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Kino: Schlag nach bei Shakespeare

Aristokrat von Geburt und Dichter aus Neigung: Edward de Vere, der Earl of Oxford (Rhys Ifans).

Aristokrat von Geburt und Dichter aus Neigung: Edward de Vere, der Earl of Oxford (Rhys Ifans).

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dapd

Schrecklich viele Leute sind daran interessiert, dass Shakespeare auch fürderhin bleibt, was er bislang war: der große, mit seinem Namen identifizierte Dichter. Nicht allein die britische Shakespeare-Gesellschaft hat zu bedenken gegeben, was das Vereinigte Königreich verlöre, wenn sich herausstellte, dass Shakespeare keineswegs derjenige war, für den ihn seine Bewunderer halten, sondern nur ein zwielichtiger, ungebildeter Schauspieler und Geschäftsmann beziehungsweise Betrüger, der in seinem Leben keine poetische Zeile zu Papier gebracht hat. Ein Niemand, der einem Begabteren als Strohmann diente.

Die Folgen wären nicht auszudenken, wenn sich diese von Geistesgrößen wie Mark Twain, Charles Dickens, Sigmund Freud oder auch Orson Welles vertretene These irgendwann doch bewahrheiten sollte! Ihre zahlreichen Gegner, die nach Shakespeares Geburtsort benannten Stratforder, schlugen jedenfalls im Vorfeld des Kinostarts von „Anonymus“ schon mal Alarm. Straßenschilder, die den Namen des Dichters tragen, wurden auf der Insel für kurze Zeit symbolisch durchgestrichen oder überklebt: Großbritannien ohne Shakespeare – eine Katastrophe. Es wäre in etwa so wie Deutschland ohne Goethe und Schiller zusammen.

Debatte über Autorenschaft

Wenn man dem neuen Film von Roland Emmerich folgt, ließe sich das Problem einfach beheben: Statt mit Shakespeare müsste man dann all die plötzlich anonymen Straßen und Plätze einfach mit dem Namen Edward de Vere, Earl of Oxford, beschriften. Diesem Adeligen wird nämlich von vielen Anti-Stratfordern die Urheberschaft für Shakespeares Werke zugeschrieben, seit die Debatte um deren Autorenschaft vor mehr als hundert Jahren entflammte.





Argumente dafür gibt es einige. So existieren keine Beweise dafür, dass Shakespeare, der Mark Twain zufolge in einem weitgehend analphabetischen Städtchen aufwuchs, fremde Länder bereist oder gar deren Sprachen erlernt hat. Wie kann er also etwa Italien gekannt haben, das in seinem Werk eine große Rolle spielt? Dass der Sohn von Leuten, die des Lesens und Schreibens nicht kundig waren, so literat gewesen sein soll, erscheint wackeren Vertretern eines sozialen Kastendenkens als völlig ausgeschlossen: der Sohn einfacher Leute ein Dichtergenie? Niemals!

Gewichtiger scheint indes, dass sich die wenigen Belege in Shakespeares Handschrift nur auf ein paar Amtsdokumenten finden sollen – wo er seinen Namen wenigstens sechsmal verschieden schrieb. Es fanden sich keinerlei Manuskripte, Tagebücher, Briefe oder Gedichte in Shakespeares Nachlass. Sein Tod im Jahr 1616 blieb unbeachtet. Die These von der Autorenschaft Edward de Veres hingegen scheint gut gestützt: Das Drama „Hamlet“ etwa weist nahezu autobiografische Parallelen zu de Veres Biografie auf. In Oxfords annotierter Bibel waren genau jene Passagen angestrichen, die Shakespeare benutzt hatte. Zudem war der Earl of Oxford weit gereist, und sein Spitzname lautete „Spear Shaker“.

Soweit also die Lage; der Streit um die Identität des Dichters dauert bis heute an. Den Bogen von unserer Gegenwart zurück in die elisabethanische Vergangenheit schlägt Roland Emmerich nun mithilfe einer Rahmenkonstruktion: Ein Schauspieler will auf einer New Yorker Bühne die „wahre Geschichte“ Shakespeares erzählen. Und schon befinden wir uns im 16. Jahrhundert, das wegen der die Künste fördernden Regentschaft Elizabeths I. als goldenes gilt. Es wird also in diesem Film herrlich luftig mit der ursprünglichen Verwandtschaft von Theater und Film gespielt und auch gleich zweifach die Bühne gewechselt: vom New Yorker Theater hin zum Londoner Globe. Hier wird der Dichter Ben Johnson, ein Rivale Shakespeares, verhaftet, weil er eine politisch allzu anspielungsreiche Komödie aufgeführt hat. Doch bevor das Theater in Flammen aufgeht, gelingt es ihm noch, Shakespeares Werke sicher zu verstecken.

Es folgt eine weitere Rückblende, fünf Jahre früher; so furchtlos wie Roland Emmerich in „Anonymus“ die Zeitebenen verschachtelt, verbindet er auch Verschwörungstheorien, politische Intrigen, Liebesdramen und ästhetische Fragen mit der größten Frage jener Epoche – der nach der Thronfolge, also der Macht. Im Mittelpunkt des Films und vieler Intrigen steht indes de Vere (Rhys Ifans), dem die Künstlerlaufbahn aus Standesgründen versagt ist, weswegen er als Autor nicht öffentlich in Erscheinung treten darf. Das ist die Chance von „Will“ Shakespeare (Rafe Spall), der den Earl bald erpresst mit dessen Geheimnis. Und auch die „jungfräuliche Königin“ Elizabeth I. (Vanessa Redgrave spielt die alte, ihre Tochter Joely Richardson die junge Queen) hat fatale Geheimnisse.

London total

Sehr spannend werden hier mehrere Aufstiegs- und Abstiegsgeschichten parallel geführt. Zur Machtfrage, die in „Anonymus“ vielfältig verhandelt wird, gehört auch die Frage nach der Macht der Kunst in der Gesellschaft, die nach ihrer Abbildhaftigkeit und dem operativen Gestus – hier äußert sich fast Sehnsucht nach einem Publikum, das mitgeht und eine so hohe Deutungskompetenz hat wie jenes im Globe Theatre dieses Films! Ein derartig komplexes und dabei utopisches Werk wird so mancher Roland Emmerich nicht zugetraut haben. Dabei hält sich der als „Master of Desaster“ bekannte Hollywood-Schwabe nicht einmal zurück, wenn es darum geht, sich so richtig im Werkzeugkasten des Mainstreams zu bedienen. Computergenerierte Effekte gibt es satt, etwa wenn das London des 16. Jahrhunderts hier breit auf Totale gezogen wird. Dröges Bildungskino wird man Emmerich nicht vorwerfen können, aber Dumpfbacken-Remmidemmi im historischen Gewand auch nicht. „Anonymus“ ist ein Zeitbild voller Möglichkeiten. Es eröffnet einem die fabelhafteste Erkenntnis: dass man längst nicht alles weiß.

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