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Kino: Raubtiere am Couchtisch

Der aufrechte Gang war früher: Nancy (Kate Winslet).

Der aufrechte Gang war früher: Nancy (Kate Winslet).

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Constantin

Ein paar Kinder streiten sich irgendwo. Schnell wird der Ton hitziger, es kommt zu Rangeleien, vielleicht auch zu Schrammen, Beulen oder gar Frakturen, und am Ende heult meist jemand. Jeden Tag kommt das vor. Oft ist es so schnell vergessen wie geschehen, jedenfalls auf Seiten der Kinder. Eltern aber denken nicht selten anders darüber. Die wenigsten wollen oder können ihre Kinder als Unterlegene sehen; dabei spielen wohl Jahrtausende alte Motive eine Rolle. So geht es auch den Eltern in Roman Polanskis neuem Spielfilm „Der Gott des Gemetzels“, der auf dem Theaterstück von Yasmina Reza beruht.

Gemeinsam mit dieser Autorin hat der Regisseur das Drehbuch geschrieben – und einen so dichten, pointenreichen, einen so vibrierenden Film inszeniert, dass man dem Publikum am liebsten „Bitte anschnallen!“ empfehlen möchte. Denn während man noch nicht weiß, ob man denn nun lachen oder weinen soll, wird einem die erzählte Geschichte den Atem nehmen und einen tief in den Kinosessel drücken.

Alles ganz harmlos

Dabei fängt alles ganz harmlos an. Zwei elfjährige Jungen sind in einem New Yorker Park aneinander geraten, und dabei mussten ein, zwei Zähne dran glauben. Nun haben die Eltern des „Opfers“, Penelope und Michael Longstreet, die Eltern des „Täters“, Nancy und Alan Cowan, zu einem Gespräch eingeladen, in dem die Auseinandersetzung der Sprösslinge abschließend erörtert werden soll – damit kein böses Blut zurückbleibt und auch keine rechtlichen Ansprüche entstehen. Die beiden Frauen und Männer sind erwachsen und halten sich für zivilisiert; man kann natürlich über alles reden. Und da sitzen dann also die korrekt menschheitsbewegte Kunstsinnige (Penelope) und der Sanitär-Handelsvertreter mit sozialer Aufstiegsorientierung (Michael) einer hochgestressten Börsenmaklerin (Nancy) und einem unverschämt wirkenden Upper-Class-Anwalt (Alan) gegenüber. Jedenfalls eine Zeit lang – denn immer wieder steht einer von ihnen auf, so als könne er die Begrenztheit des geschmackvollen Longstreetschen Wohnzimmers oder aber den Stress der Konfrontation nicht mehr ertragen.

Denn bald ist klar, dass hier kein Gespräch im Sinne eines Austauschs geführt wird, sondern vielmehr eine Verhandlung. Und deren Gegenstand sind dann schnell grundsätzliche Fragen: erst der Kindererziehung, dann der Ehe und weltpolitischen Lage. Nein, man stimmt keineswegs überein – und zwar nirgends! Penelope etwa ist fassungslos, weil die Cowans so gar nicht mit den hungernden Kindern in Afrika mitleiden. Michael gießt sich derweil den nächsten Drink ein; zur Genüge kennt er diese Reden seiner Frau, denen die Cowans nicht einmal pro forma zuhören. Alan ist zu beschäftigt mit seinem aktuellen Fall, dessen Verlauf er ungeniert über sein Klugtelefon dirigiert.

Wie sich der kultivierte Tunnelblick, der diese beiden Paare aus der gehobenen Mittelschicht gleichermaßen dirigiert, langsam in blanken Hass verwandelt, wie hier die Komplizenschaften wechseln – das mitzuerleben ist ein Fest! Und nachdem Nancy erst einmal auf Penelopes wertvolle Kunstbände gekotzt hat, muss auch keiner mehr so tun, als wolle er noch die Fassade wahren.

Im räumlichen ebenso wie im moralischen Sinn ist Roman Polanski ein Meisterregisseur der Beengtheiten, Phobien und Bedrohlichkeiten. Perfekt sichtbar ist, was ihn hier so gereizt hat: Die beiden Paare schaffen es nicht ins Freie, Offene zu gelangen, obwohl die wahre Natur sie längst im Griff hat. Die Cowans kommen gerade mal bis zum Fahrstuhl, und da kehren sie um, zurück in die Wohnung der Longstreets. Das alles hat etwas ungeheuer Dringliches. Der Oscar-Preisträger Polanski, der auch als Schauspieler gearbeitet hat, drehte den Film in Echtzeit: Jeder Übergang findet im Hier und Jetzt statt, im Wort und Bild.

Wesentlich mitgetragen wird das von vier Darstellern der Spitzenklasse: Jodie Foster spielt Penelope wie mit zusammengekniffenen Hinterbacken, Kate Winslet als Nancy stellt die dominante Ungeduld eines überforderten Menschen drall aus. Christoph Waltz wird als nonchalantes Alpha-Tier die Lacher des Publikums auf seiner Seite haben. Doch die schwierigste Leistung erbringt hier wohl John C. Reilly, der die Grausamkeit in Michael nach und nach zu Tage treten lässt. Immerhin hat der Mann heimlich den Hamster seiner Tochter ausgesetzt!

„Kultur ist ein so mächtiger Teil des Lebens“, doziert Penelope pathetisch, bevor sie gemeinsam mit den anderen zurückfällt in die Primitivität. Keiner tritt hier zurück, wenn der Firnis der Zivilisation weggeätzt wird; sie alle sind Beziehungstäter. Möge doch jemand kommen, der ihnen eins auf die Nase gibt – bis jemand heult. Der Schock würde helfen.

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