Lehrer einem Kind eine sechs gibt, dessen Mutter ein halbes Jahr zuvor gestorben ist – nachdem er für die Schulausstellung einen zeichnerisch einwandfreien geköpften Glatzkopf präsentiert, der viel Blut spuckt, wird er von der Lehranstalt verwiesen.

Glaubwürdigkeitsprobleme

Der Regisseur Cameron Crowe („Jerry Maguire“) inszeniert diese aus dem Gleichgewicht gebrachte Familie auf lakonisch-warmherzige Weise, mit einem feinen Gespür gerade für die Nöte des Heranwachsenden. Das ist erfreulich zu sehen, denn es scheint zunächst, dass dem erklärten Billy-Wilder-Bewunderer ein Anschluss an seinen sehr persönlichen Coming-of-age-Film „Almost Famous“ gelingen könnte, für das Originaldrehbuch erhielt er damals den Oscar. Dabei verfilmt Crowe hier keinen eigenen Stoff, sondern eine sehr freie Adaption der autobiografischen Erzählung des realen Benjamin Mee. Der englische Zeitungsreporter kaufte 2007 einen runtergewirtschafteten Privatzoo in Devon und lebt seither mit seiner Mutter und seinen mittlerweile acht und zehn Jahre alten Kindern auf dem Gelände, seit seine Frau Katherine kurz nach dem Erwerb des Tierparks ihrem Krebsleiden erlag. Die wirtschaftliche Lage ist anhaltend prekär, das Überleben des Zoos keineswegs gesichert – mithin ein Schicksal wie für Hollywood erdacht. Vielleicht zu viel Realität für Crowe, denn mit dem Erwerb des herrlichen Hauses, an dem eben noch ein Zoo mit zahlreichen großen und kleinen Tieren hängt, gerät „Wir kaufen einen Zoo“ nicht nur recht konventionell, er wirkt im Weiteren auch etwas fahrig und feige. Das Sterben der Mutter wird ausgelagert, überhaupt endet der Film mit der erfolgreichen Eröffnung des Tierparks. Die Verlegung des Schauplatzes von England nach Kalifornien bringt schon witterungsbedingt weitere Glaubwürdigkeitsprobleme.

Soundtrack, der die Story unterläuft

Auf lustige Weise nicht ganz bei sich scheint dagegen das Schauspielerensemble, das im Vergleich zu den tierischen Darstellern eine durchaus seltsame Spezies darstellt. Während Matt Damon als besorgter Vater – sieht man mal vom Zookauf ab – nach im Großen und Ganzen nachvollziehbaren Motiven handelt und Cheftierpflegerin Scarlett Johansson auch in ihrer derben Arbeitskluft ein schöner Anblick ist, scheint der Rest des Personals in eigenen Welten zu leben. Ein Eindruck, der durch den Soundtrack verstärkt wirkt, und wohl als Versuch Crowes zu werten ist, den eigenen Ton zu retten. Denn es gibt wenige Regisseure, die ihre Filme so stark von der Musik her denken wie der ehemalige Rockjournalist Cameron Crowe. Zwar kommentieren auch dieses Mal einzelne Songs von Tom Petty, Randy Newman, Neil Young oder Bob Dylan das Geschehen, für die emotionale Grundstimmung sorgt aber vor allem die Musik von Jón Pór Birgisson (Jónsi), dem Kopf der isländischen Band Sigur Rós. Naturmystizistisch und geisterhaft hallt der synthetische Ambientsound, Klaviergeklimper und Streicher künden vom Werden und Vergehen, gemeinsam erzeugen sie Sphären außerhalb des Verstehbaren. Es ist ein Soundtrack, der die geradlinig erzählte Erfolgsstory bisweilen unterläuft.

Ob die englischen Mees von den fiktiven kalifornischen Entwürfen ihrer selbst profitieren können, ist nicht vorhersagbar. Wie in der britischen Presse zu lesen ist, haben die Besucherzahlen in Devon seit dem Start des Familienfilms aber stark zugenommen. Möge die kalifornische Sonne auf sie und die Tiere scheinen.

Wir kaufen einen Zoo (We Bought a Zoo) USA 2011. Regie: Cameron Crowe; mit Matt Damon, Scarlett Johansson, Thomas Haden Church, u. a. 123 Min.